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Ein Hausboot im Hamburger Hafen

Am zurück liegenden Wochenende fand in Hamburg das Dockville-Festival statt – kreuzer online war dabei

Auf manche Dinge ist Verlass. Egal, wie viel Zeit ich im Vorfeld für die Vorbereitung einer Reise habe, am Ende geschieht immer alles auf den letzten Drücker. Ebenso verlässlich: In 95 Prozent der Fälle geht diese Nachlässigkeit gut aus. Heute ist einer der 5 Prozent-Tage.

Auf manche Dinge ist Verlass. Egal, wie viel Zeit ich im Vorfeld für die Vorbereitung einer Reise habe, am Ende geschieht immer alles auf den letzten Drücker. Ebenso verlässlich: In 95 Prozent der Fälle geht diese Nachlässigkeit gut aus. Heute ist einer der 5 Prozent-Tage.

Ich stolpere berucksackt aus dem Haus und laufe, nachdem die Gummiblase, die sich zunehmend aus dem Mantel meines Fahrrades zwängte, am Vortag mit einem lauten Knall in Luft auflöste, zu Fuß in Richtung Bahn. Nach einigen Schritten erleuchtet ein Geistesblitz meinen gedanklichen Trott: das WM-Sparticket der Deutschen Bahn, mit dem man 4 Reisen durch Deutschland machen kann, liegt noch im anderen Rucksack. Ein Fauxpas, der meinen ohnehin sehr straffen Zeitplan empfindlich aus dem Gleichgewicht bringt und dafür sorgt, dass ich die Bahn verpasse. Kein verdammtes Taxi weit und breit, keine Nummer im Kopf, dann eine über Umwege, aber da sei nichts zu machen in der Kürze der Zeit. Also fahre ich eine Stunde später.

Wenn man selbst dann mal pünktlich ist, hat der Zug natürlich Verspätung. So kann ich wenigstens noch pflichtgemäß Datum sowie Abfahrts- und Zielort meiner Reise in das Super-Wahnsinns-Sparticket eintragen. Das letzte Mal, als ich dies unwissentlich unterließ, wurde ich des Betrugs bezichtigt. Ich reiche der Dame das Ticket, sie knipst ihren Stempel drauf, ich nehme es zurück. Doch dann kommt ihr übereifriger Kollege herbei, der das Ticket gesehen hat und sagt, dass dies nicht an Freitagen gelte. Ich erinnere mich düster, etwas von dieser Ausnahme gelesen zu haben, ärgere mich über mich selbst und frage, was denn nun zu tun sei und ob ich nicht einen Aufschlag zahlen könne. Könne ich nicht, ich müsse nun 85 Euro Normalpreis zahlen. Der Stempel auf dem Supidupi-Sparticket könne auch nicht storniert werden, da dürfe man schließlich nicht einfach das Datum verändern und das hätte ich ja nun mal falsch eingetragen. Ich denke an Beleidigungen wie »pflichterfüllungsgeile Nazitante«, aber mein Anstand macht daraus ein resigniertes »Aber sie merken schon, wie bescheuert das ist, oder?« Nein, das merke sie nicht und dass ich die Fahrt falsch eingetragen habe, sei schließlich nicht ihr, sondern mein Problem. Der Zug kann ruhig zu spät kommen und überfüllt sein wie ein Schlachttransport, aber wehe der Fahrgast trägt versehentlich eine falsche Fahrt ein! Bis Berlin ist meine Laune wieder einigermaßen im Lot, dort steigt Thees Ulmann mit Freundin und kleiner Tochter zu. Die darf sich später im Speisewagen Pringles kaufen.

In Hamburg geht es mit dem Fahrrad quer durch die Stadt nach Wilhelmsburg. Wir müssen zum Glück nicht zelten, sondern dürfen auf dem Hausboot eines Freundes übernachten. Eine elendig lange Schlange am Akkreditierungsstand verleidet mir dann den Auftritt von Sophie Hunger. Eine gute Stunde später erster Geländekontakt. Ein bisschen Kunst gucken, ein bisschen essen und ganz schön genervt sein von Shantels mit der Brechstange in die Leute geprügelter gute Laune. Nützt aber nix, wir müssen auf unsere Verabredung warten. Später dann Wir sind Helden, die nach langer Babypause zurück im Popzirkus sind. Frau von Holofernes macht charmante Ansagen und ein paar der neuen Songs hören sich auch ganz nett an, aber leider versteht man die im Vorfeld hoch gelobten Texte nicht wirklich. Der Sound ist ohnehin nicht der allerfeinste bei den meisten der Konzerte hier.

Später dann ein bisschen tanzen zu Lawrence und Efdemin, nachdem der Auftritt von Bratze sich verschoben hat und damit aus unserem Fokus geraten ist. Im Zelt transferieren King Kong Kicks Popkracher in Clubkontexte, aber nach einer halben Stunde müssen wir gehen, weil einer von uns kurzzeitig nicht mehr die volle Verfügungsgewalt über seinen Kreislauf hatte.

