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»Demokratie ist auch nur ein Entwurf«

Die Autorin Jana Hensel über betonierte Ereignisse, Utopieverluste und die Verdrängung von Gegenwart

Vor sieben Jahren ging ihr Name groß durch die Medien, als sie die Nachwendegeneration mit »Zonenkinder« in bis dahin ungewohnte Worthüllen verpackte. Kritiker sprachen Jana Hensel die gesellschaftliche Relevanz des Buches ab und bemängelten wiederkäuende Selbstreflexion. Diesem Urteil steht sie selbstbewusst gegenüber. Jetzt erscheint ihr neues Buch über die deutsch-deutsche Gegenwart: »Achtung Zone – warum wir Ostdeutschen anders bleiben sollten«.

Es ist warm an diesem Spätsommermontag im September. Ich treffe Jana Hensel in einem Café am Prenzlauer Berg. Vor sieben Jahren ging ihr Name groß durch die Medien, als sie die Nachwendegeneration mit »Zonenkinder« in bis dahin ungewohnte Worthüllen verpackte. Kritiker sprachen ihr die gesellschaftliche Relevanz des Buches ab und bemängelten wiederkäuende Selbstreflexion. Diesem Urteil steht sie selbstbewusst gegenüber. Jetzt erscheint ihr neues Buch über die deutsch-deutsche Gegenwart: »Achtung Zone – warum wir Ostdeutschen anders bleiben sollten«. Jana Hensel spricht ernst und bestimmt über die ostdeutsche Geschichte, die ihr sehr am Herzen liegt.

kreuzer: Das Thema 20 Jahre Wiedervereinigung wird gerade überall groß inszeniert und gefeiert. Sie selbst haben ein Buch mit dem Titel »Achtung Zone« geschrieben. Ist das nicht Geschichtslobhudelei?

JANA HENSEL: Ich beobachte, dass all die Veranstaltungen zum Gedenken an den Mauerfall eigentlich inhaltslos sind. Sie bereiten das historische Ereignis noch einmal auf, genau so, wie man es schon nach fünf Jahren, nach zehn Jahren, nach fünfzehn Jahren gemacht hat. Diese Erinnerungsfeier ist letztlich formelhaft, sie betoniert das Ereignis. Aus dem Mauerfall ist ein Event geworden. Stadtmarketing, könnte man sagen. Ich sehe das kritisch. Ich finde die Ereignisse zu wichtig, um sie derart zu trivialisieren und stelle in meinem Buch Fragen nach dem Hier und Jetzt.

kreuzer: Gerade für Leipzig, einen wichtigen Ort in der Wiedervereinigungskommunikation. Hier wird die Heldenstadt
durch die Medien gereicht.

HENSEL: Ja, vielleicht rührt mein Unbehagen daher, dass ich aus Leipzig stamme, aus dieser Heldenstadt, wie sie sich nennt. In den Jahren, in denen dieser Mythos noch frisch und überall zu lesen war, bin ich erwachsen geworden. Ich fand schon damals, dass diese Selbstbeschreibung an dem eigentlichen Lebensgefühl vorbeiging. Es brach doch alles auf, die Dinge waren ungeordnet, diffus, aufregend und mitunter schmerzhaft.

kreuzer: Ihr Buch beginnt äußerst provokant, nämlich damit, dass die Wende mit einer Lüge begann.

HENSEL: Das Buch beginnt mit dem Zitat von Willy Brandt »Nun wächst zusammen, was zusammengehört.« Es ist den wenigsten bekannt, dass Willy Brandt diesen Satz – anders, als er selbst behauptet hat – so nie gesagt hat. Brandt hat sich an jenem Abend zweifelnd und eher abwartend über die jüngsten Ereignisse geäußert, aber hat recht schnell gemerkt, dass er mit diesem Satz den Zeitgeist bedienen kann. Diese Verschiebung, die ja zu einem großen Motto geworden ist, fand ich interessant. Ihre Geschichte zeigt, dass zwischen dem, was stattfand, und dem, was die Leute denken und hören wollten, eine Lücke klaffte. Und vielleicht ist das ja noch heute so.

kreuzer: Was bedeutet dieser Satz eigentlich?

HENSEL: Er bedeutet, dass zwei Landesteile zusammenkamen, die in den 40 Jahren davor völlig unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben. Nur wurden die Unterschiede zwischen Ost und West ja schnell eingeebnet. Der Osten setzte alles daran, bald wie der Westen auszusehen, zu denken und zu handeln. Dass das schiefgehen musste, wissen wir heute. Weil es voraussetzte, dass wir uns dem Westen anpassen. Dass wir versuchten, uns fremder Denkkategorien und -koordinaten anzunehmen.

kreuzer: Das reale Zusammenwachsen ist also nur ein Wunschtraum?

