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Fetisch Fleisch

Videowelt – Die kreuzer-DVD-Tipps

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Jeden letzten Montag im Monat bespricht die kreuzer-Redaktion DVD-Neuerscheinungen, Wiederauflagen und filmische Fundstücke für die Mattscheibe. Im Januar stehen surreale Fleischigkeiten, Coming-of-Age und Schuldfragen im Fokus der Filme.

Der Titel bringt Inhalt und Form des Films gut auf den Punkt: Es geht »Meat« um die Gelüste des Fleisches in ihren vielen Formen. Ebenso wie sich die Farben des Fleisches blass mit leichter Rottönung abzeichnen, so ist über den Film ein Inkarnat-Filter gelegt. Und kommt Fleisch faserig, faltig und in Lappen daher, wird zerhackt, zerstückelt, zermahlen, so trifft das auch auf die Erzählform des Filmes zu. Denn auch wenn »Meat« als Thriller angekündigt wird – ein auf Nervenkitzel und überraschende Wendungen abzielender Hochtempo-Streifen ist er nicht, dafür ist er zu enigmatisch.

Verästelt und verrätselt verheddern sich in »Meat« zwei Handlungsstränge. In einer, klar, Metzgerei spielen sich seltsame Szenen ab. Dem Fleischer scheint es nichts auszumachen, dass seine Frau fremdgeht. Er selbst stellt der jungen Aushilfskraft Roxy nach. Zwischen Tierhälften im Kühlhaus finden mehrfach sexuelle Kontakte statt. Daneben ist das trostlose Leben eines Kommissars zu sehen, der ereignisarme Bürozeiten abreißt, emotionslos den Selbstmord seiner Frau hinnimmt. Als der Fleischer ermordet wird, zeigt sich, dass sich diese Erzählstränge intensiver als nur auf einer professionellen Ebene berühren.

Es ist eine große Spur Surrealismus, die sich durch »Meat« zieht. In seiner blassen Ästhetik und dem sterilen Licht sieht er sich so anheimelnd an wie ein Kühlhaus-Interieur. Auch nach dem Kaltstart bleibt die Figurenführung marionettenhaft. Bis auf ihre Fleischobsession agieren alle reichlich gefühllos. Und weil die jede Begierde bündelnde Roxy aus unerfindlichen Gründen stets eine Videokamera mit sich führt, brechen poröse Wackelbilder die glatt-kühle Milchglasoptik. Einen Film wie »Meat« muss man mögen, denn leichte Kost ist er nicht. Ein Hauch von David Lynch durchweht diese kleine Parabel auf den Fleisch-Fetisch, die in Billy Idols Horn stößt: »We want flesh, flesh for fantasy.« TPR

»Meat – Lust auf Fleisch«: FSK: 18, Erotikdrama, NL 2010, 85 Min. R: Maartje Seyferth, Victor Nieuwenhuijs; B: Maartje Seyferth; D: Titus Muizelaar, Nellie Benner, Hugo Metsers III

 

Belgrader Jugend, auf Nazimist gewachsen

Da haben die Moralwächter des Films aber geschlafen: Während es beim – bis auf das lächerliche Ende – hervorragenden Skinhead-Streifen »Romper Stomper« noch hoch schwappende Aufregungswellen über angebliche Gewaltverherrlichung gab, wurde der nicht minder brutale »Skinning« einfach ignoriert. Zu Unrecht, denn der Film weiß durchaus zu überzeugen als serbische Coming-of-Age-Geschichte mit Naziskin-Thematik. Der begnadete Mathematikschüler Novica fühlt sich isoliert. Bei Fußballspielen lernt er die zusammenschweißende Gruppendynamik der Hooligans kennen. Und bald schon ist er Mitglied einer Naziskin-Gang, die mörderische Jagd auf alles »Unserbische«, vorrangig Sinti und Roma, macht.

Sicherlich kann man das Abdriften Novicas als zu rasch und glatt kritisieren, aber das Problem teilen alle solche Filme – immerhin haben sie nicht die Zeitfülle eines Bildungsromans. Aber dem Film, sein geringes Budget merkt man ihm nicht an, gelingt es immerhin gut zu skizzieren, wie Nazismus und Herrenmenschen-Attitüde auf dem Mist einer chauvinistischen und rassistischen »Normal«-Gesellschaft erwächst. Auch die zentrale Rolle der Gewalt für die Naziskins zeigt er ungeschönt. Somit lässt sich der Film als kleines Sittengemälde der Belgrader Nachkriegsgesellschaft einreihen in eine Filmtradition von »This is England«, »American History X« und eben »Romper Stomper«. TPR

»Skinning. Wir sind das Gesetz«: FSK: 16, Drama, Action, RS 2010, 98 Min.; R: Stevan Filipović; B: Stevan Filipović, Staša Koprivica, Dimitrije Vojnov, Nataša Vranješ; D: Nikola Rakočević, Viktor Savić, Bojana Novaković

 

Gewalttätige Kinder

Kein leichtes Thema hat sich Nachwuchsfilmer Alexander Dierbach für sein komplexes Langfilmdebüt ausgesucht: Bei einer Hochzeitsfeier wirft der achtjährige David im Wald mit einem Stein nach der gleichaltrigen Tine und trifft das Mädchen derart unglücklich am Kopf, dass es stirbt. Dreht sich zunächst alles darum, welche Schuld ein kleiner Junge, ein Kind, tragen kann, kreist Dierbachs Film zunehmend um die betroffenen Erwachsenen und zeigt schonungslos, wie deren Alltag durch diesen schrecklichen Unfall zunehmend aus den Fugen gerät. Die Kinderpsychologin, die den Fall aufklären möchte, verheimlicht ihre Schwangerschaft vor ihrem krisengebeutelten Freund. Die Eltern des toten Mädchens reiben sich daran auf, dass der Vater wieder zur Normalität zurückkehren möchte. Auf der Suche nach einer Antwort auf die Schuldfrage bleibt Dierbach bemerkenswert zurückhaltend und ergreift keine Partei, wenngleich sich klar herauskristallisiert, dass Davids Mutter durchaus Fehler gemacht hat. Als Zuschauer fühlt man sich mitunter erschlagen von der Problemlast der Protagonisten. Dennoch: Mit seinem Drama »Uns trennt das Leben« legt Regisseur Alexander Dierbach ein eindrückliches Langfilmdebüt vor, das mit großer Sensibilität Themen wie Schuld und Verantwortung verhandelt. ERE

»Uns trennt das Leben«: FSK: 12, mit Wendecover, Drama, D 2011, 90 Min.; R: Alexander Dierbach; D: Julia Koschitz, Jannik Brengel, Anneke Kim Sarnau, Tim Bergmann, Jasmin Schwiers

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