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Organversagen

Episoden aus dem Leben einer Lustigen Volkszeitung. Diesmal: Dolle Haartolle

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Es war eigentlich eine Kracher-Meldung: Engelbert Lütke Daldrup wird neuer Chef des Endlos-Großprojektes Flughafen BER. Lütke Daldrup ist ein alter Bekannter in Leipzig, schließlich war er hier zehn Jahre lang Baudezernent. Doch die LVZ lässt lieber aus Hannover über ihn berichten.

Dabei hat Engelbert Lütke Daldrup von 1995 bis 2005 einige Spuren in der Stadt hinterlassen, sowohl das Museum der bildenden Künste, der Neubau des Zentralstadions, die Sanierung des Grassi-Museums oder die Grünauer Welle gehen planungstechnisch auf seine Kappe. Außerdem holte er BMW her, seine größte Glanztat war aber wohl die Olympiabewerbung. Als Olympiabeauftragter der Stadt versuchte er – bekanntlich ohne Erfolg –, die Mega-Sportveranstaltung ins damals von der Bundesliga sehr weit entfernte Leipzig zu holen. Zudem begann während seiner Amtszeit auch der Bau des City-Tunnels, worauf sich alle Medien, die über Lütke Daldrups neuen Job berichteten, mit dem nahezu gleichen Satz bezogen: »Mit verspäteten Großprojekten und ausufernden Kosten hat Lütke Daldrup Erfahrung.«

So auch die Leipziger Volkszeitung, die sich in ihrer Berichterstattung kaum von den überregionalen Medien unterschied. Auf der Seite Drei wurde in der Ausgabe vom Dienstag zwar ganzseitig über den Flughafen BER berichtet, über Lütke Daldrups Zeit in Leipzig allerdings nur in zwei Absätzen, die man sich so auch aus Wikipedia zusammenschustern hätte können. Darauf folgt die präzise Beobachtung: »Schlank und mit markanter Haartolle wirkt Lütke Daldrup zuweilen noch wie ein Heranwachsender, weniger wie der 60 Jahre alte Beamte und Honorarprofessor, der er ist.«

Nun ist die LVZ nicht dafür bekannt, dass dort in den letzten zehn Jahren eine radikale Verjüngungskur stattgefunden hat und alle Redakteure, die damals regelmäßig über Lütke Daldrup berichteten, verschwunden sind. So hätte sich also gewiss jemand gefunden, der mehr über den neuen BER-Chef hätte sagen können, als wie seine Figur und Frisur wirken. Jemand, der ein tiefergehendes Portrait hätte schreiben können, mit Einschätzungen darüber, wie Lütke Daldrup arbeitet, wie er wirklich mit Großprojekten umgeht und ob er der richtige Mann für den Job ist – oder halt nicht. Haartolle hin oder her.

Dass dies nicht geschah, ist höchstwahrscheinlich eine Folge der Zusammenlegung der LVZ mit der Zentrale in Hannover, die Texte für das Redaktionsnetzwerk Deutschland schreibt, die dann in allen zugehörigen Zeitungen veröffentlicht werden können. Dass durch diese Umstrukturierung die lokale Berichterstattung gestärkt werde, wurde damals immer gerne betont. Schließlich müssen die regionalen Redaktionen sich jetzt weniger um die große Weltpolitik kümmern, sondern können sich mehr auf die Geschehnisse der Umgebung konzentrieren. Zudem können sie ihre Expertise über die regionalen Themen dem gesamten Netzwerk anbieten, denn in Hildesheim kennt man Lütke Daldrup vielleicht nicht so gut und nähme gerne die Artikel der Leipziger Kollegen auf.

In der Praxis des Redaktionsalltages scheint dieses Konzept leider oft nicht aufzugehen, wie nicht nur dieses Beispiel zeigt. Mit Stärkung des Lokaljournalismus hat dies nichts mehr zu tun, wobei nur noch ein Motivationsgrund bleibt: Sparen. Das Zeitungssterben wird man so nicht aufhalten können, denn Lütke Daldrups Haartolle kann man im kostenlosen Internet weitaus besser sehen als in der LVZ.

An dieser Stelle begleiten wir in unregelmäßiger Folge die publizistische Praxis der vom Kapitalismus gebeutelten Leipziger Volkszeitung, ehemals »Organ der Bezirksleitung Leipzig der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands«.

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