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»Ich weiß nicht, ob ich den Mut gehabt hätte, zu flüchten«

Schauspieler Ronald Zehrfeld über Freundschaften im System, unerfüllte Olympiaträume und seine Körperstatur

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In der DDR galt Ronald Zehrfeld als viel versprechendes Judo-Talent, doch nach der Wende beendete der Ost-Berliner früh seine Karriere. Seit seinem Debütfilm »Der rote Kakadu« (2006, Regie: Dominik Graf) entwickelte sich der große, muskulöse Zehrfeld zu einem gefragten Schauspieler seiner Generation. Für seine Darstellung des Chefarztes André in Christian Petzolds Drama »Barbara« (2012) wurde er für den Deutschen Filmpreis nominiert. Jetzt ist der 35-Jährige im Stasi-Drama »Wir wollten aufs Meer« zu sehen. Mit dem kreuzer spricht Zehrfeld über Doping im Sport, Männer in Gefängnissen und den Erfolg von »Barbara«, der ihn noch nach L.A. zu den Oscars bringen könnte.

kreuzer: Herr Zehrfeld, Sie werden recht häufig als »Ossi« besetzt. In »Wir wollten aufs Meer« verfolgen Andi und Conny, die Ihre Filmfigur Matze verraten, den Traum, als Matrosen zur See zu fahren und die Welt zu sehen. Ihre Eltern arbeiteten bei der DDR-Fluggesellschaft Interflug und lebten in gewisser Weise den Traum der beiden, oder?

RONALD ZEHRFELD: Das muss man unterscheiden. Conny und Andi wollen raus aufs Meer, die wollen die Welt sehen und in andere Länder reisen. Meine Eltern wiederum kamen zwar in den Genuss von Freiflügen, allerdings beschränkte sich das auf Ein-Tages-Reisen nach Budapest. Morgens hin und abends zurück. Das war ein Privileg, hatte aber nichts mit der weiten Welt zu tun.

kreuzer: Sie selbst wurden 1977 in Ost-Berlin geboren. Sind Sie mit dieser Stasi-Spitzel-Problematik in Kontakt gekommen?

ZEHRFELD: Ich war ja erst 13, als die Mauer fiel. Es gab aber Fälle in der Verwandt- und Bekanntschaft.

kreuzer: Wie fühlt es sich an, über diese Instrumentalisierung, die man real erlebt hat, einen Film zu machen?

ZEHRFELD: Absurd. Das System hat Biografien zerstört und ist über Leichen gegangen. Menschen wurde viel Lebenszeit gestohlen, und sie kamen in ihrem Leben an Punkte, an denen klar war: Wenn du etwas Bestimmtes erreichen möchtest, musst du hier oder da ein paar Informationen abliefern. Da musste man erst mal den Arsch in der Hose haben und sagen: Ich verrate nichts. Der Film handelt von Freundschaft, Verrat und Macht in einem totalitären System und was es mit dir macht. Man kann sich in Conny reinversetzen, aber auch in Andi und dessen Enttäuschung nach seinem Unfall oder in Matze, der das System nicht mehr will. Spannend ist, wie sich die Entscheidungen der einzelnen Figuren im Film nachvollziehen lassen. Das hat sich niemand so ausgesucht, aber jeder musste tagtäglich Entscheidungen treffen.

kreuzer: Als Kind waren Sie Judoka, ein Sportler, der vom System gefördert wurde. Glorifiziert man dann ein solches System?

ZEHRFELD: Sicher war das Erziehungs- und das Bildungssystem anders. Es gab andere Wege, die Kinder von der Straße zu holen: die Jungpioniere, die FDJler, den Sport. Alles Organisationen, die vom Staat finanziert wurden. Der Staat hatte größtmögliches Interesse daran, zu wissen, was passiert, was die Opposition macht. Er wusste, dass es Bücher gibt, die man nur unter der Hand bekam, und wo es die gab. Es gab viele Staaten, die die DDR nicht anerkannten. Aber es gab den Sport. Doping hin oder her – so gab es für Jugendliche einen Anreiz, herumzukommen, aber eben auch zu zeigen: Ich bin stolz auf dieses Land. Wir sahen früher die Schattenseiten nicht. Es war schwierig, über den Tellerrand zu sehen und zu erkennen, dass Leute vom Staat unterdrückt wurden.

kreuzer: Ihre sportliche Karriere ging mit dem Fall der Mauer zu Ende, weil damit der Trainingsstützpunkt quasi aufgelöst war. Denken Sie, wenn Sie Olympia sehen, dass Sie da auf der Matte vor vier Jahren hätten kämpfen können?

