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Olympiasieger im Paradies gesucht

Facing Europe: Vier Leipziger Journalisten auf Tour in Rumänien und Bulgarien

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Rumänien und Bulgarien sind seit fünf Jahren in der EU – was hat sich getan? Vier junge Journalisten aus Leipzig und ihre osteuropäischen Kollegen mit einem Ziel: Facing Europe. In zwei Teams sind sie vier Wochen in Rumänien und Bulgarien unterwegs und berichten hier, was sich dort tut.

Woche 3, Team Rumänien

Im Paradies fehlt der Olympiasieger

»Das Donaudelta ist das reinste Paradies«, haben wir immer wieder auf unserer Reise gehört. Der Weg dorthin aber ist das Gegenteil. Wir fahren mit dem Microbus, der wirklich mikro ist – es gibt höchstens 15 Sitzplätze, aber mindestens 30 Leute wollen mit. Wir stapeln uns, so gut es geht, denn das Motto vom Busfahrer ist anscheinend: Einer geht immer noch rein. Aber damit nicht genug: Die immer gleichen Sommerhits dröhnen aus den Boxen, dazu weht eine Brise aus Schnaps und Schweiß durch den Bus. Die Fenster lassen sich nicht öffnen. Wir brettern durch die Walachei und erreichen am Ende Tulcea mehr tot als lebendig.

Tulcea ist eine Hafenstadt, die nicht gerade vor Schönheit glänzt. Aber: Sie ist das Tor zum Delta. Wir steigen ins Schiff, lassen endlich die Tristesse hinter uns und sehen vom Sonnendeck aus der Verwandlung der Landschaft zu: Grün statt Grau, schilfbedeckte Hütten statt Plattenbauten, Flüsse statt Straßen, Schifferboote statt Autos. Ruhe. Die ersten Möwen kreisen über uns, am Rand des Kanals grasen Pferde, meterhohes Schilf ragt aus dem Wasser. Zeit zum Durchatmen.

Nach drei statt zwei Stunden Fahrt kommen wir in Crisan an, einem kleinen Fischerdorf, das aus einer einzigen Straße, unzähligen Stegen und Booten besteht. Zur Begrüßung gibt es frische Fischsuppe als Vorspeise und gebackenen Fisch als Hauptspeise, was sonst. Als es dunkel wird, hören wir doch tatsächlich Pelikane. Guten Abend, Paradies, wir sind angekommen.

So traumhaft die Landschaft auch ist, die Realität holt uns schnell ein. Handys zerklingeln die Ruhe – Terminschwierigkeiten. Eigentlich sind wir mit Ivan Patzaichin verabredet, dem besten Ruderer Rumäniens. Er holte 1972 bei den Olympischen Spielen in München Gold. Patzaichin ist im Delta aufgewachsen und baut dort jetzt den Öko-Tourismus auf: Statt mit Motorbooten sollen Touristen das Delta im Ruderboot erkunden können. Die Details wollte er uns eigentlich bei einer gemeinsamen Rudertour erzählen. Eigentlich. Wir sind da, die Boote sind da, nur der Olympiasieger nicht. Der ist noch in Bukarest, Zusage hin oder her. Auch der Projektmanager hält uns erst zwei Tage hin und kommt am Ende doch nicht. Also schieben wir die Boote selbst ins Wasser, schnappen uns die Ruder und legen los.

Vier Stunden lang sind wir im Labyrinth des Deltas unterwegs, kämpfen uns durch Wasserpflanzen und kommen dann zu einem riesigen See: nur wir, das rauschende Schilf, ein paar Lachmöwen, Rohrdommeln und Graureiher. Während unserer Fahrt sehen wir aber auch Wasserschlangen, die aus dem Wasser spitzen und natürlich einige Reusen – gefischt wird hier überall, auch an noch so entlegenen Stellen. Und so haben wir auch ohne Olympiasieger jede Menge Spaß beim Rudern, auch wenn wir immer wieder kurz vor dem Kentern sind. Den Olympiasieger werden wir trotzdem noch treffen, in Bukarest. Wir haben uns wieder mal verabredet, auf rumänische Art versteht sich. Ob es diesmal klappt, werden wir sehen. Wir haben uns gut angepasst.

 

Woche 3, Team Bulgarien

Sterbende Dörfer und Radio aus dem Untergrund

Doraid vom Radio

Hunde trotten einsam durch die Straßen, an denen viele Häuser verlassen stehen und langsam verfallen. Die Gärten der früheren Bewohner werden vom Gestrüpp erobert. Wir sind in Koshava, im äußersten Nordwesten Bulgariens, in einem Dorf, das langsam stirbt. Nur noch 500 Menschen leben hier; als der Eiserne Vorhang fiel, waren es mehr als doppelt so viele. Die inzwischen geschlossene Schule gibt ein tristes Bild ab, gleich daneben steht eine Kirche, deren Glocken auch nicht mehr läuten. Wahrscheinlich nie mehr.

Wir sprechen mit den Menschen, deren Kinder inzwischen in die großen Städte abgewandert sind – oder ins Ausland. Sie sind traurig über das Sterben ihres Dorfes. Es gibt zahllose solcher Beispiele in Bulgarien. Doch weggehen wollen sie nicht. Sie schätzen den sozialen Zusammenhalt zwischen den Gebliebenen. Der Rentner Sewdalin Marinow sagt: »Ich bin hier geboren, hier habe ich gearbeitet und hier will ich begraben werden.«

Auch die nahe Bezirksstadt Vidin hat mit der Abwanderung der jungen Menschen zu kämpfen. Die Region im Nordwesten Bulgariens ist die ärmste des Landes. Hoffnung keimt durch den Bau einer Brücke über die Donau nahe der Stadt. Es ist erst die zweite auf 430 Kilometern gemeinsamer Donaugrenze mit Rumänien. Eigentlich paradox. Die Menschen in Vidin hoffen, dass die Brücke viel Transitverkehr bringt und sich damit auch Firmen ansiedeln. Dann könnten viele wieder Arbeit finden.

Zurück in Sofia erleben wir das Kontrastprogramm und treffen junge, gut ausgebildete Menschen, die in den ländlichen Regionen so fehlen. Drei von ihnen, Doraid, André und Sveti wollen hier ein eigenes Internetradio aufbauen. Es soll die Musik von jungen kreativen Bulgaren spielen, die sonst in den zahllosen Dudelfunkstationen nicht zu hören ist. Und es soll Satire und Politikberichterstattung geben. Das alles will Radio Semylanka (»Erdhütte«) bieten. Ende September soll es richtig losgehen. Untergrundradio im wahrsten Sinne des Wortes, denn das selbst gebaute Studio liegt in einem Keller unter einem italienischen Restaurant.

Die Macher sind unzufrieden mit den bulgarischen Medien, es gebe zu wenig abseits des Mainstreams, zu wenig kritische Berichterstattung. Das wollen sie ändern und vor allem junge Menschen erreichen. Das alles soll auch Spaß machen, denn zu ernst dürften sich Journalisten schließlich sowieso nicht nehmen.

So könnte es klingen:

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