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Leipzigkino

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

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Zwei Filme starten in dieser Woche, die eng mit Leipzig verbunden sind: Der wundervolle Dokumentarfilm »Trockenschwimmen« der Leipzigerin Susanne Kim entstand hier. Die schönen blauen Kacheln der Schwimmhalle Ost schimmern von der Leinwand in den Saal. Schon beim DOK Leipzig begeisterte ihr hinreißender Film das Publikum, über den wir im Oktober letzten Jahres mit ihr sprachen (s. Kreuzer 10/16). Nun kommt er bundesweit in die Kinos und trifft dort hoffentlich auf ebenso viel Liebe wie beim Leipziger Publikum. Gleiches ist auch Lars Montags Kinodebüt »Einsamkeit und Sex und Mitleid« zu wünschen. Die Adaption des Romans von Helmut Krausser ist ein außergewöhnlicher Ensemblefilm zur Lage der Nation geworden und für Leipziger Kinogänger doppelt spannend, kann man doch die zahlreichen Drehorte zwischen Emil-Fuchs-Straße und Petersbogen entdecken. Viel Spaß beim Spotten wünscht der kreuzer.

Film der Woche: Von einer unbeschwerten Kindheit kann Conor (Lewis MacDougall) nur träumen. Der Junge lebt bei seiner kranken Mutter Elizabeth (Felicity Jones). Als sie schließlich zu schwach ist, um für ihn zu sorgen, kommt er zu seiner strengen Großmutter (Sigourney Weaver). In seinen Träumen verarbeitet Conor den Alltag und erschafft ein hünenhaftes Monster, das seiner Wut Ausdruck verleiht und ihn in Geschichten ohne glückliches Ende entführt. Die Jugendbuchvorlage von Patrick Ness wurde vom spanischen Regisseur Juan Antonio Bayona (»Das Waisenhaus«) beeindruckend zum Leben erweckt. Der 13jährige Held verarbeitet den bevorstehenden Verlust seiner Mutter in phantasievollen Gleichnissen, für die Bayona albtraumhafte, kunstvoll kreierte Bilderwelten erschafft. Ein berührendes Märchen, das in der Realität wurzelt, düster und fesselnd. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»Sieben Minuten nach Mitternacht«: ab 4.5., Regina, Schauburg

Karin kann schwimmen. Sie hat es nicht verlernt. Aber die Angst übermannt sie, jedes Mal, wenn sie einen Fuß ins Wasser setzt. Seit sie bei einem Badeurlaub 1995 in Portugal in der plötzlich hereinbrechenden Flut beinahe ertrunken wäre, ist sie traumatisiert. Selbst zwanzig Jahre später beginnt sie am ganzen Körper zu zittern, wenn sie sich daran erinnert. »Trockenschwimmen, das wärs.« Karin ist eine der Protagonistinnen in Susanne Kims Dokumentarfilm »Trockenschwimmen«. Learn to swim, before you die – warum lernen Menschen Schwimmen, wenn sie in einem Alter sind, in dem sie es eigentlich nicht mehr müssten? Schließlich sind sie ihr ganzes Leben auch ganz gut ohne schwimmen zu können zurecht gekommen. Da steckt also ein bisschen mehr dahinter. Oftmals geht es um Angst. Selbstkritisch und offen sprechen die Schüler und Schülerinnen in die Kamera. Intim sind die Momente, die Kim und ihre Kamerafrau Emma Rosa Simon eingefangen haben. Sie finden einen Weg die Ängste in Bilder umzusetzen. Hierzu arbeiteten sie mit der Leipziger Choreographin Heike Hennig (»Tanz mit der Zeit«) zusammen. Hennig entwickelte gemeinsam mit den Schülern individuelle Choreographien, um ihrer Gefühlswelt Ausdruck zu verleihen. So entwickelt der ganze Film etwas Fließendes, wie das Wasser im Film. Kim arbeitet mit Unschärfen, die wirken, als wäre die Linse der Kamera von der Feuchtigkeit des Elements beschlagen, vermengt ihre dokumentarischen Bilder mit traumhaften Unterwasseraufnahmen und schafft es, dass ihr Film stets im Fluss bleibt, sich die Bilder ineinander fügen. »Die Träume der Jugend reichen nicht aus fürs Leben. Du brauchst auch einen Traum fürs Alter«, heißt es einmal im Film. Von diesen Träumen, Erinnerungen, Sehnsüchten handelt Kims Film, der seine umjubelte Premiere im vergangenen Jahr auf dem DOK Leipzig feierte.

