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Nicht den Überblick verlieren

Vom 17.-21. März steht die Stadt ganz im Zeichen der Buchmesse – wohin es sich zu gehen lohnt, verraten wir in unserem fiktiven Messeführer

Während der Buchmesse verwandelt Leipzig sich in die Literaturstadt Nummer Eins. Wohin das Auge schaut: Lektoren, Verleger, Autoren, Buchliebhaber. Fast zweitausend Lesungen an nur vier Tagen. Um hierbei nicht den Überblick zu verlieren, haben wir für Sie eine fiktive Messetour mit einigen viel versprechenden Stationen gebastelt. Los geht’s am Mittwochabend mit einem kleinen Aufwärmprogramm im Maga Pon.

Während der Buchmesse verwandelt Leipzig sich in die Literaturstadt Nummer Eins. Wohin das Auge schaut: Lektoren, Verleger, Autoren, Buchliebhaber. Fast zweitausend Lesungen an nur vier Tagen. Um hierbei nicht den Überblick zu verlieren, haben wir für Sie eine fiktive Messetour mit einigen viel versprechenden Stationen gebastelt. Los geht’s am Mittwochabend mit einem kleinen Aufwärmprogramm im Maga Pon.


Donnerstag

Nachdem wir am Mittwochabend noch im Maga Pon waren, um Nadja Küchenmeister zu lauschen, die aus ihrem Debütlyrikband »Alle Lichter« las und dabei von Klaus Schöffling höchstpersönlich anmoderiert wurde, wälzen wir uns am Donnerstag frisch aus den Betten und fragen uns noch kurz, ob wir am Abend zuvor so etwas wie die neue Bachmann erlebt haben. Doch uns bleibt nicht viel Zeit zum Überlegen.

Ein nachdenklicher und ironischer Zeitgenosse: György Dalos

Um 18 Uhr müssen wir im Haus des Buches sein. Dort wartet György Dalos, jahrzehntelang unterschätzter Autor und diesjähriger Preisträger des Leipziger Buchpreises für Europäische Verständigung, um mit Joachim Gauckund Lerke Saalfeld zu diskutieren. Da werden wir gleich ordentlich wach gerüttelt. Dann schnell rüber sprinten zur Deutschen Bundesbank. Dort liest Ulrich Wickert, Käseliebhaber und Frankreich-Connaisseur, aus den Erinnerungen Reinhard Wilkes, dem engsten Mitarbeiter Willy Brandts, und wir werden am Ende wieder denken können, es seien Wickerts eigene Erinnerungen gewesen, die er da so eloquent vorgetragen hat.

Nach so viel Politik erst mal ein Bier. Oder mehrere. Denn um die Lange Lesenacht in der Moritzbastei kommen wir nicht rum. Man kann auch nicht wieder weg, wenn man einmal da ist. Es lesen ja auch wirklich alle hier. Alle. Selbst Hegemann. Die mit dem Buch voller Exkremente. Das wird appetitlich.


Freitag

Wie jeden Freitag: erst mal gut frühstücken. Und dann die Seele baumeln lassen. Bis Punkt 18 Uhr, denn um diese Zeit geht’s ab zur Rosa-Luxemburg-Stiftung, wo Klaus Kinner und Wolfgang Schröder »Leipzig – die Wiege der deutschen Arbeiterbewegung« vorstellen. Man muss schließlich wissen, wo man herkommt. Noch ein bisschen mehr erden können wir uns im Anschluss daran bei Jan Faktor, der um 19 Uhr im Museum für Druckkunst liest, und zwar aus seinem neuesten Werk mit dem wunderschönen Titel »Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag«.

Taumelnd verlassen wir den Ort um 20:30 Uhr in Richtung GRASSI und gönnen uns dort im großen Vortragssaal ein wenig leichte Kost, Josef Wiflings »Abgründe«. »Wenn aus Menschen Mörder werden – Der legendäre Mordermittler deckt auf« – Ja, das ist genau das richtige, um wieder runterzukommen. Denn wir müssen noch ins Lindenfels Westflügel, um uns dort die tägliche Lyrikdosis abzuholen. Dort lesen ab 21:30 Uhr ein paar der aktuell interessantesten und noch dazu hiesigen Dichter aus ihren jeweiligen Büchern. Martina Hefter, Tobias Amslinger, Andre Rudolph. Wer da nicht hingeht, der will von Gedichten nicht die Bohne wissen. Und wer will sich das schon nachsagen lassen?


