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Kultur-Umwelt-Prämie 1

Wir müssen an der Kultur kürzen – schon wieder. Theater mit grüner Plakette wären eine Lösung

Kulturraumgesetz, Einsparungen beim Kulturhaushalt, undurchsichtige Verantwortlichkeiten bei den großen Kulturhäusern der Stadt – die Leipziger Kulturszene kränkelt derzeit an fast allen Ecken. Doch wie bekommt man die Probleme endlich in den Griff? Stefan Petraschewsky, in den 90er Jahren Theaterredakteur beim kreuzer und heute Kulturredakteur bei MDR Figaro, hat sich darüber Gedanken gemacht – und ist über die »Abwrackprämie« gestolpert. Das wäre doch auch etwas für die angeschlagene Kultur, oder!?

Wie war das noch gleich mit der systemrelevanten Autoindustrie? In der Krise gab es die »Abwrackprämie«. Eigentlich hieß sie ja Umweltprämie. 2.500 Euro, wenn ein mindestens neun Jahre alter Pkw auf den Schrott und dafür mindestens ein Jahreswagen in die Garage kam, der mindestens die Abgasnorm »Euro 4« erfüllen sollte. Das war dem Staat fünf Milliarden Euro wert. Der Autoindustrie gehts inzwischen wieder richtig gut, und der Kulturindustrie immer schlechter. Man könnte überlegen, ob hier eine »Abwrackprämie« ebenfalls guttäte.

Analog könnte das so aussehen: Wenn eine Kultureinrichtung neun Jahre alt ist, kann sie auf den Schrott kommen. An ihrer Stelle entsteht dann etwas Neues, das aber mindestens die Kulturnorm KUP 1 erfüllen muss. Also zeitgemäß in die Umwelt, sprich: Welt, passt. Dafür gäbe es dann die Prämie. Fünf Millionen pro Kultureinrichtung wären wohl ein Anreiz. KUP 1 übrigens deshalb, weil man die zeitgemäße Umweltanpassung bisher ziemlich vernachlässigt hat.

Nehmen wir mal das deutsche Stadttheater. Das passt auch deshalb gut, weil diese Spezialität schon weit mehr als neun Jahre auf dem Buckel hat, also das erste Kriterium erfüllt. Mit der Kulturnorm und der Umweltanpassung ist es allerdings problematisch. Haustarifverträge dürften keine ernst zu nehmenden Anpassungen gewesen sein. Sie funktionierten vergleichsweise so wie ein Auto mit vier Zylindern, bei dem man erst einen, dann zwei, dann drei Zylinder abschaltet. Wegen der steigenden Benzinpreise muss man das tun. Gleich viel Geld für weniger Sprit. Noch fährt das Auto. Aber immer langsamer. Das Ganze ist absurd. Mit moderner Motorenentwicklung hat das wenig zu tun. So viel ist
sicher: Haustarifverträge retten ein Theater nicht.

Man müsste mehr Geld in die Motorenentwicklung stecken. Und eine erste umweltgerechte Kulturnorm definieren. Theateringenieure und Kultursachverständige müssten Ideen entwickeln. Das bräuchte natürlich Zeit. Bis es die neuen Motoren und die KUP 1 gibt, wären Übergangslösungen gefragt. Um im Bild zu bleiben. Warum müssen eigentlich viele Autos mit abgeschalteten Zylindern unterwegs sein? Könnte man nicht Fahrgemeinschaften bilden? Jeder Fahrer könnte seinen verbliebenen Zylinder in die Gemeinschaft einbringen. Mit gebündelter Kraft käme man wieder
in Fahrt.

Vielleicht stellte man auch fest, dass wir gar nicht so viele Autos brauchen? Weniger ist mehr. Eine Utopie könnte sich abzeichnen: die einer »Umweltzone« für die Kultur. Da gäbe es dann hier und da ein Stadttheater, das mit H-Kennzeichen eine Ausnahmegenehmigung hat. Ein aufpolierter Oldtimer ist ja auch was Schönes. Und für den Alltagsgebrauch hätte man ein Theater mit grüner Plakette.

Der Autor war in den neunziger Jahren Theaterredakteur beim kreuzer und ist heute Kulturredakteur bei MDR Figaro
aus dem kreuzer-Heft 01.11

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