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Das Bunte in der Grauzone

Neue Orte für Musik im Leipziger Westen

Ein Saxofon lehnt in der Ecke, Leute plaudern, ein weißhaariger Mann bestaunt die neue Four Tet-LP. In wenigen Minuten wird die Band mit ihren Jazz-Kompositionen den Feierabend der Anwesenden versüßen. Draußen warten Einige die Raucherpause ab, um sich noch einen Platz im mittelgroßen Laden in der Könneritzstraße zu sichern.

Ein Saxofon lehnt in der Ecke, Leute plaudern, ein weißhaariger Mann bestaunt die neue Four Tet-LP. In wenigen Minuten wird die Band mit ihren Jazz-Kompositionen den Feierabend der Anwesenden versüßen. Draußen warten Einige die Raucherpause ab, um sich noch einen Platz im mittelgroßen Laden in der Könneritzstraße zu sichern.

Ähnliches könnte sich zur gleichen Zeit zwei Straßenecken weiter abspielen. Schleußig, Plagwitz und Lindenau sind in den letzten Jahren zunehmend wichtiger für die Leipziger Kunst- und Musikszene geworden. Hier gibt es eine Vielzahl von Off-Spaces, darunter AundV, Kuhturm, Raum der Kulturen, EEG, D21 und Ortloff, in denen vorrangig bildende Kunst stattfindet. Aber es gibt auch Läden, in denen Live-Auftritte eine mindestens gleichwertige Rolle spielen und in angenehmer Regelmäßigkeit angeboten werden.

Gut sortierter Wohnzimmer-Plattenladen mit mehr Vinyl als CDs in den Regalen: Klanggarten

Der Klanggarten ist ein gut sortierter Wohnzimmer-Plattenladen mit mehr Vinyl als CDs in den Regalen. Mindestens einmal im Monat gibt hier es Konzerte. Die Bandbreite erstreckt sich von Jazz über Songwriter-Pop hin zu elektronischer Experimentalmusik. Inhaber Christoph Stadelbacher, der sich selbst als »Alleshörer« bezeichnet, beschreibt das Konzept: »Eigentlich war keine Konzertreihe geplant. Mit den ersten beiden Release-Partys von befreundeten Bands kamen andere Musiker aus deren Freundeskreis zu Besuch. Sie suchten Auftrittsmöglichkeiten im kleinen Rahmen. Dadurch ergab sich die stilistische Vielfalt und der Ansatz, hauptsächlich Bands aus Leipzig die Möglichkeit zu geben, hier zu spielen.« Auch international renommierte Künstler wie Eugene Chadbourne und Nils Berg haben dem Klanggarten schon einen Besuch abgestattet.

Das hinZundkunZ besteht seit 2009 und wird im Kern von vier zugezogenen Schweizern betrieben. Zu KunZstoffe e. V. gehören 15–20 weitere Helfer, die Band-Kontakte besitzen und die Abende mit organisieren. Der Laden versteht sich als offener Treffpunkt, an dem Vorträge, Lesungen, Frühstücksvolksküche und eben Konzerte zu erleben sind. Bisher haben etwa Bobby Baby, The Wind Whistles und Tim & Puma Mimi die Georg-Schwarz-Straße 9 beehrt. Die Betreiber halten es keineswegs für Zufall, dass sie in Lindenau aktiv sind. Hier kann man Wächterhäuser nutzen und von günstigen Mieten profitieren. Auf die Frage, ob ihr Projekt auch in anderen Stadtteilen denkbar wäre, erklärt Ivo Bahmer: »Hier herrscht eine Umbruchsituation, es laufen viele Dinge parallel ab.« Im stadtpolitischen Kontext würde Lindenau von bestimmten Leuten als sozialer Brennpunkt bezeichnet, so Ivo. Gleichzeitig existiere eine alternative Stadtentwicklungsschiene mit HausHalten e. V. als Leuchtturm, an den junge, aktive, künstlerisch tätige Menschen andocken können. Darum kommt für ihn nur Lindenau in Frage – und nicht Connewitz. »Dort wäre es mehr Wasser auf Mühlen, die sich ohnehin schon drehen.«

Kassettenumschlagplatz und Auftrittsort in einem: Die Kassette

Gleich um die Ecke vom hinZundkunZ befindet sich Die Kassette. Hier werden seit dem Jahr 2007 Tapes getauscht und die besten Beiträge zur »Kassette des Monats« gekürt. Bands, die hier auftreten, werden gebeten, Mix-Tapes mitzubringen, die dann ausgestellt werden. Einige eingefleischte Fans beliefern den Laden mit liebgewonnenen Scorpions- oder Van Halen-Kassetten, die einen Ehrenplatz unter der Decke erhalten. Mitbetreiber Jacob Schneikart, der auch als Promoter für das Klangbad-Label arbeitet, hat hierher bereits Christy & Emily eingeladen, die im Februar im Cineding spielten. Die Idee, das Singer/Songwriter-Duo aus Brooklyn in der heimeligen Kassette und jetzt in einem Kinoraum spielen zu lassen, zeigt die Suche nach neuen Varianten, um Kunst bestmöglich zu präsentieren.

Alle drei Orte vereint der nicht-kommerzielle Ansatz, in keiner der Lokalitäten wird Eintritt verlangt. Ankündigungen erfolgen per Einladung über Newsletter, Mundpropaganda und einschlägige Internetportale. Wenige Besucher reichen aus, um die Räume zu füllen. Lärm wird vermieden, der Austausch mit den angestammten Bewohnern der Viertel angeregt. Die Grenzen zwischen Projektarbeit und Freundeskreis verschwimmen, man borgt sich Equipment, verleiht Baumaterial und reflektiert gemeinsam über Ziele und Selbstverständnis in Netzwerken wie der IG West oder Lindenow. Das Dörfliche im Urbanen wird gepflegt und die Initiatoren können spontaner agieren als konventionelle Veranstalter: Wenn zum Beispiel ein Konzert in der Nähe von Leipzig ausfällt, kann man einspringen. Freunde empfehlen Bands. Bands werden zu Freunden und empfehlen befreundeten Bands die Läden weiter. Aufgrund der finanziellen Unabhängigkeit erfolgt die Programmauswahl ausschließlich nach Gefallen.

Die Beteiligten wissen um die voraussichtliche Kurzlebigkeit ihrer Projekte. Zum einen gehört es zum Wesen der Gentrifizierung, dass beizeiten ein anderer Stadtteil an der Reihe ist, zum anderen kann man schwerlich dauerhaft von nicht-profitorientierten Projekten leben. Daher sollten die Angebote genossen werden, solange sie bestehen. Was für ein Leben! Fast wie im Westen.

Rita Hey live: 8.3., hinZundkunZ
Musik | aus dem kreuzer-Heft 03.10

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