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Das Kino auseinanderdenken

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

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Die 8. Lateinamerikanischen Tage in Leipzig und Halle haben begonnen – mit Filmen, die schwer zusammenzudenken sind. Bereits der Begriff Lateinamerika legt eine geografische Vielschichtigkeit nahe, die Kategorisierungen in Frage stellt und an Ideen eines regionalen Kinos Zweifel weckt. Es geht eher um Dialoge. Das ergibt Sinn. Denn natürlich endet die spanischsprachige Welt nicht an der Grenze eines Kontinents. Das Kino an sich wandert gerne. Die Dialoge zwischen den Filmemachenden ziehen sich entlang ihrer Sprachen durch die ganze Welt. Das Heimatland heißt Kino.

8. Lateinamerikanische Tage in Leipzig und Hall: 16.-25.11., u.a. Cinémathèque in der Nato, Schaubühne Lindenfels, Cineding 
www.lateinamerikanische-tage.de

Film der Woche: Kumail Nanjiani wächst in Pakistan auf. Mit 18 zieht er mit seinen Eltern und seinem Bruder Naveed in die USA. Aufgewachsen in einer traditionell muslimischen Familie, findet er seine Leidenschaft in der amerikanischen Tradition des Stand-up-Comedian. Seine Soloprogramme, in denen er von seiner Kindheit in Pakistan erzählt, finden Anklang, der große Durchbruch bleibt jedoch aus. Sehr zum Missfallen seiner liebevollen Eltern, die ihn lieber als Arzt sehen würden. Aber sie akzeptieren seinen Weg, stets darauf beharrend, dass er die familiäre Tradition aufrechterhält. Doch Kumail spielt lieber Videospiele, als zu beten, und die offensichtlichen Versuche seiner Mutter, ihn zu verkuppeln, nimmt er gleichgültig zur Kenntnis. Das wird allerdings zum Problem, als er Emily (Zoe Kazan) kennen lernt und sich verliebt. Die beiden verbringen immer mehr Zeit miteinander, doch seinen Eltern kann er seine Liebe nicht gestehen. Irgendwann muss sich Kumail entscheiden: Wählt er Emily und riskiert damit, seine Familie zu verlieren, oder entscheidet er sich für ein Leben in einer arrangierten Ehe? Nanjiani fasste seine Lebensgeschichte gemeinsam mit Emily Gordon in ein Drehbuch und spricht damit vielen Einwanderern, die hin- und hergerissen sind zwischen den Kulturen, aus dem Herzen. Die Figuren sind authentisch, die Probleme nah am Leben. »The Big Sick« punktet mit glänzend geschriebenen Dialogen und einer liebenswerten Charakterzeichnung. So entwickelte sich die Indie-Komödie weltweit absolut zu Recht zum Publikumserfolg. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»The Big Sick«: ab 16.11., Passage Kino

»Gehst du fremd?« Anna stellt diese Frage ihrem Spiegelbild. Dabei ist sie für ihren Mann Nick bestimmt, der nebenan in der Küche des Wiener Restaurants wirkt. Statt sie ihm gegenüber auszusprechen, begeben die beiden sich auf eine Reise. Ein halbes Jahr wollen sie in einem entlegenen Haus in den französischen Alpen verbringen. Während ihrer Abwesenheit kümmert sich Mischa um ihre Wohnung und richtet sich dort schnell häuslich ein. Die Reise von Anna und Nick kommt derweil zu einem jähen Ende, als Nick ein Schaf überfährt. Nach dem Unfall ist nichts mehr, wie es war. Das Paar erreicht die Hütte, doch etwas ist sonderbar. Anna verliert zunehmend den Bezug zur Zeit, seltsame Begegnungen häufen sich. Die Handlung wehrt sich dagegen, allzu leicht entschlüsselt zu werden. Ähnlich den Filmen David Lynchs verlässt der Plot immer mehr die rationalen Pfade. Hitchcocks »Vertigo« stand Pate und es steigen auch hier zunehmend Schwindelgefühle auf. »Animals« baut mit einer ausgefeilten Kameraarbeit des Schweizers Piotr Jaxa und der einnehmenden Musik von Bartosz Chajdecki eine klaustrophobische Atmosphäre auf. Die Alpenidylle steht in Diskrepanz zur Ehehölle. Szenen gleiten ineinander über, Jaxa arbeitet mit Match Cuts und optischen Täuschungen. Birgit Minichmayer und Philipp Hochmair überzeugen in den Hauptrollen und liefern sich ein formidables Psychoduell, das verstört, fasziniert, fesselt und von einem feinsinnigen Humor durchzogen ist. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»Animals – Stadt Land Tier«: ab 16.11., Luru Kino in der Spinnerei

