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Weltliteratur für Kinder

Vor dem Lesen kommt das Vorlesen. Wer als Kind vorgelesen bekommt, liest auch als Erwachser

Man könnte meinen, die Vorleselust der Deutschen sei ungebremst, denn die Buchmesse erweist sich als Besuchermagnet. Bereits 62.000 Menschen kamen allein an den ersten beiden Tagen, deutlich mehr als im Vorjahr. Doch der Schein trügt. Nur etwa jedes zweite Elternpaar liest seinen Kinder heute noch vor, und besonders rar machen sich mal wieder die Väter.

Gestern veröffentlichte der Börsenverein des deutschen Buchhandels seinen aktuellen Trendbericht und nahm darin den Kinder- und Jugendbuchmarkt unter die Lupe. Das Ergebnis ist ernüchternd: 42 Prozent der Eltern lesen ihren Kinder selten oder nie vor. Besonders rar machen sich vorlesende Väter. Kommt das Lesen endgültig aus der Mode?

Das weiß Barbara Kindermann. Sie ist Autorin und Verlegerin. Mit ihrem Konzept »Weltliteratur für Kinder« setzt sie gegen den Trend. Die großen Klassiker wie Goethes »Faust« oder Shakespeares »Romeo und Julia« verdichtet sie zur Nacherzählung. Eine in der Literaturkritik strittige Methode. Der Verlag hat damit Erfolg, publiziert seine preisgekrönten Bücher inzwischen im gesamtdeutschen Raum. kreuzer-Redakteurin Claudia Lindner sprach auf der Buchmesse mit Barbara Kindermann über ihr Konzept, den Buchmarkt und erfuhr dabei auch die Hintergründe dieser ständig wachsenden Vielfalt auf dem Kinderbuchmarkt.

kreuzer: Frau Kindermann, Eltern lesen weniger vor, digitale Medien wie eBooks sind immer präsenter. Kommt das klassische Kinderbuch aus der Mode?

Barbara Kindermann: Nein, ich als Büchermensch glaube das nicht. Kinder lieben es, vorgelesen zu bekommen. Das habe ich heute wieder auf meiner Lesung erlebt. Die Kinder hörten aufmerksam zu, fragten mich, ob es den Faust wirklich gab. Nein, ich glaube nicht, das man perspektivisch Kindern aus einem eBook vorlesen wird. Ästhetische und spannende Papier-Kinderbücher werden immer aktuell sein.

kreuzer: Warum müssen denn Kinder mit 7 Jahren, das ist die Altersempfehlung Ihrer Bücher, schon Weltliteratur lesen?

Kindermann: Das ist es ja. Die Kinder wissen gar nicht, dass es Weltliteratur ist, sie wissen nicht, wer Schiller und Goethe waren. Für sie ist es einfach eine spannende Geschichte. Dass es Klassiker sind, merken sie erst später, wenn sie den Figuren in der Schule begegnen.

kreuzer: Beschreiben Sie ihr Konzept doch mal genauer?

Kindermann: Viele Kinder erleben die Klassiker in der Schule als schwer und unverständlich. Deshalb ist das primäre für mich, eine spannende Geschichte zu erzählen. Ich möchte dabei nicht die Leküre des Originals ersetzen, sondern anregen, klassische Literatur im Original zu lesen. Denn das ist doch die eigentliche Bereicherung.

kreuzer: Dabei legen Sie großen Wert auf die Zeichnungen. Bilderbuchkünster wie Klaus Ensikat illustrieren ihre Titel.

Kindermann: Ja, mir ist es wichtig, dass die Ästhetik der Sprache in den Bildern sichtbar wird.

kreuzer: Die meisten Kinderbuchverlage bringen jährlich immer mehr Novitäten auf den Markt. Ihr komplettes Programm hingegen umfasst insgesamt nur 30 Bücher und wenige kommen jährlich hinzu. Warum?

Kindermann: Die meisten Verlage haben Bücher für verschiedene Altersgruppen. Ich habe nur ein ganz, ganz schmales Profil. Und das möchte ich auf keinen Fall verwässern, indem ich Bücher mache, die nicht in einem klasssichen Kontext stehen. Ein gutes Kinderbuch zu machen braucht Zeit und gute Künster und die haben nunmal nicht immer Zeit.

kreuzer: Können Sie davon leben, nur so wenige Bücher im Jahr zu publizieren?

Kindermann: Meine Bücher sind keine Bestseller, sondern Everseller, die Backlist verkauft sich genauso wie die aktuellen Titel. Etwa der Faust, mein erstes Buch, der vor neuen Jahren erschienen ist, verkauft sich jährlich ca. 3000 mal. Anders könnte ich als kleiner Verlag gar nicht überleben.

kreuzer: Wie beurteilen Sie die wachsende Vielfalt auf dem Kinderbuchmarkt?

Kindermann: Es gibt einen klaren Trend hin zu qualitativ hochwertigen Kinderbüchern. Man sieht das z.B. daran, dass inzwischen immer mehr hochwertige Bücher billig auf dem Ramschtisch landen. Und dem wollen die Verlage entgegen wirken, indem sie versuchen, noch bessere und noch schönere Bücher zu machen.

kreuzer: Was offenbar nicht funktioniert. Warum nicht?

Kindermann: Es ist so. Wenn die erste Auflage erfolgreich ist, dann wird eine zweite nachgedruckt, die aber liegt meist wie Blei im Regal. Denn die Buchhändler wollen jährlich etwas Neues. Die wenigsten Bücher schaffen es, Klassiker zu werden und sich im Sturm der Novitäten zu behaupten. Die meisten Bücher die auf den Markt kommen, verschwinden auch schnell wieder, weil sie einfach nicht gut sind. Das verwirrend vielfältige Angebot auf dem Buchmarkt entsteht, weil die Verlage unter einem extrem hohen Verkaufsdruck stehen.

http://www.leipziger-buchmesse.de
http://www.leipzig-liest.de
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