Am Samstag ist es deutlich voller und wir sehen mehr Bands bewusst. Die Sterne sind wie gewohnt ganz nett, aber auch nicht wirklich zwingend und so gehen wir rüber zu Bonaparte, wo die Stimmung etwas explosiver ist. So richtig zünden will das Ganze aber auch nicht – trotz Badewanne, Tierkostümen und ordentlich nackter Haut. Aber es ist auch noch hell und die Bühne in weiter Entfernung. Unterhaltsam und nett anzusehen ist es trotzdem. Danach geht es zu Uffie, die zunächst mal enttäuschend dünn klingt, dann gegen Ende aber doch noch anständig pumpt. Heinz Strunk und Rocko Schamoni gehen trotzdem nach 10 Minuten, hab ich genau gesehen. Ab jetzt überschneidet sich alles. Also kurz noch Jamie T., ein paar vertrackte Takte Delphic, fünf, sechs Stadionravepophymnen von Ou est le Swimming Pool, ein paar neue Wellen Klaxons und dann das unerwartete Highlight des Festivals: Frittenbude.

Komplett unvoreingenommen, traue ich weder Augen noch Ohren, als ich die Massen vor der Bühne ausrasten sehe. Wir begeben uns in den Hexenkessel und sehen uns umgeben von Jungvolk, das hier die Party seines Lebens zu feiern scheint. 80 Prozent des Publikums sind deutlich unter 25, es fühlt sich an, als hätte man eine komplette Jugendbewegung verschlafen. Während aus den Boxen semipolitisches Gerappsinge über Vorschlaghammerbeats poltert, fordert mich eine Gruppe etwa 16-jähriger Mädchen auf, doch auch mal in ihr Seifenblasengerät zu pusten und bei einem Anfasspartyspiel mitzumachen, das ich nicht begreife. Als ich auch noch meine eigene Krönung mit gerade kaputt gegangenem Kopfschmuck ablehne, bezeichnen sie mich als Spaßbremse. Ich bin eher amüsiert als beleidigt. Normalerweise gibt es auf Festival ja nur ganz selten Zugaben, Frittenbude spielen ganze fünf und fügen der letzten hinzu, dass sie ab jetzt jede Minute Geld koste. Die Indierave-Jugend ist selig und wir sind es auch.

Kurze Pause. Ein mal Wodka-Energy und ein paar neue Beine, bitte! Um eins fängt schließlich DJ Phono´s Set an. Das kommt zwar nur langsam in Fahrt, hat es dann aber in sich. Roisin Murphy, José Gonzales, Ben Gibbard – Lokführer Phono quetscht sie alle in einen Partyzug, der weder überfüllt noch verspätet ist, und mit 130 bpm durch die Halle saust. Mein Sparticket kann mich mal. Zwei Stunden später fliegender Wechsel mit Fritz Kalkbrenner, dessen Set anfänglich ein wenig konträr und unpassend erscheint, dann aber aufgeht wie ein paar Stunden später die Sonne am Hafen. Dort schnattert nur noch das immerwache Federvieh, ab und an knarren die Planken der Hausboote, ein paar Fische springen durch die Ebbe, zwei Fledermäuse flattern durch die Luft, aus der Ferne rauscht die Stadt.

Es ist beinahe übertrieben idyllisch. Schlafen kann ich trotzdem nicht, also lege ich mich nach ein paar Versuchen wieder raus auf den Deich und grüße die paar aufgeweckten Leute, die sich hier an den Rand der Welt verirren. Zwei rüstige Rentner in roten Roben, eine Joggerin mit dicken, aber straffen Beinen, ein Pärchen mit Hund, das mich aus der Ferne für einen Rottweiler oder eine Dogge gehalten hat. »Wegen der Sonne so, weißte«, ruft der Mann lachend und dann läuft er los und seine Freundin fährt nebenher. Der Hund holt von hinten auf, aber es lohnt sich nicht: Nach ein paar Schritten wird das Joggen wieder aufgegeben.

Gegen Mittag fahre ich in die »Innenstadt« von Wilhelmsburg, um Brötchen zu holen. Auf dem Marktplatz ist Flohmarkt. Buntes Treiben zwischen den Tischen, eine verschleierte Frau begutachtet Kleidung und Kinderspielzeug, während am Kiosk nebenan Frühschoppen angesagt ist. Einer der Sonntagstrinker tippt sich mit dem Finger an die Stirn und schimpft »Ich zahl doch für 10 Eier keine 2 Euro!« Ich fahre zurück aufs Boot. Das Sonntagsprogramm kann ich mir leider nicht mehr ansehen. Aber wenn ich doch mal irgendwann Geld über haben sollte, miete ich mir auch ein Hausboot. Vielleicht sogar in Hamburg.


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