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Obelix kann nichts dafür

Der Sammelband »Die Kelten – Mythos und Wirklichkeit« räumt mit Klischees auf

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The same procedure as every year: Während brave Protestanten ihre Reformationsbrötchen verdauen und fromme Katholiken Allerheiligen entgegenfiebern, zieht am Abend des 31. Oktober, um Süßwaren bettelnd, gruseliges Gelichter von Tür zu Tür: Es ist wieder Halloween. Aber was soll man zu Halloween lesen? Ein Buch über die Kelten!

An Halloween scheiden sich bekanntlich die Geister. Für die einen ist es ein Heidenspaß, für die anderen würdeloser Kokolores. Vermutlich haben beide Seiten Recht, und dabei könnte man es belassen – wenn nicht immer wieder die alten Kelten für das kommerzielle Horror-Brauchtums verantwortlich gemacht würden. Denn obwohl Halloween offensichtlich eine ziemlich säkulare Veranstaltung ist, wird seinen Kritikern gern entgegengehalten, es handele sich immerhin um eine uralte keltische Tradition.

Das stimmt aber nicht. Auch wenn etwa der Religionsethnologe James Frazer in seinem Klassiker »Der Goldene Zweig« Halloween als heidnisches Totenfest identifiziert hat, lässt sich, jedenfalls mit den Methoden seriöser Wissenschaft, eine historische Kontinuität zwischen keltischen Kulten und dem modernen Grusel-Spektakel kaum nachweisen. Die Kelten können so wenig dafür wie Obelix, dass er als Kind in den Zaubertrank gefallen ist; sie haben Halloween ebenso wenig erfunden wie das Baumhoroskop oder den Misteltee gegen negative Schwingungen. Mit einem Wort: Die Bezeichnung »keltisch« dient nur als eine Art Gütesiegel, das für die Authentizität und damit die Wirksamkeit magischer Ratgeber und Artefakte des äußert lukrativen Esoterik-Marktes bürgen soll. Dabei sind die echten Kelten viel interessanter als ihr von geschäftstüchtigen Spinnern erfundenes Klischee.

Wer sich ernsthaft über die Kelten informieren will, kann auf eine ansehnliche Auswahl solider und zugleich allgemeinverständlicher Fachliteratur zurückgreifen, etwa, um nur zwei Titel zu nennen, auf Alexander Demandts »Die Kelten« (C.H. Beck) oder Wolfgang Meids gleichnamigen Band, der bei Reclam erschienen ist. Besonders zu empfehlen ist aber der gerade in der dritten und erweiterten Ausgabe erschienene Sammelband »Die Kelten. Mythos und Wirklichkeit«, den der Bonner Keltologe Stefan Zimmer herausgegeben hat. Hier erfährt der interessierte Laie (fast) alles, was es über die Kelten zu wissen gibt.

Das ist einerseits eher wenig, weil die antiken Völker, die wir als »Kelten« bezeichnen, selbst so gut wie nichts Schriftliches hinterlassen haben und die wenigen Informationen, die uns zur Verfügung stehen, in der Regel von ihren Feinden stammen, zum Beispiel Julius Cäsar.

Andererseits ist es eine ganze Menge, weil die Kelten die europäische Kultur nicht unerheblich mitgeprägt haben. Während in der Antike große Gebiete unseres Kontinents: Gallien (also ungefähr das heutige Frankreich), die britischen Inseln, aber auch weite Teile Süddeutschlands, von keltischen Völkern besiedelt waren, treffen wir sie (oder ihre Nachfahren) heute nur noch in Randgebieten wie der Bretagne, Wales oder Irland an. Die Republik Irland ist der einzige Staat der Erde, dessen Amtsprache eine keltische ist, auch wenn nur noch etwa 25.000 Menschen Irisch als Muttersprache sprechen.

Zimmers Kelten-Kompendium hat den meisten konkurrierenden Einführungen voraus, dass hier für jedes Teilgebiet (Archäologie, Religion, Sprachen, Geschichte der keltischen Völker, Recht, Literatur, Folklore) ein ausgewiesener Experte herangezogen wurde und so das ganze Spektrum der Keltologie abdeckt wird, wobei auch die modernen Mystifikationen des Keltentums, von James Macphersons romantischen Ossian-Fälschungen (die noch Goethe beeindruckt haben) über die angeblich rothaarigen Iren oder den »keltischen« Tanz bis hin zu Asterix und Obelix berücksichtigt werden.

Angesichts dieser Informationsfülle mag sich mancher Leser fragen, ob die Beiträger nicht gelegentlich über ihr erklärtes Ziel, den Stand der Forschung in allgemein verständlicher Sprache darzulegen, hinausschießen: War es wirklich nötig, den Problemen der kymrischen Phonetik einen eigenen Abschnitt zu widmen (die »berühmt-berüchtigen keltischen Mutationen«)? Wollen wir wirklich wissen, dass sich der Tonumfang bretonischer Melodien im Gegensatz zur traditionellen irischen und schottischen Musik auf eine Oktave beschränkt? Dass das altirische Recht neun Formen der sexuellen Vereinigung unterschied?

Die Antwort lautet : Ja, das alles möchte man unbedingt wissen! Gerade die überbordende Vielfalt der Themen und ihre bisweilen detailverliebte, dabei aber durchweg exzellente Präsentation, verdeutlichen die außerordentliche Komplexität der keltologischen Forschung. Zwar löst sich dabei all das Mystische, das die Kelten umwabert, sehr schnell in Luft auf. Aber dadurch werden die Kelten keineswegs entzaubert. Im Gegenteil: Je mehr der Leser über sie lernt, desto stärker regt sich in ihm das Bedürfnis, noch mehr zu erfahren. Was ließe sich über ein populärwissenschaftliches Werk Besseres sagen?

Und wer weiß, ob nicht das Treiben am 31. Oktober jetzt den einen oder anderen Leser dazu veranlasst, ein Blick in die Welt der echten Kelten zu riskieren? – »Le cúnamh Dé!« (Irisch: »Mit Gottes Hilfe«)

Stefan Zimmer (Hg.): Die Kelten. Mythos und Wirklichkeit. Dritte, aktualisierte und erweiterte Auflage. Stuttgart: Konrad Theiss Verlag 2012. 242 S., 14,95 €

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