»Trockenschwimmen«: ab 4.5., Passage Kinos

Als Vorlage diente Regisseur Lars Montag der gleichnamige Roman von »Der große Bagarozy«-Autor Helmut Krausser, dessen etwa dreißig Charaktere er auf rund ein Dutzend zurechtstutzte und mit deren Hilfe er eine gleichermaßen desillusionierende wie extrem unterhaltsame Bestandsaufnahme des Mit- und vor allem Nebeneinanders in Deutschland vornimmt. Da wäre der Supermarktleiter Uwe, der sich tagsüber mit dem cholerischen Kunden Ecki herumplagt und abends die überkandidelte Janine datet. Oder Uwes Noch-Frau Julia, die sich den Callboy Vincent gönnt, der ganz spezielle Jobvereinbarungen mit seiner Freundin Vivian getroffen hat. Der rassistische Polizist Thomas will seine Kollegin Carla beeindrucken und schlägt kurzerhand Teenager Mahmud k. o. – was dazu führt, dass der in der Notaufnahme der pubertierenden Swentja bezahlten Cunnilingus anbietet, während gleichzeitig ihr religiös (v)erzogener Mitschüler Jonathan unsterblich in sie verliebt ist. Swentjas Öko-Eltern schließlich führen nur noch eine Zweckehe und insbesondere ihr Vater Robert will seinen Horizont erweitern, was ihn wiederum zu Künstlerin Janine und Ex-Lehrer Ecki führt. Was genau Bernhard Schütz, Katja Bürkle, Rainer Bock, Eva Löbau und der Rest der talentierten Besetzung in ihren Rollen miteinander verbindet, ist oft schreiend komisch, zuletzt hochdramatisch – und ja: ungewohnt großes, mutiges und bitterböses Kino made in Germany. Ausführliche Kritik von Peter Hoch im aktuellen kreuzer.

»Einsamkeit und Sex und Mitleid«: ab 4.5., Passage Kinos


Flimmerzeit_April_2017

 

Weitere Filmtermine der Woche

Kinoabend mit der Gruppe WinD Leipzig
Zwei Filme mit anschließendem Austausch und Diskusison:
Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen
Die Schauspielerin Mélanie Laurent und der befreundete Aktivist Cyril Dion suchen nach alternativen Lebensarten. Anschl. Austausch und Diskussion mit der Gruppe WinD Leipzig (18 Uhr)
Captain Fantastic
Ein durch und durch außergewöhnlicher Film mit einem starken Viggo Mortensen, der als Familienoberhaupt versucht, seine Kinder vor der Außenwelt zu beschützen. (21 Uhr)
4.5., Luru-Kino in der Spinnerei

»Filmreihe Animation Europa«
Der europäische Animationsfilm ist so stark wie lange nicht mehr. Grund genug für eine Reihe, dachte sich die Kinobar, die den gezeichneten und gekneteten Filmen in dieser Stadt stets eine Leinwand bietet. So kann man sich erneut an der großen Kunst des irischen »Melodie des Meeres«, der japanisch-niederländischen Kollaboration »Die rote Schildkröte« oder auch dem famosen »Shaun das Schaf«-Film erfreuen. Oben drauf gibt es noch den Klassiker »Das große Rennen von Belleville«.
4.–7.5., Kinobar Prager Frühling

Jarocin. Po co wolnosc – Rock for freedom
Ein energiereicher Dokumentarfilm zum legendären Festival der 1980er, einem Mekka für Punks und andere Subkulturen. – im Rahmen der Veranstaltungsreihe »Warschauer Punk Pakt«
5.5., 22 Uhr, Cinémathèque in der Nato (OmeU)

Kurz & Gut
Neue Kurzfilme von Studierenden der Uni Leipzig.
4.5., 20 Uhr, Passage Kinos

Shalom Italia
Drei Brüder auf der Suche nach der Höhle, die ihnen einst das Leben rettete, als die Nazis in ihr Dorf kamen und die Juden fortschleppten. Berührend und mit einem Schmunzeln begleitet der Dokumentarfilm die betagten Herren bei der Spurensuche. Premiere in Anwesenheit der Regisseurin Tamar Tal
4.5., 19.30 Uhr, Cinémathèque in der Nato
5.5., 19 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Shin Godzilla
Neue, traditionsbewusste Verfilmung des kultigen Monster-Movies mit zeitgemäßen Effekten. – Monster-Special
4.5., 20 Uhr, Cineplex, UCI

Das Filmriss Filmquiz
Von »Menschen am Sonntag« bis »Inglourious Basterds«: Im Rahmen der Langen Nacht der Museen gibt es eine Sonderausgabe des Filmriss Filmquiz' aus dem Conne Island zur Dauerausstellung »Deutsche Geschichte im Spielfilm«. Zu gewinnen gibt es wie gewohnt Freikarten und Merchandise zu aktuellen Kinofilmen.
6.5., Zeitgeschichtliches Forum

