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»Ist G-Dur ein aktueller Akkord?«

Sven Regener über Weiterentwicklung, faule Äpfel und Seemannsromatik

Mittwochnachmittag. Irgendwo in Berlin sitzt Sven Regener zu Hause und geht ans Telefon. Man duzt sich, weil das hier ja schließlich Rock ist, wie er selber sagt. Um sich später darauf zu einigen, dass wohl kein Leipziger je in Auerbachs Keller geht. Und über Musik zu reden.

Mittwochnachmittag. Irgendwo in Berlin sitzt Sven Regener zu Hause und geht ans Telefon. Man duzt sich, weil das hier ja schließlich Rock ist, wie er selber sagt. Um sich später darauf zu einigen, dass wohl kein Leipziger je in Auerbachs Keller geht. Und über Musik zu reden.

kreuzer: Auf eurer aktuellen Platte »Immer da wo du bist bin ich nie« reichen sich Euro und Markstück die Hände, ansonsten erzählt auch sie wieder Geschichten aus dem Alltag. Ist eure Musik zeitlos?

SVEN REGENER: Was ist denn bitte aktuelle Musik?

kreuzer: Ich höre jetzt z. B. nicht mehr die Backstreet Boys…

REGENER: Die hatten doch gerade erst ein Comeback …

kreuzer: …sind aber eher gescheitert.

REGENER: Ja? Das weiß ich nicht. Aber was ich meine, ist, es gibt keine aktuelle Musik. Ist G-Dur jetzt gerade ein aktueller Akkord oder nicht?

kreuzer: Gibt es aber nicht Ziele, wo man sich hinentwickeln will, oder tickt ihr noch genauso wie vor 20 Jahren?

REGENER: Niemand tickt noch genauso wie vor 20 Jahren. Ich bin jetzt Ende 40, ich kann gar nicht mehr so ticken wie mit 20 Jahren. Da muss ich mir gar keine Sorgen machen. Und wohin soll man sich denn weiterentwickeln? Ist Weiterentwicklung ein Wert an sich? Wir könnten jetzt natürlich auch so klingen wie Roland Kaiser, das wäre mal was ganz anderes als »Damals hinterm Mond«, so viel ist sicher. Aber wäre das wünschenswert? Ich glaube nicht. Ich habe immer das Gefühl, dass mir Leute, wenn sie von Weiterentwicklung reden, durch die Blume sagen wollen: Macht doch mal was anderes!

kreuzer: Ich wollte eher darauf hinaus, dass es toll ist, dass eure Musik seit 20 Jahren immer noch so gut funktioniert.

REGENER: Ja, das freut mich auch. Darum kann es die Band auch schon so lange geben. Hätte ich persönlich nicht gedacht. Es ist ja nicht so, dass irgendeiner in der Band sagt: Diese Band muss unbedingt existieren. Sondern es ist vielmehr so, dass man fragt: Kommt da noch was? Und solange da noch Songs kommen, gehts. Ich glaube, das Wichtigste an einer Band ist, ob sie noch neue Songs schreiben kann oder nicht. Dass müssen ja nicht die besten Songs aller Zeiten sein, Hauptsache das Songschreiben macht noch Spaß. Sobald man mehr als eine Platte gemacht hat, kommen sowieso die Leute und sagen: Find ich scheiße, die ist nicht so gut wie die letzte. Oder sie sagen: Die zweite finde ich besser als die erste. Aber das hört man ja als Musiker auch nicht so wahnsinnig gerne.

kreuzer: Am besten also gar kein Vergleich?

REGENER: Na, das ist schon legitim. Man darf sich das nur als Künstler nicht zu eigen machen und sich fragen: Was werden die Leute zu unserer Platte sagen? Wie steht sie im Verhältnis zu unserer letzten oder vorletzten Platte? Ist da eine Weiterentwicklung zu erkennen? Das können sich andere Leute fragen, aber nicht der Künstler.

kreuzer: Was sollte der sich fragen?

REGENER: Ob er eine Idee hat und ob die Idee gut ist. Oder ob das nicht doch nur eine halbgute Idee ist. Halbgute Ideen, würde ich empfehlen, wegzutun.

kreuzer: Woran erkennt man, ob eine Idee gut oder halbgut ist?

