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»Ein Leuchtturm unter den Kulturverlagen«

Der Sammelband »100 Jahre Kiepenheuer-Verlage« bietet eine ebenso ausführliche wie unterhaltsame Verlagsgeschichte

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Bertolt Brecht, Anna Seghers, Arnold Zweig und Joseph Roth: Namen, die heutzutage jeder kennt beziehungsweise kennen sollte. Zu verdanken haben die Autoren ihren Ruhm besonders einem: Gustav Kiepenheuer. Der engagierte linksbürgerliche Verleger musste seit der Weimarer Republik für seine heute weltbekannten Autoren ständig neue Kämpfe ausfechten. Den Kampf gegen die Konkurrenz, die Nationalsozialisten, die Zensur der DDR und stets für eine hohe literarische Qualität. Festgehalten wurde diese spannende Verlagsgeschichte nun in dem Sammelband »100 Jahre Kiepenheuer-Verlage«. Der Leipziger Professor für Buchwissenschaft Siegfried Lokatis und seine Mitarbeiterin Ingrid Sonntag legen eine ebenso gründliche wie packend zu lesende Geschichte des Kiepenheuer-Verlages und der Menschen dahinter vor. Der Kreuzer sprach mit Ingrid Sonntag.

kreuzer: Was beeindruckt Sie persönlich am Kiepenheuer-Verlag beziehungsweise an der Person von Gustav Kiepenheuer?

INGRID SONNTAG: Die faszinierende Mischung aus Geschäftssinn und der gelebten Liebe für Literatur. Obwohl für Kiepenheuer die literarische Qualität mehr zählte als der wirtschaftliche Gewinn, konnte er aus der Balance von absatzstarken bekannten und talentierten unbekannten Autoren einen international bedeutenden Verlag aufbauen. Die Verlagsgeschichte lässt das enge Verhältnis zu seinen Autoren und Mitarbeitern lebendig werden. Das beste Beispiel ist das saloppe Telegramm Brechts, das er den frischgebackenen Eheleuten Noa und Gustav Kiepenheuer zusandte: »seine Ehe sei von daeuer/ dieses wünscht in wahrhaft treuer / liebe bieder warm und echt / seinem kiepenungehaeuer / berthold brecht / – dieses telegramm ist teuer.«

kreuzer: Zwischen Lektoren und Autoren bestand also oft ein freundschaftliches Verhältnis?

SONNTAG: Ja, das gehört zum Erfolgsgeheimnis des Kiepenheuer Verlages. Freundschaft als Haltung und Grundlage einer fruchtbaren Zusammenarbeit. Als Kiepenheuer während eines Spaziergangs auf dem Augustusplatz »Radetzkymarsch« als Titel für Joseph Roths neuen Roman eingefallen war, soll Roth ihn umarmt und dann ins Café Felsche gezogen haben, den Einfall zu begießen.

kreuzer: Wie entstand die Idee für das Buch »100 Jahre Kiepenheuer-Verlage»?

SONTAG: Der Kiepenheuer-Verlag feierte sein hundertjähriges Bestehen und im Herbst 2008 hatten Prof. Lokatis und Matthias Merker, ein Weimarer Museumsleiter, unabhängig voneinander die Idee zu einer Kiepenheuer-Ausstellung. Seit Dezember 2008 gab es ein Kuratorium und in den Sommer- und Wintersemestern 2009/10 erarbeiteten wir die Ausstellung »100 Jahre Kiepenheuer« im Verbund von Staatsarchiv, Museum für Druckkunst und Leipziger Buchwissenschaft. Unsere Studenten hatten ebenso einen großen Anteil an dem Projekt. Denn anstelle eines Ausstellungskatalogs wollten wir eine Verlagsgeschichte herausbringen, die in Teilen im Sommersemester 2010 im Seminar »Schreibwerkstatt« mit ihnen erarbeitet wurde.

kreuzer: Warum haben Sie und Prof. Lokatis sich gerade für die Aufarbeitung der Geschichte des Kiepenheuer-Verlages entschieden?

