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Mehr Laissez-faire!

Das Festivaltagebuch: Vorne links beim Immergut

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Das Immergut läutete die Festivalsaison ein. Während in Leipzig zunehmend Land unter war, schien in Neustrelitz die Sonne. Unter der versammelten sich Freaks und Freunde, um zu tanzen und zu taumeln.

Es geht schon bei der Hinfahrt los. »Wir sind richtig gut im Zeitplan«, sagt der Autofahrer, als wir gegen 13 Uhr die Stadt verlassen. Nur, dass wir unsere beiden Zeitpläne nicht so richtig abgestimmt haben, seiner beginnt erst drei Stunden später als meiner. Und seine Rechnung, die Strecke sei in zweieinhalb Stunden zu schaffen – auch eher ein euphemistischer Plan. Mir kann’s wurscht sein, ich sitze auf der Rückbank und singe fröhlich Oldies mit, die auf dem Berliner Hitradiosender 88.8 laufen. Der Autofahrer schaltet auf den MP3-Player um, wird aber vom Beifahrer und mir gezwungen, den »Sender mit dem Nazi-Namen« wieder einzustellen, damit wir zu dritt »Billie Jean« mitschreien können. Wem unsere Ankunftszeit nicht ganz so wurscht ist, sind die Freunde, die ihren Zeitplan strikter eingehalten haben, schon seit Stunden beim Immergut warten, weil ich ihre Tickets in der Tasche habe. In regelmäßigen Abständen klingelt das Telefon. Wenn ich nicht bald käme, würde mir keiner mehr versprechen, bei meiner Ankunft noch mit mir reden zu können. Der Wodka, you know.

Und dann sind wir da und dürfen nicht auf den Zeltplatz. »Der ist schon voll«, erklärt eine freundliche Zeltplatzbewacherin. Da wir aber unter überhaupt gar keinen Umständen auf den noch leeren Zeltplatz wollen, weil man dann bestimmt mindestens zehn (!) Minuten länger vom Zelt zum Festivalgelände braucht und das Schöne am Immergut ja nun mal ist, dass es so klein ist und die Wege so kurz sind, müssen wir handeln. Die angeheiterten Freunde kommen uns entgegen und erzählen stolz, dass sie extra Fotos von dem Stück Rasen gemacht haben, das sie seit Stunden tapfer für uns verteidigen, um die Platzwächter mit Argumenten zu überzeugen. Herzlichen Dank, aber wir haben unsere Zelte schon heimlich reingeschmuggelt. Ha! Neuer Erfolg in der persönlichen Kriminalstatistik: Zelt geschmuggelt.

Zeit für Musik: Die Heiterkeit stehen auf der kleinen Bühne, hinter der sich die weite Landschaft Mecklenburgs abzeichnet, und singen völlig emotionslos und unheiter ihre Lieder. Ich liebe diese Band – aber auf Platte noch ein bisschen mehr als live. Einmal lächeln sie sogar mit ihren rotgeschminkten Lippen. Später spielen Toy. Die englischen Rocker sind meine persönliche Entdeckung dieses Festivals. Was nicht nur daran liegt, dass sie alle lange Haare haben und man bei einem wirklich nie überhaupt das Gesicht sieht.

Im Dunkel der Nacht verliere ich Menschen und kurzzeitig auch mich selbst und erst beim nächsten Konzert finden wir uns alle wieder (Parole: Vorne links) – die anderen schwärmen von Team Me. Girlanden und Luftballons verpasst. Efterklang enttäuschen leider, dabei hatten sie einst so tolle Shows. Vielleicht der Sound? Zum Abendabschluss Jens Lekmann. Wir hüpfen ganz nach vorne und freuen uns  da über Popsongs, über schöne Texte, über dieses Hach-Gefühl.

Und dann – die jahrelange Tradition will es so – ist Indiedisko. Und – auch so will es die Tradition – danach kann sich kein Mensch mehr dran erinnern, nur dass man bestimmt wieder irgendwas von Oasis mitgebrüllt hat. Hymne des Abends und überhaupt ja die Hymne des Jahres: We’re up all night to get lucky. Und schon ist es hell.

