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Das Missverständnis vom Kuschelsex

Segelfliegen mit Air live. Und was an dieser Band immer noch so besonders ist

Ach, Air. Über das französische Duo ist schon so viel geschrieben worden. Dass sie mit harmonischen Melodien verzaubern, beispielsweise. Oder, dass sie klingen wie Segelfliegen und romantischer Kuschelsex. Oder beides zugleich. Aber auch, dass sie mit ihrem Debüt »Moon Safari« eine Anspruchshaltung an die folgenden Alben provozierten, die sie nie befriedigen konnten. All das ist irgendwie wahr und trotzdem Quatsch.

Ach, Air. Über das französische Duo ist schon so viel geschrieben worden. Dass sie mit harmonischen Melodien verzaubern, beispielsweise. Oder, dass sie klingen wie Segelfliegen und romantischer Kuschelsex. Oder beides zugleich. Aber auch, dass sie mit ihrem Debüt »Moon Safari« eine Anspruchshaltung an die folgenden Alben provozierten, die sie nie befriedigen konnten. All das ist irgendwie wahr und trotzdem Quatsch.

Natürlich findet die Musik von Air eine Menge Raum für Harmonien und Melodien, viel davon setzt sich beim Hörer fest und lässt nachher vergessen, dass es auch viele Disharmonien gibt und lange melodiearme Passagen, ohne die die harmonischen Melodien kaum genug Kraft entwickeln würden, um so zu verzaubern. Und wie klingt überhaupt Segelfliegen? Leise vielleicht? Air kann man auch laut drehen. Und Kuschelsex? Wahrscheinlich auch eher leise, zumindest zu Beginn. Aber schließlich bleibt Sex Sex, auch wenns kuschelt, und am Ende schmatzt, klatscht und stöhnt es hier wahrscheinlich viel mehr als bei Air. Zum letzten Punkt: »Moon Safari«, das erste Album von Air, war tatsächlich das beste der Band, weil ihm dieser einmalige Spagat gelang zwischen (damals) experimentell-neu und poppig. Ja, der Pop-Faktor mit Hits wie »Sexy Boy«, »Kelly Watch the Stars« und «All I Need« machte dieses Album zu einem der herausragendsten der 90er.

Ebendiesen vordergründigen Pop des ersten Albums haben Nicolas Godin und Jean-Benoît Dunckel seitdem vernachlässigt – bewusst. Einmalig kann man nicht wiederholen, das schließt die Definition des Wortes aus. Dass dies auch für »Moon Safari« galt, haben die selbstreflektierten Herren von Air zum Glück früh realisiert. Sie definieren sich eben nicht über die Songs, die Melodien, die Harmonien, die in der breiten Masse ankommen und Air zu einem Welterfolg machten. Nein, Dunckel und Godin sind Soundästheten, auf der ständigen Suche nach neuen Klängen, die ihr rein analoges Equipment bisher nicht ausgespuckt hat. Deswegen ist die Band so schwer greifbar, deswegen wird ihre Musik als Kuschelsex beschrieben, wobei der Kritiker hier wohl eher seine Erinnerung an die Musik mit einer allgemeingültigen Assoziation verwechselte. Wegen der unablässigen Suche nach Neuland im Sound, basierend auf alter Technik, sind Air mal experimentell, mal verzaubernd melodiös, mal weltbewegend und manchmal belanglos.

Auch das neue Album bedient alle Klischees, spielt den Segelfliegern und den Nörglern in die Karten: »Love 2« ist eben nicht »Moon Safari Teil 2«, aber diesen Anspruch zu erfüllen haben Air auch gar nicht nötig. »Love 2« ist ein typisches Air-Album mit guten Songs, großen Melodien und außergewöhnlichen Klängen. Und es bietet genug neues Material, um das Segelflugzeug auch live starten zu lassen, stelle man sich mal Kuschelsex im ausverkauften Haus Auensee vor … Da fliegen wir doch lieber mit Air! Ayke Süthoff

Air live: 26.1., Haus Auensee
Musik | aus dem kreuzer-Heft 01.10

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