Die unendliche Geschichte
Der kleine Bastian findet in einem Antiquariat ein geheimnisvolles Buch, »leiht« es sich aus, um es auf dem dunklen Dachboden der Schule zu lesen. Er gerät in eine abenteuerliche Reise durch Phantasiens Welt der Winzlinge, Rennschnecken, Felsenbeißer und Glücksdrachen, die vom Untergang bedroht ist und verzweifelt nach einem Retter sucht. Phantasien scheint verloren, als Bastian begreift, welche Rolle er in der unendlichen Geschichte spielen kann.
6.5., 16 Uhr, Schaubühne Lindenfels

Du und ich und Klein-Paris
Als die 17-jährige Angelika nach Leipzig zieht, muss sie zunächst für eine Weile zur Untermiete bei Frau Häublein einziehen, denn ihre Eltern werden erst in ein paar Monaten nachkommen. Der Philosophiestudent Thomas, der dort ebenfalls wohnt, ist gar nicht begeistert von seiner hübschen neuen Mitbewohnerin.
6.5., 17.30 Uhr, Cineplex

In this World
Neue Reihe, in der Filme unterschiedlicher Genres gezeigt werden, die eines eint: Ihre Regisseure leben und arbeiten in Leipzig respektive Mitteldeutschland und sie sind alle emigriert, haben teilweise eine Flucht aus Kriegsgebieten hinter sich oder mit den Folgen ihrer Migration nach Deutschland bzw. ganz konkret nach Leipzig zu kämpfen. Den Auftakt macht der kurdische Regisseur Shirwan Qasim mit seinen Filmen »Brabrusk« und »The Path of Jihad in Europe«.
6.5., 19 Uhr, Schaubühne Lindenfels

Die Thomaner
Die Talentschmiede der Thomaner in der Innenansicht. Der recht zahme Dokumentarfilm begleitet den Thomanerchor bei den Feierlichkeiten zu seinem 800. Geburtstag. – Thema: Glaube und Musik
7.5., 13 Uhr, Passage Kinos

Samin vs. Semen
Dokumentation über die Ausbeutung eines Gebietes in Indonesien für die Zementproduktion und gegen die lokale Bevölkerung, die mit kreativem Widerstand versucht, ihr Ökosystem zu retten. – in Anwesenheit des Regisseurs Dwi Laksono
8.5., 18 Uhr, Schaubühne Lindenfels

Der Bauch des Architekten
Ein Architekt kommt mit seiner Frau nach Rom, um eine Ausstellung über sein großes Idol, den französischen Revolutions-Architekten Boullé, vorzubereiten. Doch im Laufe der Zeit wird er krank und seine Frau beginnt ein Verhältnis mit einem jüngeren Rivalen. Komplexes Filmepos mit eindrucksvollen Bildern der Stadt Rom. – Cinema (Un)framed - Filme von Peter Greenaway
9.5., 17 Uhr, Schaubühne Lindenfels

2. Kurzfilmabend
Eine Auswahl internationaler Kurzfilme
10.5., 19.30 Uhr, Anderthalb

Alles gut
Der Dokumentarfilm begleitet den achtjährigen Djaner. Der Roma-Junge kommt mit Mutter und Bruder im Herbst 2015 aus Mazedonien nach Deutschland. Für Adel, den Vater der elfjährigen Ghofran, geht ein Traum in Erfüllung, als seine Frau und die vier Kinder endlich aus Syrien nachkommen. Nun warten die großen Herausforderungen des wirklichen Ankommens auf die Familie. – Willkommenskultur und Integration in Deutschland
10.5., 18 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Good Bye, Lenin
Im Rahmen der Dauerausstellung »Deutsche Geschichte im Spielfilm« mit Filmvorführung und Gespräch
10.5., 10 Uhr, Zeitgeschichtliches Forum

Love, Sex and Rock'n'Rollstuhl
Nicola, Stefan, Wiebke und Emanuel leben mit einer körperlichen Behinderung in unterschiedlichen Lebenssituationen. Alle vier sehnen sich nach Liebe und Sexualität und treffen sich aus diesem Grund zu einem Erotikworkshop. Mit Filmgespräch mit der Regisseurin Susanne Wüstneck – im Rahmen der Aktionswoche für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung
10.5., 19 Uhr, UT Connewitz

The Artist
Eine stumme Hommage an die goldene Ära Hollywoods – im Rahmen von Kino verbindet.
10.5., 19 Uhr, Schaubühne Lindenfels

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