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»Ich habe das Gefühl, es zählt mein Gesicht und nicht meine Arbeit«

Farzin Akbari Kenari, Exil-Iraner und Betreuer von suchtkranken Flüchtlingen in Leipzig, über das Leben in Asylbewerberheimen und seine Leipziger Heimat

Er stand auf der Liste: Am Samstag (18.9.) hätte Farzin Akbari Kenari den taz-Panter-Preis für HeldInnen des Alltags bekommen können. Geklappt hat es nicht: Der Preis ging an einen amerikanischen Deserteur, der in Deutschland Asyl beantragt hat, und eine Frau, die seit drei Jahrzehnten jugendliche Straftäter bei sich zu Hause aufnimmt. Was Kenari tut, ist nicht weniger verdienstvoll. Seit seiner Flucht aus dem Iran engagiert sich Kenari in der Leipziger Flüchtlingsarbeit als psychologischer Berater und Dolmetscher für Migranten.

Er stand auf der Liste: Am Samstag (18.9.) hätte Farzin Akbari Kenari den taz-Panter-Preis für HeldInnen des Alltags bekommen können. Geklappt hat es nicht: Der Preis ging an einen amerikanischen Deserteur, der in Deutschland Asyl beantragt hat, und eine Frau, die seit drei Jahrzehnten jugendliche Straftäter bei sich zu Hause aufnimmt. Was Kenari tut, ist nicht weniger verdienstvoll. Seit seiner Flucht aus dem Iran engagiert sich Kenari in der Leipziger Flüchtlingsarbeit als psychologischer Berater und Dolmetscher für Migranten.

kreuzer: Zwei Ihrer Asylanträge wurden abgelehnt, erst im dritten Anlauf wurde Ihrem Antrag stattgegeben. Wie lange haben Sie im Asylbewerberheim gelebt?

FARZIN AKBARI KENARI: Sechseinhalb Jahre.

kreuzer: Wie lebt es sich dort?

KENARI: Man lebt im Asylbewerberheim mit vielen Menschen unterschiedlicher Mentalität in einem Zimmer. Es gibt eine Küche, ein Bad, eine Dusche. Zu meiner Zeit war waren wir 36 Personen und hatten nur zwei Toiletten, von denen immer eine kaputt war sowie eine Dusche. Abends gibt es Schlägereien, am nächsten Tag bekommt man dann einen Brief, dass das Asylverfahren abgelehnt wurde und man einen Monat Zeit hat, das Land zu verlassen. Man muss Widerspruch einlegen ohne das Geld für einen Anwalt zu haben. Das ganze Verfahren kann fünf Jahre dauern. Was hat man in dieser Zeit? Nichts.

kreuzer: Sie arbeiten in einem Verein, der suchtkranke Asylsuchende betreut. Sind so viele Asylsuchende süchtig?

KENARI: Man weiß im Heim nicht, was man in der Zeit machen soll, in der man wach ist. Drogen sind ein einfacher Weg, um »glücklich« zu werden, weil Dinge wie Lesen oder Sport mit Anstrengungen und langen Wegen verbunden sind.

kreuzer: Neben der Suchthilfe leisten Sie auch psychologische Beratung für Asylsuchende. Was treibt Sie an?

KENARI: Als ich damit anfing, war ich selbst noch Asylsuchender und bekam außer 40 Euro Taschengeld keine Leistungen vom Staat. Mein Heim war 20 Kilometer entfernt von Leipzig, ich war Tag und Nacht mit dem Rad unterwegs, um rauszukommen. Was mich angetrieben hat, war die Freude der Menschen, denen ich helfen konnte. Ich habe viele Frauen kennengelernt, die vergewaltigt wurden und dadurch in eine schwere Depression gefallen sind. Wenn ich gesehen habe, dass ich ihnen helfen konnte, war das Belohnung genug.

kreuzer: Sehen Sie Leipzig mittlerweile als Ihr Zuhause an?

KENARI: Es ist schwer, diese Frage zu beantworten. Zurückgehen in die Heimat werde ich erst, sobald es dort demokratische Strukturen gibt. Leipzig ist sehr schön, es ist eine angenehme Stadt. Was mich in Leipzig stört und vielleicht dazu bewegen könnte, eines Tages zu gehen, ist das Fehlen von interkultureller Kompetenz, das Desinteresse an anderen Kulturen. Ich habe das Gefühl, es zählt am Ende nicht meine Arbeit, sondern mein Gesicht.

Lesen Sie im Oktober-kreuzer ein Porträt über Farzin Akbari Kenari
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