HENSEL: Nun ja, mit großen Reibungsverlusten eben. Und mit dem Ergebnis, dass die Ostdeutschen noch immer anders sind. Sie haben nicht nur während der Jahre der Trennung eine andere Geschichte erlebt, sondern auch in den Jahren der Einheit. Sie waren doch vor völlig andere Herausforderungen gestellt als die Westdeutschen. Ich finde, es ist ein erster Schritt, sich dieses Anderssein zu vergegenwärtigen. Denn das, was wir als westdeutsche Realität wahrnehmen, ist ja auch nur Projektion unserer Realität auf die Westdeutschen. Hinter allem scheint ja die große und
letztlich alles bestimmende Frage auf: Wer sind wir?

kreuzer: Ist nicht jeder Mensch anders? Und muss er dieses Anderssein nicht selbst verorten, statt es in die Hände der Gesellschaft zu legen?

HENSEL: Man muss zwischen einem individuellen und einem gesellschaftlichen Anderssein unterscheiden, glaube ich. Ich habe oft beobachtet, dass viele Ostdeutsche sich noch immer einer Art Rechtfertigungsdruck ausgesetzt empfinden. Diese Perspektive will ich aufbrechen. Damals gab es eine völlige Neuausrichtung des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens, da erhält man sich natürlich einen total fremden Blick auf sich selbst.

kreuzer: Was ist die Konsequenz?

HENSEL: Biografien brechen plötzlich überall auf, müssen in Frage gestellt und neu verhandelt werden. Der gesellschaftliche Umbruch wird zu einem privaten. Stellt man sich die Gesellschaft als ein Netz aus Adern vor, wie einen menschlichen Körper, dann ist dieses Adernetz an vielen Stellen gerissen. Ich erzähle im Buch die Geschichte von Jenny Gröllmann und Ulrich Mühe. Diese Auseinandersetzung zwischen den beiden, die an die Öffentlichkeit kam, weil es sich um zwei Schauspieler handelt, kann überall so und so ähnlich passiert sein. In den Familien, zwischen Liebenden und Freunden, zwischen Ehepartnern und Kindern. Da haben doch die eigentlichen Zerwürfnisse stattgefunden. Aber an diese Geschichten heranzukommen ist noch immer sehr schwer.

kreuzer: Liegt das nicht daran, so lehrt es die Politikwissenschaft, dass Diktaturen immer erst nach ein bis zwei
Generationen aufgearbeitet werden?

HENSEL: Aber die Gegenwart ist doch längst da, diese Geschichten finden doch real längst statt. Mich interessiert nicht die Perspektive eines Historikers, der auf abgeschlossene Entwicklungen schaut und sie nachträglich ordnet. Ich schreibe, das entspricht eher einer Suchbewegung.

kreuzer: Aber sollten die Menschen nicht selbst entscheiden, wann sie ihr Leben in Frage stellen?

HENSEL: Auf jeden Fall! Ich verstehe mein Buch auch keineswegs als Aufforderung, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Die Frage, warum viele Ostdeutsche es nicht tun, finde ich genauso wichtig. Ich bin ja kein Politiker, der moralisch urteilt. Sondern ich versuche vielmehr, die Dinge, die real passieren, in meinen Texten gegeneinanderzusetzen. Ich glaube, das ist auch ein bisschen die Aufgabe unserer Generation, weil wir mit einem sehr unverstellten Blick darauf schauen, weil ich nicht automatisch in den Verdacht gerate, meine Biografie in irgendeiner Weise nachträglich rechtfertigen zu wollen.

kreuzer: Mit »Zonenkinder« haben Sie genau für diese Darstellung Ihrer eigenen Generation viel Kritik eingefangen.

HENSEL: Nun, es gab viel Kritik, aber es gab auch große Zustimmung. Es entstand eine Debatte – was will man mehr, wenn man Bücher schreibt?

kreuzer: Kritisiert wurde das Unpolitische und eine generationsübergreifende Selbstreflexion, die nichts anderes als ein normaler Generationskonflikt sei, so stand es vor sieben Jahren in den Zeitungen.