Samstag

Wird sein neues Buch vorstellen: »Sophies Welt«-Autor Jostein Gaarder

Sonnabend, erste Verschleißerscheinungen. Wir halten unseren Kopf erst mal unter kaltes klares Wasser. Denn nun ist es doch geschehen: Wir müssen raus auf die Neue Messe zum 3Sat-Forum in der Glashalle. Dort stellt zur unchristlichen Zeit um 10 Uhr Jostein Gaarder sein neues Buch »Die Frau mit dem roten Kopftuch« vor. Und da wir alle irgendwie Gaarders »Sophies Welt« unser Philosophiestudium zu verdanken haben, hoffen wir ein bisschen darauf, dass er uns jetzt erklärt, wie wir mit unserer allgemeinen und persönlichen Schuld umzugehen haben.

Und wo wir schon mal da sind, bleiben wir auch gleich und begeben uns um 11 Uhr zur Leseinsel der jungen Verlage, um zu schauen, was der Mitteldeutsche Verlag eigentlich so treibt. Der hat nämlich mit Jörg Jacob, Sebastian Brock, Grit Kalies, Felix Stephan und Gregor Eisenhauer nicht die schlechtesten Eisen im Feuer. In einer 2-stündigen Lesung wird hier neue und junge Literatur präsentiert. Es folgt ein freier Nachmittag, mit einem gesunden Minutenschlaf in der Straßenbahn, Sichtung von Broschüren und Verlagsprogrammen und dem guten Messeessen, das aus Bockwurst und Brötchen mit Hackepeter besteht.

Wir halten uns wacker und trudeln um 19 Uhr im Anton Hannes, ehemals Protzendorf, ein, um einer »Grammatik der Sprachen von Babel« beizuwohnen. Hört sich sperrig an? Ist aber eine Lyrik- und Poetologielesung des ganz neuen Leipziger Verlags Reinecke & Voss, lesen werden unter anderem Norbert Lange und Johanna Schwedes aus jeweils frischen Büchern. Zum Abschluss des Abends stolpern wir dann rüber ins Deutsche Literaturinstitut Leipzig, wo die offizielle Releaseparty der »Tippgemeinschaft 2010« stattfindet. Studierende stellen hier ihre gerade in der Mache befindlichen oder bereits wieder verworfenen Projekte vor. In jedem Fall kann es spannend werden, wenn wir uns so nah an den Urquell des kreativen Prozesses heranwagen dürfen. Und zu später Stunde genehmigen wir uns dann noch das ein oder andere alkoholische Getränk mit dem ein oder anderen Dozenten des Instituts. So stellen wir uns das zumindest vor.


Sonntag

Frisch gebackener Hermann-Hesse-Preis-Träger: Das Leipziger Literaturmagazin Poet

Der Sonntag ist der Tag des Herrn. Und der Tag des Chillens. Deshalb begeben wir uns auch gleich um 10 Uhr auf eine lustige Stadtführung. Treffpunkt ist der Johannisplatz, von dem aus es dann ein Stück weiter Richtung Osten auf den Alten Johannisfriedhof geht. »Verleger und ihre Gräber« heißt die Führung, und neben der wirklich prächtigen und gleichsam anheimelnden Kulisse des Friedhofs, erfahren wir hier auch, wie sich diejenigen zur ewigen Ruhe betten, deren Knechte die Autoren sind.

Umso beschwingter betreten wir dann wieder einmal die Leseinsel der jungen Verlage, wo um 13 Uhr die neueste Ausgabe des unlängst mit dem Hermann-Hesse-Preis gewürdigten Leipziger Literaturmagazins Poet präsentiert wird. Herausgeber und Verlagschef Andreas Heidtmann hat dazu Johanna Hemkentokrax und Ruth Johanna Benrath eingeladen, aus ihren Arbeiten zu lesen. Was fehlt an so einem Messesonntag noch? Natürlich, der MDR. Und deswegen begeben wir uns um 16:05 Uhr gemessenen Schrittes zum entsprechenden Stand und lauschen der von Michael Hametner geleiteten Live-Sendung, in der Kristof Magnusson aus seinem Roman »Das war ich nicht« liest. Ein Buch, in dem es um die Krise geht und das trotzdem vor Witz sprüht. Wir atmen auf. Aber nur kurz. Denn etwas fehlt noch: ein Messeausklang.

Den begehen wir in der »Kassette« in Lindenau. Dort empfängt der Verbrecher Verlag seine Sympathisanten bei Mixtapes, Getränken und Radikalinskitum. Das hört sich vielversprechend an. Und wo viel versprochen wird, da fallen meist Späne. Nein, das war ein anderer Zusammenhang. Aber die Messetage waren anstrengend, sowohl für Hirn als auch für Leber. Wir müssen uns nun erst einmal erholen, um fürs nächste Jahr fit zu sein.


Literatur

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