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Schneewittchen im Löwentaxi

Leipzig ist nach Berlin die Stadt mit der höchsten Jungdichterdichte – im Kleinen bildet sich hier die deutsche Lyriklandschaft ab

»DLL-Prosa«, »Institutsstil«, »Schreibschulenroman« – eine Zeitlang war es im Feuilleton üblich, jedes zweite Prosadebüt, das aus dem Deutschen Literaturinstitut Leipzig stammte, mit einem dieser Begriffe abzuqualifizieren. In der Lyrik dagegen hat man ein solches Etikett noch nie verwendet. Hängt das damit zusammen, dass Lyrik sich nicht so leicht vergleichen lässt? Liegt es daran, dass sie in der öffentlichen Wahrnehmung längst nicht so präsent ist wie Prosa? Oder hat es eine »Leipziger Schule der Lyrik« schlicht nie gegeben?

»DLL-Prosa«, »Institutsstil«, »Schreibschulenroman« – eine Zeitlang war es im Feuilleton üblich, jedes zweite Prosadebüt, das aus dem Deutschen Literaturinstitut Leipzig stammte, mit einem dieser Begriffe abzuqualifizieren. In der Lyrik dagegen hat man ein solches Etikett noch nie verwendet. Hängt das damit zusammen, dass Lyrik sich nicht so leicht vergleichen lässt? Liegt es daran, dass sie in der öffentlichen Wahrnehmung längst nicht so präsent ist wie Prosa? Oder hat es eine »Leipziger Schule der Lyrik« schlicht nie gegeben?

Was den Erfolg betrifft, müssen sich die Leipziger Lyriker jedenfalls hinter ihren Kollegen nicht verstecken: Mit Kerstin Preiwuß, Ulrike Almut Sandig und Judith Zander kamen zuletzt drei Leipzigerinnen ins Finale des renommierten Literarischen März. Sandig verließ Darmstadt mit dem Leonce-und-Lena-Preis in der Tasche, Zander mit dem Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis. Auch in der männlichen Fraktion der höchstens 35-Jährigen reiht sich Erfolg an Erfolg: Der begehrte Lyrikpreis des »open mike« ging im vergangenen Jahr an Konstantin Ames, der Debütband von Andre Rudolph wurde auf die SWR-Bestenliste gesetzt. Diese und andere Namen finden sich auch in den wichtigsten Zeitschriften und Anthologien für Lyrik wieder, in »Zwischen den Zeilen«, im »Jahrbuch der Lyrik« oder in »Lyrik von Jetzt«. Ohne Frage: Leipzig ist neben Berlin die Stadt mit der größten Jungdichterdichte.

Judith Zander (Foto: Bogenberger)

Auch wenn die wenigsten dieser Dichter in Leipzig geboren sind, haben sie doch alle – bis auf Andre Rudolph – am Literaturinstitut studiert. Eine »Leipziger Schule« bilden sie deshalb noch lange nicht: Zu bunt ist das Sammelsurium an biografischen Hintergründen und Schreibweisen, und gerade das macht die Faszination der Leipziger Dichtung aus. Im Kleinen bildet sich hier das Große der weiten deutschen Lyriklandschaft ab: Es gibt märchenhaft-düstere Bildwelten, in denen sich »Schneewittchen todesrot« unter die Tram weht (Johanna Schwedes). Es gibt Zeilen, die gleichzeitig von einer beeindruckenden formalen Präzision und einem bedrückenden existenziellen Ernst gekennzeichnet sind: »was unentwegt klingt / sind wörter, schnell / wachsende weiden / wund von innen / nach außen gekrümmt« (Kerstin Preiwuß). Und es gibt fremdartige Montagen aus Texten des Barock: »Zeno fing hierüber laut an zu ruffen: diß ist ein so schönes Sinn-Bild!« (Bertram Reinecke).

Trotzdem wäre es falsch zu sagen, die Stadt hätte keinen Einfluss auf die hier Schreibenden. Der fremde Blick des Zugezogenen nimmt vielleicht manche Eigenheit umso deutlicher wahr. Etwa die Verletzungen im Straßenbild: »Der gute Herr an der Autobahn / streut jeden Tag Gras in die offenen Brüche« (Sascha Kokot). Oder Leipzigs Palimpsesthaftigkeit, das ständige Überschreiben unliebsamer Orte, das der Sprengung der Paulinerkirche erst die Monokultur des Sozialismus und nun die der McPapers folgen ließ. Verschüttete (Sprach-)Spuren finden sich auch in den Gedichten von Konstantin Ames. In einem Text über die Wiedervereinigung zeigt er nicht nur, wie wenig sich BRD und DDR unterschieden haben: in nur einem Buchstaben nämlich. Er stellt außerdem eine Beziehung zwischen Gottfried Benns Gedicht »Einsamer nie« (1936) und dem Mauerbau her: »BDDRD, Land der Zweifler und Kranfahrer, aber aber! Aber: / Einsilbiger nie als im August ’61.« Ganz anders ist Andre Rudolphs Blick auf die Stadt: »0341/98 22 22« lautet der Titel eines Gedichts, in dem eine alltägliche Wahrnehmung verfremdet wird. »ich / halte das taxi an / und / ziehe ihm die haut ab. / … / fühlt sich / wie eine löwenhaut / an. / (muss ein / löwentaxi gewesen sein.)« – Man ist versucht, einmal bei dem Taxi-Betreiber nachzufragen, wie viele Leute ihn schon auf dieses Gedicht angesprochen haben.

Ulrike Almut Sandig (Foto: Berger)

Auch die »Wundergaststätte Protzendorf« (Ulf Stolterfoht) steht in besonderer Beziehung zur Leipziger Lyrik. Hier nämlich traf sich im vergangenen Jahr allfreitäglich eine Gruppe junger Dichter, um ihre Teilnahme am Cowboy Poetry Gathering in Elko, Nevada vorzubereiten. Die Bewerbung hat dann doch keiner abgeschickt, weshalb die Leipziger Lyrik noch keinen internationalen Rang besitzt. Entstanden ist aber immerhin die erste deutsche Cowboylyrik-Anthologie. Katharina Stooß erinnert darin nicht nur an den bekannten John Maynard, sondern auch an den nicht mehr ganz so bekannten DDR-Kultur­minis­ter, -Nationalhymnendichter und Namensgeber des damaligen Instituts für Literatur: »Johnny Becher war unser Namenspatron, / von 59 bis zur Reunion. / Er hat gefixt, er hat gedichtet, / er hat sein Girl mit ner Knarre gerichtet. / Johnny Becher!« Nach »DLL-Lyrik« oder »Institutsversen« klingt das alles jedenfalls überhaupt nicht. Nun bleibt zu sehen, auf welchen Lyriker die Literaturstudenten in fünfzig Jahren referieren werden.

Weitere Artikel zu Ulrike Almut Sandig unter: http://www.kreuzer-leipzig.de/kultur/757 und http://www.kreuzer-leipzig.de/kultur/1214
Literatur | aus dem kreuzer-Heft 04.10

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