HENSEL: Ich habe »Zonenkinder« geschrieben, weil ich das Gefühl hatte, dass die Geschichte meiner Generation nicht im öffentlichen Bewusstsein war. Dabei habe ich meinen Text als ein Angebot verstanden, nicht als Beweismittel. Den Vorwurf des Unpolitischen jedoch kann ich nicht nachvollziehen. Der Ansatz des neuen Buches ist umgekehrt. Heute habe ich das Gefühl, der Osten ist völlig zugekleistert mit medialen Beschreibungen, mit Klischees, Bildern und Vorurteilen. Er ist oberflächlich überschrieben. Das eigentliche Leben jedoch findet woanders statt.

kreuzer: Die Spaltung zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung ist aber nichts spezifisch Ostdeutsches. Ist nicht das, was Sie beschreiben, auch Heimatgefühl, Nostalgie und weniger die Zugehörigkeit zu einem Staat?

HENSEL: Man muss sich immer fragen, was ist Nostalgie? Es gibt einen politischen Nostalgiebegriff und einen autobiografischen, also eher ein Gefühl von Herkunft. Das ist es, was ich versuche zu erzählen. Von nichts anderem kann ich beim Schreiben ausgehen, denn nur so bin ich ganz bei mir. Das neue Buch beginnt mit dem Jahr 1989. Wir stellen die Wende ja oft als das Ende einer Entwicklung dar, sie ist aber ein Anfang. Sie war ein Schritt ins Offene. Deshalb interessieren mich auch diese Debatten um den Unrechtsstaat nicht. Das Leben, wie es in den letzten 20 Jahren weitergegangen ist, wird oft verstellt von solchen Scheinfragen.

kreuzer: Warum Scheinfragen?

HENSEL: Na, weil doch völlig klar ist, dass die DDR ein Unrechtsstaat war. Das ist historisch eindeutig.

kreuzer: Warum wird dann darüber noch heute gestritten?

HENSEL: Wir haben uns an diesen Fragen festgebissen, weil sie sich medial wunderbar abbilden lassen. Pro und Kontra. Für jede Seite fallen uns Leute ein, die man einladen kann und die dann aufeinander losgehen. So funktioniert jede politische Talkshow im Fernsehen. Aber das heißt nicht automatisch, dass diese Fragen weiterhin die Leute umtreiben, die sie beschäftigen. Die Gegenwart bleibt bei solchen Debatten außen vor. Sie wird verdrängt.

kreuzer: Wie sieht denn die ostdeutsche Gegenwart aus?

HENSEL: Sie ist gezeichnet vom Abbau einer Gesellschaft. Arbeitsplätze verschwanden, Betriebe wurden geschlossen, Leute sind weggegangen, Städte wurden zurückgebaut. Parallel dazu wurde die Gesellschaft immer älter. Der Osten ist eine Schrumpfgesellschaft und wir können dieses Weniger einer Gesellschaft nicht denken, weil wir gewohnt sind, immer von der Idee des Wachstums auszugehen.

kreuzer: Das klingt so, als gäbe es nur Verlierergeschichten. Aber es gab doch auch Gewinner?

HENSEL: Es gibt natürlich beide Seiten. Die ostdeutsche Gesellschaft ist tief geteilt in jene, die es nach der Wende geschafft und jene, die es nicht geschafft haben. Und eine Kommunikation zwischen beiden »Lagern« findet eigentlich nicht mehr statt. Das wurde mir schlagartig klar, als ich mir 2004 in Leipzig die Montagsdemonstrationen gegen Hartz IV angesehen habe. Auf der Straße liefen, anders als die Medien uns glauben machen wollten, keineswegs nur Rückwärtsgewandte, Arbeitsunwillige und PDS-Anhänger. Durch die Leipziger Innenstadt zog das breite Milieu kleinbürgerlicher Lohnempfänger, jene in der DDR einst arbeitende Mitte, die in der Dienstleistungsgesellschaft niemand mehr braucht. Und der andere Teil ging shoppen.

kreuzer: Welche Rolle spielen denn die Erfahrungen der Ostdeutschen im gesamtgesellschaftlichen Kontext?

HENSEL: Noch immer eine zu geringe, finde ich. Schauen wir uns doch nur einmal Die Linke an. Obwohl ich mit ihr nicht sympathisiere, betrachte ich mit Interesse, dass sie seit den letzten Regionalwahlen in Thüringen und im Saarland salonfähig geworden zu sein scheint. Plötzlich wird Die Linke im Berliner Betrieb stärker akzeptiert. Das wirkt auf mich so, als bedurfte es eben doch Oskar Lafontaines und Bodo Ramelows – zwei Westdeutsche –, um dieser Partei eine gesamtdeutsche Akzeptanz zu verleihen. Als Ostpartei konnte man sie rhetorisch an den Rand drängen, war sie ein Überbleibsel, stand sie lediglich für die Erfahrungen der anderen.

kreuzer: Die Kanzlerin ist allerdings eine landesweit akzeptierte Ostdeutsche.