SONNTAG: Es bot sich die einmalige Möglichkeit, am Beispiel Kiepenheuer zugleich Firmen-, Kultur-, Exil- und deutsch-deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts darzustellen – bis über die deutsche Einigung hinaus. Sehr interessant war die Epoche der Weimarer Republik. Kiepenheuer galt als der fortschrittlichste linksbürgerliche Verlag und als ein Leuchtturm unter den Kulturverlagen. Schließlich wurden hier Autoren wie Brecht, Roth, Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Anna Seghers und Arnold Zweig verlegt. Die linksbürgerliche Haltung und die jüdische Abstammung vieler Autoren waren dann auch der Grund, warum mehr als drei Viertel der Produktion bei der Bücherverbrennung der Nazis auf dem Scheiterhaufen landeten. Obwohl der Verlag bis 1944 produzierte, gelang es Kiepenheuer, seinen Verlag »unbefleckt«, wie es der Leipziger Reclam-Verleger Hans Marquardt einmal ausdrückte, durch die NS-Zeit zu bringen. Weiterhin interessiert haben uns die Verlagsabspaltungen, die den Namen Kiepenheuer weiter tragen, so zum Beispiel die Kiepenheuer Bühnenvertriebs GmbH und der Verlag Müller & Kiepenheuer, aus dem der Dausien Verlag in Hanau hervorging. Die sichtbarsten und tiefsten Spuren hinterließ die Spaltung des Verlages in den Gustav Kiepenheuer Verlag in Weimar und den Verlag Kiepenheuer & Witsch in Köln. Spannend fanden wir natürlich auch die Menschen, deren Schicksale eng mit der Verlagsgeschichte verknüpft waren: Familie, Autoren und Mitarbeiter. Im Archiv fanden sich viele bisher unveröffentlichte historische Fotos. Und die Korrespondenzen mit den weltberühmten Autoren gewähren sehr intime Einblicke: Da wurde schon einmal um den einen oder anderen Vorschuss gefeilscht, ein Zickenkrieg zwischen Frau Noa und Sekretärin Charlotte Ehlers geführt oder Legenden um Kiepenheuers angebliches Glasauge gesponnen, das er am Tag seines 50. Geburtstags in der Badewanne verloren haben soll…

kreuzer: Was waren die Gründe für die Abspaltung eines Westdeutschen Kiepenheuer Verlages vom Mutterhaus?

SONNTAG: Kiepenheuer konnte 1947/48 aus der Russisch besetzten Zone keinen Kontakt mit seinen Autoren in der Britisch besetzten Zone aufnehmen. Deshalb wurde gemeinsam mit Josef C. Witsch die Gründung einer Verlags GmbH in der Britischen Zone beschlossen. Der Weimarer Verlag arbeitete unabhängig von diesen Plänen weiter, weil Gustav Kiepenheuer aus gesundheitlichen Gründen nicht reisen konnte. Die Währungsreform vom Juni 1948 sollte die politische Landschaft drastisch verändern. Nach Kiepenheuers Tod sah sich seine Witwe Noa – möglicherweise unter politischem Druck – nicht mehr an den Vorvertrag ihres Mannes mit Witsch gebunden. 1950 kam es zu einem Rechtsstreit wegen der namensgleichen Verlage, der mit einem Vergleich endete und mit der Festlegung der Namen Gustav Kiepenheuer Verlag Weimar und Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln.

kreuzer: Sie haben von 1986 bis 1992 selbst als Lektorin im Kiepenheuer Verlag gearbeitet. Wie empfanden Sie die Arbeit in dem traditionsreichen Verlag?

SONNTAG: Ich habe gern im Kiepenheuer Verlag gearbeitet. Es herrschte eine offene und sachbezogene Atmosphäre. Oft musste ich im »Giftsaal« der Deutschen Bücherei arbeiten, um »wasserdichte« Redaktionen abzuliefern. Wegen eines Buches über den Spanischen Bürgerkrieg bekam ich eine persönliche Krise und trat aus der Partei aus. Der Austritt war aber für mein Bleiben im Verlag kein Problem.

kreuzer: Wie erlebten Sie den Herbst 1989 im Verlag?

SONNTAG: Unaufgeregt und angstfrei. Am 9. Oktober arbeitete niemand im Lektorat und am Vormittag schickte uns der verantwortliche Lektor für germanistische Literatur, Dr. Jürgen Teller, mit dem Hinweis nach Hause, dass heute wieder Demo sei. Aufregung gab es eher später, weil ein Kollege in einem Literaturzirkel für die Stasi gespitzelt hatte und darüber berichtete. Ich fand das sehr mutig, denn er hätte sich zu diesem frühen Zeitpunkt nicht offenbaren müssen.

kreuzer: Würden Sie Ihr Buch »100 Jahre Kiepenheuer Verlage« eher als Lesebuch oder als Nachschlagewerk beschreiben?

SONNTAG: Als eine Mischung aus beidem: fundiertes Nachschlagewerk und unterhaltsames Lesebuch.

Siegfried Lokatis/ Ingrid Sonntag (Hg.): 100 Jahre Kiepenheuer-Verlage
Berlin: C. H. Links Verlag 2011. 424 S., 29,90 €

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