REGENER: Bei einem Lied erkennt man es, wenn man es öfter spielt und es dann langweilig wird. Sicheres Zeichen dafür, dass der Apfel faul ist, also gleich weg damit. Wir leben ja jahrelang mit einer Platte, spielen die Songs auf den Konzerten und wenn sie dann immer noch Spaß machen, dann ist es eine gute Platte.

kreuzer: Wenn ihr Konzerte spielt, kommt ihr meist auf die Bühne und spielt eure Lieder runter, du rufst manchmal »Romantik!«, sagst ansonsten aber kaum was.

REGENER: Das wäre ja auch kein Rock‘ n‘ Roll. 99 Prozent der englischen und amerikanischen Bands machen das auch nicht. Aber das fällt nur bei den Deutschen auf, weil in Deutschland oft erwartet wird, dass die Musiker ihre Lieder erklären. Dass man Musik mit längeren Texten verbindet und dadurch ein Gesamtkonzept schafft, kommt aus der Liedermacherecke. Das ist okay, aber kein Rock‘ n‘ Roll-Ansatz. Obwohl Rock‘ n‘ Roller das auch machen, aber die schreien dann »Pali, pali, pali« und weiter geht’s, weil Rock‘ n‘ Roll sehr musikzentriert ist.

kreuzer: Euer Erfolg dürfte hauptsächlich von den Texten herrühren.

Von wegen U-Bahn-Romantiker: Element of Crime machen eine Seefahrt

REGENER: Ja, sicher. Aber wenn ich mich da auf die Bühne stellen und einfach nur die Texte vorlesen würde, würden vielleicht hundert Leute kommen und nicht zwei- oder dreitausend. Man darf nicht vergessen, dass die Texte erst dann richtig gut werden, wenn sie gesungen werden. Musik gibt dem Text eine ganz andere Kraft und viele Songs werden auch deswegen so gut, weil gesungen wird. Worte haben ja auch einen Klang. Ich finde auch die Debatte um den Literaturnobelpreis für Bob Dylan falsch, weil das keine Literatur ist. Und ich denke nun nicht, dass Songtexte weniger wert sind als Literatur, aber sie sind eigentlich nicht dafür da, gedruckt zu werden, sondern gesungen und gehört.

kreuzer: Welche Orte oder Personen inspirieren dich denn zu deinen Texten?

REGENER: Wir machen zuerst immer die Musik, die machen wir gemeinsam und ich singe erst mal »blablabla«. Dazu muss ich dann einen Text finden.

kreuzer: Läufst du dann mit der Melodie im Kopf durch die Schönhauser Allee Arkaden, siehst, wie sich jemand übergibt, und schreibst den Text?

REGENER: Ganz so ist es nicht. Das würde ja bedeuten, dass man alles eins zu eins umsetzt, aber man erinnert sich ja auch an Sachen, die vor dreißig Jahren waren. Das Tagesaktuelle ist uninteressant, das kann später keiner mehr nachvollziehen. Die Worte kommen aus dem ganzen Leben. Und natürlich aus dem, was man sich vorstellen kann. Kreativität bedeutet ja, dass man etwas Neues schafft und schöpft.

kreuzer: Z. B. Songs übers Meer. Bist du ein Seemannsromantiker?

REGENER: Das klingt jetzt wie ein Beruf. Ich habe zwar früher mal im Hafen gearbeitet, aber ich brauch kein Seefahrtpatent, nicht mal einen Binnenschifffahrtsführerschein, um Lieder wie »Vier Stunden vor der Elbe« zu machen. Aber das ist ein klischeebeladenes Topos, fast schon barock. Für den Künstler allegorisch sehr attraktiv, denn wirklich um die See gehts natürlich nicht. Nur weil ich einen Song wie »Alle vier Minuten« gemacht habe, bin ich ja auch kein U-Bahn-Romantiker. Interview: Juliane Streich

Element of Crime live: 28.1., Haus Auensee
Musik | aus dem kreuzer-Heft 01.10

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