HENSEL: Mit Sicherheit auch deshalb, weil sie ihr Ostdeutschsein kaum thematisiert. Das ist schade. Gerade weil ihre Politik doch eine eindeutig ostdeutsche Handschrift trägt: ihr Misstrauen gegenüber Russland und China; ihre neue Familienpolitik; überhaupt das Faktum, dass sie als Frau Bundeskanzlerin geworden ist, dass sie in der Männerdomäne Politik an allen vorbeigezogen ist. Dieses Selbstvertrauen bringt sie aus der DDR mit. Aber sie benennt es nicht so. Sie passt sich, obwohl sie ganz oben angekommen ist, noch immer an.

kreuzer: Sagt man den Ostdeutschen nicht eigentlich mangelndes Selbstbewusstsein nach?

HENSEL: Wenn Sie mit Selbstbewusstsein das Ostdeutschsein meinen, dann schon.

kreuzer: Woran machen Sie das fest?

HENSEL: Nach einer Lesung in Krakau sprach mich einmal eine junge Frau an und erzählte mir, dass ihr Vater bei der Stasi gewesen sei. Ich war sehr überrascht, so eine Situation hatte ich noch nie erlebt. Danach habe ich angefangen, nach Kindern zu suchen, deren Eltern bei der Staatssicherheit gearbeitet haben. Aber ich fand kaum jemanden. Dabei hatte ich an alle möglichen Leute geschrieben, sogar Anzeigen in Zeitungen geschaltet. Ich frage mich, warum ich niemanden fand. Das ist die eigentlich interessante Fragestellung daran.

kreuzer: In unserer aktuellen Titelgeschichte reden wir von gesellschaftlichen Träumen. Was ist aus den Träumen von 89 geworden?

HENSEL: Julia Schoch schrieb einmal einen sehr schönen Satz: »Die Freiheit kann das Ende aller Träume sein.« Nach der Wende waren wir in der Wirklichkeit angekommen, von der viele geträumt hatten. Nun aber galt es, diese Wirklichkeit zu gestalten. Insofern kann man sagen, dass 89 als Ereignis einen riesigen Utopieverlust bedeutet. Mit dieser psychologischen Seite muss man sich als Gesellschaft auch auseinandersetzen. Was bedeutet das eigentlich, wenn man gedanklich immer in einer zweiten Realität gelebt hat? Westfernsehen, Westpakete. Dauernd sind Menschen ausgereist. Diese Alternative gibts heute nicht mehr.

kreuzer: Ist die Suche nach neuen Utopien nicht die große Herausforderung an die Zukunft?

HENSEL: Ich glaube, dass das längst geschieht. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Ostdeutschen in irgendeiner Weise resignieren. Ich glaube eher, dass man, gerade durch die Erfahrungen, sehr wohl bestrebt ist, sich mit seiner Realität auseinanderzusetzen. Die Gesellschaft, in der wir heute leben, ist letztlich auch nur ein Entwurf, der utopische Elemente hat, die wir gestalten müssen. Schwierig ist es, diesen Entwurf in Demokratien überhaupt noch zu sehen
und sie nicht als das nun mal Übriggebliebene zu empfinden.

Zur Person:
Jana Hensel, 1976 in Borna geboren, verbrachte ihre Kindheit in Leipzig. Sie studierte Romanistik und Neue Deutsche Literatur in Leipzig, Marseille, Berlin und Paris. 1999 war sie Herausgeberin der Leipziger Literaturzeitschrift Edit. Jana Hensel war 13 Jahre alt, als die Mauer fiel. 2002 veröffentlichte sie den Erinnerungsband »Zonenkinder«. Das Buch wurde über ein Jahr lang auf der Sachbuch-Bestseller-Liste des Spiegel geführt und verkaufte sich mehr als 350.000 Mal. Im April 2008 erschien »Neue deutsche Mädchen«, ein zweites autobiografisch geprägtes Buch. Am 9. Oktober erscheint ihr neues Buch »Achtung Zone – Warum wir Ostdeutschen anders bleiben sollten«. Jana Hensel lebt in Berlin.

»Achtung Zone« ist am 9. Oktober im Piper Verlag erschienen
Lesung: 29.10., 20.15 Uhr, Lehmanns Buchhandlung
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