Morgens ist das Glücksgefühl einem undefinierbaren Schmerz gewichen. Jeder hat so seine eigenen Probleme: Der eine versucht mit einem Gaskocher und zwei kleinen Töpfen und Tofu ein English Breakfast zuzubereiten, was sogar gelingt. Die andere ist gestern schon um Mitternacht ins Bett gefallen und sucht jetzt topfit nach einem Biertrinkpartner. Der Dritte hat all seine T-Shirts verloren und läuft jetzt im schicken weißen Hemd herum.

Doch die größten Probleme hat wohl ein uns unbekannter Junge namens Ronny, auf dessen Bein mit Edding geschrieben steht: »Mir juckt die Pflaume«. Er taumelt an uns vorbei und fällt um, rappelt sich wieder auf, fällt wieder um, rappelt sich auf … Dann sieht er den VW-Bus, auf dem eine Couch steht und versucht ihn zu erklimmen. Zwei Menschen müssen ihn davon mit gemeinsamem Körpereinsatz abhalten. »Contenance«, brüllt Ronny, und den schönen Satz: »Wir brauchen mehr Laissez-faire.« Recht hat er.

Auf dem Festival-Gelände liest Frank Spilker aus seinem Buch »Es interessiert mich nicht, aber ich kann es nicht beweisen«, was wir jetzt einfach mal so stehen lassen. Der Sänger von Fenster bereichert deren schönen Auftritt damit, dass er mit Drumsticks auf dem Bühnengerüst trommelt. Bei den Witzbolden von Tiere streicheln Menschen, deren Humor mir etwas flach erscheint, auch wenn Sven van Thom sein Lied über die Leber mit Wikipedia-Ausschnitten bereichert, fängt es dann doch mal an zu regnen, worauf die überdachte Bühne mehr oder weniger gestürmt wird. Spider sagt nur: »Ich komme mir vor wie in einem Zombiefilm.«

In einem alten Wagon gibt es auch dieses Jahr wieder Kunz, wie hier Kunst heißt, die diesmal vor allem den praktischen Nutzen hat, dass vor einem Laken, auf denen Schatten von gebastelten Vögeln vorbeifliegen sollen, zwei Korbsessel stehen. Hier im Vogelgesang aus dem Lautsprecher werden wir uns für immer niederlassen. Das dachten sich wohl auch die beiden Typen, die gemütlich hinter dem Laken und dem »Nicht eintreten«-Schild auf einer Couch eine Tüte rauchen. Ungefähr im Zwei-Stunden-Rhythmus werden sie von den beiden Künstlerinnen wieder rausgeschmissen.

Auf der Wiese zelebrieren drei Hippiemädchen einen Ausdruckstanz zu Leslio Clio, die ihren Hit gleich zweimal spielt, weil sie halt nur drei Songs hat, wie sie selber sagt. Und dann noch: All I have to do is dream. Und ja, nicht wenige tragen hier Blumen im Haar. Vor unserem Zelt ist dagegen eher Punk angesagt. Weil keiner sein Besteck findet, essen alle die Wurst direkt vom Grill.

Wir lassen von uns von Bühne zu Bühne zu Bühne treiben, tanzen zu Vaccines und My Promised Jetpacks. Mitten in der Nacht kann man im Labelzelt noch Linolschnittpostkarten basteln, ich kaufe mir lieber eine überteuerte alte Belle & Sebastian-Platte (außer der Kiste A–C waren schon alle weggeräumt), wobei es bei einem Campingfestival völlig bescheuert ist, Vinyl zu kaufen. Wohin denn jetzt damit, die geht doch bestimmt kaputt. Da stimmt mir sogar der Plattenverkäufer zu, nachdem ich ihm das Geld gegeben habe. Aber immer noch besser als Amazon.

Dann The Notwist. Der Headliner. Tolle Band, aber wieso spielen sie erst jetzt? Ich kann nicht mehr, aber ich kann es nicht beweisen.

Als so eine Art Geheimact mit dem Namen Ed Bounce und DJ Dieter treten Jeans Team auf, bei »Keine Melodien« kommen sofort die Kräfte wieder. Leider bin ich wohl der einzige Mensch mit Verstand, der das neue Album superwitzig findet, daher muss ich mit lauter Partyprollos »Gesundbrunnencenter« mitsingen.

Draußen Electro mit Gold Panda, drinnen – genau – Indiedisco mit Spencer. Get lucky again. Es wird hell. Inzwischen kann ich beweisen, dass ich nicht mehr kann. Gute Nacht!

Auf der Rückfahrt stehen wir im Stau. Lass mal gut sein mit dem Zeitplan.

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