Startseite / Kultur / Psychologisieren statt politisieren

Psychologisieren statt politisieren

Ein Leserbrief von Sarah Moldenhauer zum Stück »we are blood« in der Skala

kreuzer-Leserin Sarah Moldenhauer hat sich über Sascha Hawemanns Inszenierung von »we are blood« ziemlich geärgert. Wie konnte dieses politische Stück, so fragt sie, in Leipzig seine Vehemenz verlieren?

Sascha Hawemanns Inszenierung von Fritz Katers Stück »we are blood« feierte am 19. November in der Leipziger Skala Premiere. Was sich da aber vor allem feierte, war das eingeladene Freiticket-Ensemble selbst. Warum trägt man eine Pudelmütze im Theater? Vermutlich ist das einer von vielen Codes, den man im hiesigen Theaterleben eben beherrschen muss (neben den affektierten Lacheinlagen, den zugeworfenen Luftküssen und den Schulter- und Schenkelklopfern, wenn es mal wieder eine Frau halbnackt auf die Bühne geschafft hat). Der Lachanfall des als äußerst unkonzentriert auffallenden Hagen Oechel, der wiederum besagten Code der Eingeweihten bediente, war dann auch der Tiefpunkt des Abends. Es konnte kaum offenbarer werden, dass die diversen, hoch komplexen Problematiken, die in dem Stück verhandelt werden (sei es Klimaschutz, Arbeits- und Perspektivlosigkeit oder die Vereinzelung in Zeiten der morgentlichen Schlangen vorm Supermarkt), von den Darstellenden und ihrer Regie nicht im Geringsten geistig durchstiegen worden waren.

In Leipzig sucht man eben spielerisch nach sich selbst, folgt individualisierten psychologischen Spuren und stellt stolz seine emotionalen Ergüsse zur Schau. Dass diese jedoch nur selten mit den Stücken selbst korrelieren, scheint dabei bewusst in Kauf genommen zu werden. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass ein Manuel Harder, der ewig von Kraft protzende Leipziger mit Cowboy-Image, seine Doppelbesetzung mit exakt demselben Duktus spielt – einmal als zermürbter DDR-Atomkraftler, der seinem Leben ein Ende bereitet, dann als postmoderner Umweltaktivist, der flammende Reden zur Rettung des einzigartigen Brandenburger Kranich-Lebensraumes hält. Und in beiden Fällen spielt er vor allem sich selbst und seine pseudo-psychologische Interpretation von sich selbst, die angesichts eines Kater-Textes, der wieder einmal durch enorme Treffsicherheit und Beobachtungsgabe beeindruckt, nur lächerlich wirken kann. Lediglich Melanie Schmidli zeigte streckenweise, dass sie sich ernsthaft mit einem Text auseinandergesetzt hat (wenn wir in Leipzig den Fokus schon auf die persönliche, psychologische Abhandlung setzen, dann aber auch handwerklich gut, bitteschön). Das Stück kann sowohl als eine aufrüttelnde, sehr gut recherchierte Milieustudie des Berliner Umlandes der Vor- und vor allem Nachwendezeit verstanden werden, als auch als eine mutige und überfällige politische Reflexion über das angeblich so unmöglich Utopische.

Das bereits aus Leipzig bekannte nervtötende Brüllen der Darstellenden trug einmal mehr zum Abmildern der beißenden politischen Kritik des Stückes bei. Wie schade, dass dadurch ganze Textteile unverständlich werden, wie bspw. der Hinweis des Umweltaktivisten Raphael, dass es nach dem Grundgesetz in der BRD durchaus erlaubt ist, zur Gewalt zu greifen, wenn durch die betreffende Person keine andere Möglichkeit zur Verteidigung ihrer demokratischen Rechte gesehen wird. Was bedeutet es heute im Zuge der heiß diskutierten Polizeiübergriffe in Stuttgart und im Wendland solch einen Satz auf die Theaterbühne zu bringen? Was hätte er zur Diskussion um das Leipziger »Chaoten-Viertel« Connewitz beitragen können? Hätte Theater hier etwa die Lokalpresse in ihre Schranken weisen können?

Die Hawemann-Inszenierung unterschlägt jedoch leider jegliches subversives Potential des Textes. Was gezeigt wurde, ist um einiges konventioneller, als es die pudelbemützte Mannschaft des Intendanten wahr haben will. Zugegeben, dem Vergleich zur Gorki-Inszenierung kann die provinziell bleibende Skala unmöglich standhalten, aber wieso nicht auch hier endlich wieder die Forderung nach politischem Theater stellen dürfen? Darf Theater in Leipzig nicht mehr politisch sein, sondern nur noch pathologisierend?


Online

Anzeige

Kommentieren

Dein Kommentar

Kommentare sind deaktiviert.