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»Kunst ist Rebellion«

Die libanesische Schriftstellerin Iman Humaidan über den arabischen Frühling, Kinderkriegen im Krieg und Emanzipation

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Im Haus des Buches lädt die Lesereihe »Arabischer Frühling« zur Diskussion mit arabischen Schriftstellern. Unter anderem mit Iman Humaidan-Junis. Die 1956 in Ain Anub südlich von Beirut geborene Schrftstellerin hat bisher mehrere Kurzgeschichten und die Romane »Wilde Maulbeeren« und »B wie Bleiben wie Beirut« veröffentlicht. Ihr dritter Roman »Andere Leben« wird derzeit ins Deutsche übersetzt und erscheint 2013. Im kreuzer-Interview spricht sie über Gewalt in der Heimat, Schreiben als Exorzismus und den Zusammenhang zwischen Emanzipation und Revolution.

kreuzer: Der Titel Ihres ersten Romans lautet »B wie Bleiben wie Beirut«. Was hat es damit auf sich?

IMAN HUMAIDAN: Die deutsche Übersetzung ist eine kluge Variation des arabischen Originaltitels (»Bâ‘ mitl baît mitl Bâirût«, Anm. d. Red.). »Bâ« steht darin sowohl für »Heimat« (baît) als auch für Beirut. Der Titel hat sowohl poetische als auch politische Implikationen. Poetisch deshalb, weil er sich unmittelbar an das arabische Alphabet bezieht und an das Erlernen der Sprache erinnert. Zugleich ist »Bâ« ein Wortstamm, der politische Konnotationen hat: In Beirut zu bleiben bedeutete auch die Entscheidung, sich der Gewalt während des Bürgerkriegs auszusetzen, Beirut steht dabei stellvertretend für das ganze Land. Für uns Dagebliebene war es auch eine Möglichkeit, sich zum Leben im eigenen Land zu bekennen, und eine Chance, Solidarität zu bekunden mit einem geschwächten Land, das selbst zum Opfer und Spielball der größeren Nationen und umliegenden Länder geworden war.

kreuzer: Unter welchen Umständen haben Sie den Roman geschrieben?

HUMAIDAN: Mir war zunächst selbst gar nicht bewusst, dass es ein Roman war, den ich da schrieb. Während des Krieges und danach war das Schreiben wie eine Art Exorzismus für mich. Geist und Körper waren besessen von den Erfahrungen der Gewalt. Ich habe viele, viele Jahre gebraucht, um den Roman fertig zu stellen. Ich schrieb verschiedene Geschichten und literarische Texte über die Erfahrungen gegen Ende des Krieges. Insgesamt hat es sieben Jahre gedauert, aus all diesen Texten den Roman hervorzubringen. Phasen, in denen ich viel schrieb, wechselten dabei immer wieder mit Phasen, in denen ich überhaupt nicht schrieb. Denn ich hatte Angst, mich meinen Erinnerungen an die Brutalität zu stellen, der Brutalität von dem, was mit jedem einzelnen von uns im Libanon passiert war.

kreuzer: Sie verwenden vier ganz unterschiedliche Ich-Erzählerinnen. Warum?

HUMAIDAN: Es erschien mir unmöglich, die dritte Person zu verwenden. Die vier Stimmen im Roman sind weibliche Stimmen. Das war eine bewusste Entscheidung, die ich während der Überarbeitung des Manuskripts getroffen habe. Frauen nahmen ja kaum aktiv am Krieg Teil, aber sie waren immer seinen Folgen ausgesetzt. Die Frauen hielten das Leben zusammen und sorgten dafür, dass es irgendwie weiterging, sie brachten Kinder zur Welt, sie erzogen und beschützten sie. In Zeiten des Krieges verkörperten die Frauen die Idee eines einheitlichen und nicht-zerrissenen Landes. Zur Vielstimmigkeit: Der Roman als solcher ist in erster Linie die Kunstform der Mannigfaltigkeit, er vermag es, die Chronologie und das einheitliche Ich zu zerstören und es in viele verschiedene Ich-Formen zu verwandeln. Der Roman ist die Kunst, das Andere zu finden und zu erfinden.

kreuzer: Weshalb haben Sie sich dazu entschlossen, im Libanon zu bleiben?

