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Die eigenen Ängste überwinden

Im Projekt »U can’t touch this« stehen behinderte und nicht behinderte Menschen gemeinsam auf einer Bühne

Langsam lässt er sich von seinem Stuhl auf den Boden gleiten. Gemeinsam mit seiner Tanzpartnerin rollt er quer über die Bühne, läuft auf Knien, bewegt Arme und Beine zu elektronischer Musik, die sich genauso angenehm durch die Gehörgänge schlängelt, wie der Tanz den Augenblick ausfüllt. Das ist der magische Moment des Stücks.

Langsam lässt er sich von seinem Stuhl auf den Boden gleiten. Gemeinsam mit seiner Tanzpartnerin rollt er quer über die Bühne, läuft auf Knien, bewegt Arme und Beine zu elektronischer Musik, die sich genauso angenehm durch die Gehörgänge schlängelt, wie der Tanz den Augenblick ausfüllt. Das ist der magische Moment des Stücks.

Danach bewegt sich Ingo wieder mithilfe seines Rollstuhls. Seit seiner Geburt ist er spastisch gelähmt. Durch den Tanz fühlt er sich wie neugeboren, wie ein Vogel, der fliegen kann, sagt der 30-Jährige. Schon als Teenager tanzte er in einer Gruppe für Rollstuhlfahrer, außerdem malt er Bilder. Ingo sucht Möglichkeiten die Grenzen, die sein Körper ihm auferlegt, zu überschreiten. Seine Gedanken nach außen zu tragen, auch wenn die Kommunikation schwer ist. Die Tanzperformance »U can’t touch this« ist eine dieser Möglichkeiten.

Mit der Idee, dass jeder Körper seine eigene Schönheit in seiner eigenen Bewegung besitzt, brachte Heike Hennig im Jahr 2006 das Projekt ins Rollen. In Zusammenarbeit mit Uwe Schulze entwickelte Gesa Volland dann eine Choreographie, in der insgesamt fünf zum Teil schwerbehinderte Rollstuhlfahrer sowie vier Tänzerinnen der Leipziger Tanzszene die Bühne zu einem Ort der besonderen Begegnung machen. Eine Begegnung wie gewohnt zwischen Künstlern, gleichzeitig aber auch zwischen Menschen, deren Lebensläufe sich im »normalen« Leben nur selten kreuzen. »Ich hab mich gefragt, wo die Rollis eigentlich alle sind«, erinnert sich Gesa. Dabei besaß im Jahr 2007 in Leipzig jeder 14. Bürger einen Behindertenausweis, für rund sieben Prozent der hiesigen Bevölkerung ist ein eigenständiges Leben, ohne fremde Hilfe, nicht möglich.

Dass auch dieses Projekt für alle Beteiligten eine enorme Herausforderung und der Annäherungsprozess nicht immer einfach war, spiegeln die knapp 60 Minuten Tanz selbst am besten wider. Sind die Bewegungsabläufe anfänglich eher voneinander getrennt, so verwischen im Laufe der Zeit zusehends die Barrieren zwischen den Rollstuhltänzern und ihrem Gegenüber. Gleichzeitig untermalen Videosequenzen, die die Probenarbeit dokumentieren und Bewegungen abstrakt visualisieren, die Performance. Am Ende weiß jeder, wie er den anderen anfassen kann, wie viel Nähe der Partner verträgt und wozu man selbst fähig ist. »Dass Ingo seinen Rollstuhl verlässt, hat er vorher selbst nicht gewusst«, erzählt Marion Müller. Sie ist Sozialpädagogin und arbeitet mit den Rollstuhlfahrern im soziokulturellen Zentrum »Die Villa«, wo sechs Monate lang geprobt wurde.

Wie natürlich geht man eigentlich mit Behinderung um? Wie fühlt sich das an, wenn man keine Kontrolle über seinen Körper hat? Fragen, die sich nicht nur den Tänzerinnen und Machern des Projektes aufdrängen, sondern auch denen, die sich ein Tanzstück mit Rollstuhlfahrern vorstellen sollen. »U can’t touch this« – und was, wenn doch? Eindrücklich spiegelt die tänzerische Interaktion das Gefangensein in der eigenen Realität, denn, was du berühren kannst und was nicht, bleibt doch eine Frage der eigenen Angst, die es immer wieder zu überwinden gilt. Nur gut, dass es Projekte wie diese gibt, die einem das hin und wieder vor Augen führen.


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