ZEHRFELD: Ja, vor vier oder eher vor acht Jahren hatte ich solche Gedanken. 1989 bis 1991 war ich noch ein wenig traurig, aber andererseits waren die neunziger Jahre in Berlin eine der spannendsten Zeiten in meiner Biografie. Ich habe das ganz anders miterlebt! Es gab sofort Ablenkung. Als ich 13 bis 20 war, ist so viel passiert. Da war kein Weg zu weit, kein Berg zu hoch. Vielleicht ist ein Olympia-Traum zerplatzt, aber ich vermisse nichts, weil ich einen Ausgleich bekommen habe.

kreuzer: In einem Interview haben Sie erzählt, dass man Ihnen Drops verabreicht hat, die als Vitamine bezeichnet wurden. Sie gehen davon aus, dass Sie also noch vor der Pubertät systematisch gedopt wurden …

ZEHRFELD: Dafür gibt es keine Beweise. Aber es gab mal eine Anfrage von anderen Sportlern, die eine Sammelklage vorbereiteten. Da war ich aber einfach zu jung. Fakt ist, wir haben den Kram bekommen. Die Frage ist: Waren das Vitamine oder war es Doping? Für mich war der Preis nicht so hoch wie für andere Sportler.

kreuzer: Gibt es einen dopingfreien Profisport?

ZEHRFELD: Ich würde mir Profisport ohne Doping wünschen. Aber in dieser Leistungsgesellschaft spielen Macht und Geld immer eine Rolle. In unpopulären Sportarten wird vielleicht nicht gedopt. Aber ich glaube in kommerzielleren Sportarten schon.

kreuzer: Kaum ein Artikel über Sie, der nicht Ihre körperliche Präsenz anspricht. Was macht Sie, Misel Maticevic oder auch Benno Fürmann so speziell?

ZEHRFELD: Ich bin dieser Obelix. Da ist dieses Vieh. Damit kann ich kokettieren oder mich darüber freuen, aber ich kann mich nicht schmaler machen. Da müsste man eher die anderen fragen, wie es dazu kam, dass es in der Filmlandschaft nicht mehrere solcher Schauspieler gibt.

kreuzer: »Wir wollten aufs Meer« ist das Kinodebüt von Regisseur Toke Constantin Hebbeln. Was zeichnet ihn aus?

ZEHRFELD: Mich interessiert, was der Regisseur machen will. Mich hat beeindruckt, wie Toke, der ja aus dem Westen kam, sich in das Thema eingearbeitet hat. Ich, der das erlebt hat, lese so ein Buch natürlich ganz anders. Die Arbeit der Regisseure lässt sich nicht vergleichen, weil sie unterschiedlichen Ansätzen folgen. Hier fasziniert der Facettenreichtum der Geschichte. Jede der Figuren wühlt die Zuschauer anders auf. Da spielen sicher auch eigene Erfahrungen eine Rolle, die sie so rausholen, vielleicht sogar besser verarbeiten können. Das macht was mit dir.

kreuzer: Wie bereiten Sie sich als Schauspieler auf Ihre Szenen vor, zum Beispiel eine Gefängnisszene?

ZEHRFELD: Einige unserer Kleindarsteller hatten tatsächlich Jahre abgesessen und konnten von ihren persönlichen Erfahrungen erzählen. Die haben eine andere Sichtweise darauf, einen anderen Respekt davor. Du findest über diese großen Männer einen anderen Zugang zum Film. Sie können das Erlebte wieder fühlen und fangen teilweise an zu weinen. Einem selbst geht das nahe, aber unser Drehtag geht irgendwann zu Ende. Die waren wieder zurück in der Zelle. So etwas hilft ungemein bei der Vorbereitung, um Schicksale erfahrbar und sichtbar zu machen. Es gibt so viele dieser Geschichten, die es verdienen, gezeigt zu werden. Mich interessiert die Bandbreite der Schicksale, die dazugehörigen jeweiligen Motivationen der Akteure, die damit zusammenhängen, aus welcher Schicht sie kommen. Es hilft, die DDR nachvollziehen zu können, die Beweggründe und Entscheidungen des anderen zu verstehen.

kreuzer: Sie beschrieben eine Szene in »Barbara«, in der Sie und Nina Hoss irgendwann dachten, tatsächlich Ärzte zu sein, ehe sie beide lachen mussten. In ein Thema eintauchen bis man die Realität vergisst …

ZEHRFELD: Als Schauspieler muss man sich in die Charaktere hineinfühlen – und nicht wie Ronald Zehrfeld handeln. Ich weiß nicht, ob ich den Mut gehabt hätte, zu flüchten. Ich war 13 damals. Keine Ahnung, was ich gemacht hätte, wenn das mit dem Sport nicht funktioniert hätte. Ich spiele also jemanden, dessen Flucht nicht funktioniert hat, der damit rechnen muss, Frau und Kind nicht wiederzusehen. Klar hat Matze gehofft, dass die Flucht funktioniert, er die Familie nachholen kann. Er war bereit, einen Preis zu zahlen. Er musste raus und setzte sich Gefahren aus, die ihn ins Gefängnis bringen konnten. Es gab zwar noch die Hoffnung, freigekauft zu werden, aber das passierte nicht allen. Viele mussten wieder zurück in ein System, aus dem sie unbedingt raus wollten.

kreuzer: »Barbara« wurde als deutscher Film in die Oscar-Vorauswahl entsandt. Was erwartet Sie im Fall der Fälle?

ZEHRFELD: Erst mal, dass noch mehr Menschen in anderen Ländern diesen Film schauen. Ich beschäftige mich erst damit, was mich erwartet, wenn es auf mich zukommt.

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