HUMAIDAN: Für mich ist Krieg kein Argument, aus meinem Heimatland zu emigrieren. Zweimal musste ich für kurze Zeit außer Landes, ganz einfach, weil ich hochschwanger war und mein Kind sicher zur Welt bringen wollte. Jedes Mal bin ich danach in den Libanon zurückgekehrt. Trotz des Krieges habe ich mich verliebt, geheiratet und Kinder bekommen. Trotz des Krieges habe ich immer mit aller Kraft versucht, das Leben zu schätzen und zu schützen. Während des Bürgerkrieges bewegte ich mich zwischen zwei unterschiedlichen Beiruts. In dieser Zeit wurde das zu einem ganz wesentlichen Bestandteil meines Lebens: dieses Pendeln zwischen den Hälften der geteilten Hauptstadt. Dieselbe Bedeutung, die die bewusste Entscheidung für den Libanon für uns Dagebliebene hatte – nämlich als eine Manifestation der Solidarität – eben diese Bedeutung hatte das tagtägliche Überschreiten der Stadtgrenze für mich ganz persönlich. Es war eine Art Nationalismus, der nichts zu tun hatte mit chauvinistisch-nationalistischer Prahlerei, eine besondere Form von Nationalismus, in der sich Solidarität mit dem Allerschwächsten bekundet – sei es ein Individuum, eine Gemeinschaft oder ein ganzes Land.

kreuzer: Was bedeutet der Arabische Frühling für Sie?

HUMAIDAN: Der Arabische Frühling eröffnet einen neuen Horizont für die ganze Region. Er ist der Beginn einer Zukunft, die auf jeden Fall anders sein wird. Die Araber leben seit Jahrzehnten in beschämender politischer Erniedrigung und Despotismus, und in totalem Schweigen gegenüber dieser Situation. Es war absolut beschämend, wie respektlos das Recht auf Redefreiheit und die Menschenrechte behandelt wurden, dass Freiheit als solche nicht als wesentlicher Wert des Menschen betrachtet wurde. Wir begannen zu glauben, dass es für dieses Schweigen und diese Unterwürfigkeit tiefe Gründe in unserer Kultur und unserer Geschichte geben müsste. Ich als Libanesin glaube, dass der Libanon, dieses schwache Land, das lange Jahre unter seinen Nachbarn gelitten hat, nun für sein Leid und seine Ausdauer belohnt wird. Ich glaube, dass der Freiheit, die in einem zerbrechlichen Land wie dem Libanon das Fundament jeglicher Existenz bedeutet, nun auch in den umliegenden arabischen Ländern großer Wert beigemessen wird. Als Frau denke ich, dass es im Arabischen Frühling und im Kampf gegen Despotismus und Tyrannei – die im Übrigen nicht selten Ausprägungen chauvinistischer, männlicher Wertvorstellungen sind – für Frauen allerhöchste Zeit ist, ihre Ansprüche geltend zu machen. Deshalb ist es wichtig, den Arabischen Frühling in engem Zusammenhang mit der Emanzipation zu sehen. Es wäre eine Illusion zu glauben, dass wir erfolgreich die arabische Gesellschaft verändern könnten, ohne dabei Gender-Fragen zu beachten. Für mich als Schriftstellerin sehe ich jetzt eine Zukunft, über die man reden kann, für die es sich zu arbeiten lohnt und die vorhersehbar ist. Es ist auch eine Zukunft für die Kultur, für freie Künstler und Schriftsteller.

kreuzer: Welche Rolle spielen denn Kunst und Literatur in einer Revolution?

HUMAIDAN: Zunächst: Kunst kann nie an eine festgelegte Mission oder vorgegebene Botschaft gebunden werden! Das essenzielle Prinzip von Kunst ist Freiheit. Kunst ist Rebellion gegen Regeln, Vorgaben und Zwänge. Im künstlerischen Streben nach Freiheit liegt immer auch die Frage nach den Bedingungen dieser Freiheit und wie man sie schützen kann. Und in ihrer rebellischen Beharrlichkeit fordert Kunst ihrerseits auf zu rebellieren. So gesehen liegt also eine Art von Mission im Wesen der Kunst begründet. Kunst an sich ist Revolution. Wir können Kunst nie von Politik trennen, insofern Kunst immer etwas zu sagen hat. Jedes künstlerische und literarische Werk trägt in sich die Anlage zur Revolution.

Iman Humaidan liest aus »B wie Bleiben wie Beirut«: 11.4., Haus des Buches

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