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Henselmanns Rache

Mit acht Jahren Verzug ist das Paulinum der Uni fertiggestellt und damit ein Kapitel Leipziger Architekturdebatte beendet

  Henselmanns Rache | Mit acht Jahren Verzug ist das Paulinum der Uni fertiggestellt und damit ein Kapitel Leipziger Architekturdebatte beendet

Acht Jahre hat es auf sich warten lassen, das Paulinum der Universität Leipzig. Trotz zahlloser Diskussionen um die Gestaltung des Raumes ist das Ergebnis eher ernüchternd. Frei nach dem Motto: Gewollt, aber nicht gekonnt.

Die bereits seit geraumer Zeit fertige Front von Paulinum und angrenzendem Augusteum 
am Augustusplatz hat die Architekturkritik als »Kommerzästhetik« und »Neurussenschick« bezeichnet. Hinter dem Spitzbogenfenster befindet sich die Aula, der Raum darüber in dem klobigen Dachbereich ist mit Büros und Seminarräumen vollgestopft. Davon ist außen natürlich nichts zu sehen, da hier eine große pseudogotische Fensterrose das nostalgische Gemüt erwärmen soll. Aufdringlich wirkt die neue Schaufassade der Uni: Die Beliebigkeit der Glas- und Natursteinflächen sowie die unförmige Kubatur werden durch die banalen Bezugnahmen auf die alte Kirche kaschiert.

[caption id="attachment_56772" align="alignnone" width="630"]Kompromissarchitektur erster Güte: Innenraum des Paulinums mit abgeschnittenen Pseudo-Stützen (Foto: Henry W. Laurisch) Kompromissarchitektur erster Güte: Innenraum des Paulinums mit abgeschnittenen Pseudo-Stützen (Foto: Henry W. Laurisch)[/caption]

Der Innenraum – durch eine Glaswand in Aula und Andachtsraum geteilt – erscheint in makellosem, unterkühltem Weiß, von der versprochenen Wärme ist nichts zu spüren. Auch von Zitaten des alten Baus kann hier keine Rede mehr sein, billige Imitation ist angesagt. Als Differenz bleiben glänzende Oberflächen und absurde Stilblüten. Die Maßwerkadaption der Fenster wirkt in ihrer Glätte wie die Laubsägearbeit einer Bastel-AG für Kinder, das Pseudogewölbe aus Fertigteilen glänzt speckig. Etwas Gewalttätiges strahlen – im wahrsten Sinn des Wortes – die abgeschnittenen Pseudo-Stützen mit ihrer LED-Beleuchtung aus. Diese schweben drohend 
über dem Publikum und scheinen herunterrauschen zu wollen, um alles zu erschlagen, was sich ihnen in den Weg drängt. Dieser postmoderne Firlefanz ist Kompromissarchitektur erster Güte. Denn die Uni wollte eine multifunktionale Aula und bekam mit Egeraat einen stützenverstellten Raum, der die Bespielbarkeit einschränkte. Als schlichter Ausweg aus diesem Dilemma blieb das Kappen der Stützen. Problem gelöst, weitermachen!

Henselmanns Rache

Der zweite Blick in den Raum lässt von Makellosigkeit nichts übrig, denn Mängel in der Detailausführung wie etwa der Höhenversatz zwischen den Teilen der Emporenbrüstung machen nur sprachlos. Anspruch und Wirklichkeit werden hier besonders deutlich: Statt Bauqualität siegt das schlichte Bild. Im Übrigen ist dieses Erzeugen plakativer Bilder genau das, was dem DDR-Stararchitekten Henselmann vorgeworfen wurde. Ob Egeraat sich dessen bewusst war?

»Uni:St. Pauli 3:0« stand mit Wendung gegen den Paulinerverein triumphierend auf einem Stura-Transparent nach dem Ende des Stützen-Streits. Städtebaulich umgedeutet müsste es heißen: »Henselmann:van Egeraat 1:0«. Denn angesichts der Höhe des Universitätshochhauses wirkt die neue, selbstverliebte Platzwand von Augusteum und Paulinum nur wie eine aufdringliche Geste, die sich gegen die Dominanz des Turmes nicht durchsetzen kann. Henselmanns Idee einer staatssozialistischen Stadtkrone stellt die bildhafte Erinnerung an die Sprengung der Paulinerkirche buchstäblich in den Schatten. Auch in dieser Hinsicht hat Egeraat das Thema verfehlt.

Doch es war nicht alles schlecht: Dem Paulinum kommt immerhin das Ver dienst zu, über einige Jahre gesellschaftliche Konfliktlinien 
in der Architektur sichtbar gemacht zu haben. Welcher Bau kann das in Leipzig noch für sich in Anspruch nehmen?


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