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»Man darf ja alles, nur nicht untätig sein«

Der Leipziger Julian Pörksen feiert mit »Sometimes we sit and think and sometimes we just sit« auf der Berlinale Premiere

Filmemacher Julian Pörksen, Foto: Tina Schetschorke Größeres Bild

Christoph Schlingensief lernte der Leipziger Dramaturgiestudent Julian Pörksen bei einem Totenfest in Nepal kennen. Das Geld für eine Südamerikareise war schon angespart, als Schlingensief ihm ein Praktikum als Produktionsassistent in Manaus (Brasilien) anbot. Nun läuft Pörksens zweiter Kurzfilm »Sometimes we sit and think and sometimes we just sit« in der Sektion Perspektive Deutsches Kino bei der diesjährigen Berlinale. Der Werdegang des jungen Leipzigers setzt sich aus kleinen Zufällen zusammen – und einem Quäntchen Glück.

Peter (Peter René Lüdicke) hat keine Lust mehr. Keine Lust auf gar nichts. Der 50-Jährige steht eigentlich in der spätsommerlichen Blüte seines Lebens, als er beschließt, in ein Seniorenheim zu ziehen und fortan die Tage bei zugezogenen Vorhängen mit Nichtstun zu verbringen. Er sitzt im Sessel, isst, schläft und schaut herum. Das stellt nicht nur seinen erwachsenen Sohn vor ein Rätsel, auch sein Pfleger und der behandelnde Arzt wissen nicht so recht mit dem ungewöhnlichen Neuzugang umzugehen. Einzig eine alte Dame, die auch in dem Heim untergebracht ist, lässt sich sofort auf Peter ein und leistet ihm Gesellschaft. Der skurrile Kurzfilm »Sometimes we sit and think and sometimes we just sit« über einen Verweigerer des Alltags läuft in der Perspektive Deutsches Kino bei der diesjährigen Berlinale. Für den Regisseur Julian Pörksen ist das eine besondere Ehre. Immerhin hat der 26-Jährige zuvor erst einen Film gemacht und der sei lediglich ein Experiment gewesen, sagt der Leipziger rückblickend. Auch in seiner zweiten Regiearbeit ist der Filmemacher experimentierfreudig. Pörksens Hauptfigur Peter macht keinerlei Entwicklung durch, was in einem Film in der Regel selten zu sehen ist. »Mich hat diese Figur des Nichtstun interessiert«, erklärt Pörksen diese dramaturgische Entscheidung. »Man darf ja alles im Leben, nur nicht untätig sein oder nichts wollen. Ich könnte alles mögliche machen. Aber wenn ich plötzlich sage, ich mache nichts mehr, dann würden die anderen anfangen sich zu sorgen.«

»Sometimes we sit and think and sometimes we just sit«

»Sometimes we sit and think and sometimes we just sit«

Auf die Frage, wie er überhaupt zum Film gekommen sei, antwortet Pörksen spontan: »Das meiste waren tatsächlich Zufälle. Ich hatte das nicht vor.« In der elften Klasse machte der gebürtige Freiburger ein neunwöchiges Sozialpraktikum in einem Lepra-Krankenhaus in Nepal. Auf einem Totenfest trifft er zufällig auf Christoph Schlingensief, der dort gerade für seine »Parsifal«-Inszenierung dreht. Sie trinken zusammen Reisschnaps. Nach seinem Abitur zieht Pörksen nach Berlin, absolviert seinen Zivildienst und ein Hospitanzpraktikum an der Staatsoper. Er spart etwas Geld und beschließt, als nächstes entweder nach Südamerika zu reisen oder bei Schlingensief zu hospitieren. »Ich habe ihm einfach geschrieben und gefragt, ob ich ein Praktikum bei ihm machen kann. Schlingensief hat prompt ›Ja‹ geantwortet. ›Allerdings musst du nach Südamerika, nach Manaus kommen und den Flug selber bezahlen‹.« Neun Wochen lang unterstützt Pörksen den Berliner Theatermacher bei den Dreharbeiten zu »Der fliegende Holländer« im Dschungel. Über ein Jahr (2007/2008) lang begleitet er Schlingensief als Künstler- und Produktionsassistent bei weiteren Arbeiten. In dieser Zeit knüpft der Leipziger erste Bande mit dem Medium Film.

Seit 2009 studiert Pörksen nun an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig Dramaturgie. Das Drehbuch für »Sometimes we sit and think and sometimes we just sit« hatte der junge Filmemacher schon länger im Schubfach liegen. Als er Peter René Lüdicke in »Publikumsbeschimpfungen« im Centraltheater sieht und hellauf vom Schauspieler begeistert ist, schreibt er das Drehbuch kurzerhand für Lüdicke um. »Ich habe einfach gezockt und gehofft, dass Lüdicke überzeugt ist. Ich habe ihm das Drehbuch geschickt und er hat glücklicherweise zugesagt. Dann ging es los.«

Heute feiert der Film in Berlin Premiere. »Ich hoffe, dass meinen Film sehr viele Leute sehen«, sagt Pörksen. »Die Wahrscheinlichkeit, dass der Film danach woanders läuft, ist mit der Berlinale-Teilnahme natürlich viel höher. Es wäre schön, wenn mein Film auf Reisen geht.« Im Sommer wird Julian Pörksen mit seinem Dramaturgiestudium fertig. Zeit für eine Premierenfahrt durch Deutschland hätte er dann allemal.

Screenings auf der Berlinale: Premiere am 13.2., 19:30 Uhr im Cinemaxx 3,
14.2., 13 Uhr im Colosseum und 20:30 Uhr im Cinemaxx 1

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