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Glühwürmchen erschaffen

Der Materialpoet Gyula Molnàr kehrt einmal mehr in den Westflügel zurück

Gyula Molnàr in »Asche« Größeres Bild

Er schreibt Stücke wie »Drei kleine Selbstmorde«, reist in die Welt der Dinge und lässt eine Ulknudel auf ihre tote Oma treffen. Der Objekttheatermacher Gyula Molnàr im Porträt.

Im Objekttheater werden Schauspielrequisiten wie Vase, Stühle oder Zepter zu animierten Akteuren. Ein Wegbereiter dieser jungen Gattung, die sich zwischen bildender Kunst, Schau- und Puppenspiel bewegt, ist Gyula Molnàr.

1950 in Budapest geboren, aufgewachsen in Bayern und schließlich an der Kunsthochschule in Venedig angelangt, arbeitet er als Autor, Schauspieler, Regisseur, Bühnenbildner und Zeichner. Der Materialpoet erlangte im deutschsprachigen Raum mit »Drei kleine Selbstmorde« Bekanntheit. In dem Stück erzählt er die Liebesgeschichte zwischen Streichholz Jörg und Kaffeebohne Pita. Seine Arbeiten sind tiefsinnig, komisch und ernst zugleich. Sie vereinen die Eigenschaften ursprünglicher Theaterformen und bringen die Erzählung zurück auf die Theaterbühne. Aus dem Objekt ein Subjekt zu machen, ihm durch Stimme und Bewegung Wesensmerkmale zuzuschreiben und durch Dimensionen zu springen – das sind die Eigenheiten, die Molnàr am Objekttheater schätzt. Hier müsse er keinem Drehbuch folgen, sagt er: Das Agieren wird selbst Motor eines Stücks. Mit jeder Inszenierung reist er in die Welt der Dinge. Im Westflügel kann man ihn in »Asche« und »Kasperls Wurzeln« dabei begleiten.

In Molnàrs Bearbeitung von »Asche« steht der Protagonist in der Fremde vor dem Neubeginn – allein Koffer und Küchenvorhänge sind ihm geblieben. »Kasperls Wurzeln« ist eine Fahrt in die Unterwelt: Die Ulknudel will die tote Oma zurückzuholen und löst auf der Erde ein Chaos aus. Reisen, Suchen, Entdecken: Beide Stücke zeigen den Kerngedanken von Molnàrs Schaffen. »Mich haben immer die Glühwürmchen der Poesie fasziniert. Streunend tauchen sie auf und verschwinden, mit schmerzlicher Unvorhersehbarkeit, zwischen dem Was und dem Wie. Sie entstehen in der Freiheit, ganz durch Zufall. Ich habe es versucht, sie lassen sich nicht einfangen«, bringt sich Molnàr auf den Punkt. Seine Stücke – für ihn sind sie die Möglichkeit, Glühwürmchen zu erschaffen.

»Asche«, 7./8.1., »Kasperls Wurzeln« 12./13.1., wechselnde Zeiten, Westflügel

Soeben ist von Gyula Molnàr das Buch »Objekttheater« erschienen. Darin kann man diesem Grenzgänger durchs freie Spiel mit den Dingen folgen. So erfährt man, wie man mit Kieseln, Reißzwecken und einer Eieruhr ein Erotikdrama inszeniert. Verlag Theater der Zeit, 132 S., 15 €

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