Teheran – Stadt zwischen Tradition und Moderne. Auf der einen Seite ist ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung gut situiert, gebildet und wohlhabend. Auf der anderen Seite ist die Macht des Islam allgegenwärtig, das Patriarchat undurchdringbar, wenn man als Frau versucht, in der Gesellschaft zurechtzukommen, wie die Protagonistinnen von »Teheran Tabu«. Pari ernährt sich und ihren kleinen Sohn durch ihre Arbeit als Prostituierte, in einem Land, in dem Sex tabuisiert und verfolgt wird. Ihre Nachbarin Sara sehnt sich danach, wieder arbeiten zu können, benötig dafür allerdings die Zustimmung ihres Mannes. Donya lässt sich auf einer Party mit Babak ein. Für die anstehende Hochzeit mit einem anderen muss sie nun ihre Jungfräulichkeit wieder herstellen lassen. Babak soll dafür aufkommen – nur: Woher soll der Student das Geld nehmen? Vier Schicksale, die der in Deutschland lebende, iranische Regisseur Ali Soozandeh geschickt kreuzen lässt. Für die visuelle Umsetzung entschied er sich für das Rotoskopie-Verfahren, bei dem die Schauspieler vor dem Greenscreen gefilmt und dann zeichnerisch nachbearbeitet wurden. Dadurch ergibt sich ein buntes Kaleidoskop düsterer Geschichten, das atemberaubend miteinander verwoben ist. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»Teheran Tabu«: ab 16.11., Kinobar Prager Frühling

Er wird häufig als der Dritte Weltkrieg bezeichnet – der seit über 20 Jahren andauernde Bürgerkrieg im Kongo. Über sechs Millionen Tote forderten die Kämpfe bereits. Und es ist kein Ende in Sicht – ohne neue Gesetze bzw. ein internationales Gerichtsverfahren. Die Demokratische Republik Kongo wird schon lange nicht mehr von Demokratie, sondern von Angst, Gewalt und Chaos regiert. Dabei ist sie das rohstoffreichste Land der Welt. Entlang des Kongos kommen unzählige Bodenschätze in großen Mengen vor. Doch seit mit der Förderung der Bodenschätze begonnen wurde, wird das Land und vor allem die Bevölkerung ausgebeutet. Die bedeutenden Rohstoffe führen bis heute zu massiven Konflikten zwischen Bevölkerungsgruppen, Rebellenführern, Staat, Militär, Unternehmen und angrenzenden Staaten. Die Gier der verschiedenen Parteien führt zu einer »Lösung« durch Gewalt. Wer ein Gebiet erkämpft, dem gehören auch die sich darauf befindlichen Rohstoffe.
Regisseur Milo Rau reiste in den Kongo, um dort Videomaterial der Verbrechen zu sammeln. Er rief das Kongo-Tribunal ins Leben – ein symbolisches Gericht, um die Missstände im Kongo aufzuzeigen und ihnen ein Publikum zu geben. Fast alle Beteiligten erschienen beim Tribunal, lediglich die großen Rohstoffkonzerne nahmen die Einladung nicht wahr.
Das Kongo-Tribunal ist mit seinen starken und berührenden Bildern ein voller Erfolg. Auch wenn die Entscheidungen des Tribunals nicht rechtskräftig sind, bringt Milo Raus Dokumentarfilm das Thema an die Öffentlichkeit. Journalisten wurden auf das Thema aufmerksam und wollen nun, nach Vorbild des Kongo-Tribunals, internationale Tribunale ins Rollen bringen.
Bei den DOK Spotters gibt es ein ausführliches Interview mit Regisseur Milo Rau: http://dok-spotters.de/de/2017/11/03/krisengebiet-kongo/

LINA REICH

»Das Kongo Tribunal«: ab 16.11., Schaubühne Lindenfels

Flimmerzeit Oktober 2017

Weitere Filmtermine der Woche

Gewinnerfilme des 7. OderKurz-Filmspektakels
Gezeigt werden die Filme »Born of Stone«, »Noyade interdite«, »Ayny – My Second Eye«, »Dragon Circle«, »Emily Must Wait« und »Lost in Hope«.
17.11., 21 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Tagebuch einer Verlorenen
Die Apothekerstochter Thymian erwartet ein Kind, doch dessen Erzeuger möchte sie nicht heiraten. Ihr verwitweter Vater und ihre Verwandten beschließen, das Baby wegzugeben und Thymian in ein Erziehungsheim zu schicken. Von dort ergreift das Mädchen die Flucht und findet eine Bleibe im örtlichen Bordell. Stummfilm, an der Welteorgel begleitet von Sr. Maria Wolfsberger.
18.11., 18 Uhr, Grassi-Museum Leipzig

Bilder finden
Im Zweiten Weltkrieg musste der polnisch-jüdische Künstler und Schriftsteller Bruno Schulz für einen SS-Führer Wandfresken malen, anschließend wurde er erschossen. Nach dem Krieg verschwanden die Kunstwerke, die Filmemacher dieser Doku haben sie wiedergefunden. Zum 125. Geburtstag und 75. Todestag von Bruno Schulz (1892–1942)
19.11., 17 Uhr, Kinobar Prager Frühling

The Last Warrior
In einer Parallelwelt leben sämtliche russischen Märchenfiguren und Sagengestalten, mit denen der junge Ivan aufgewachsen ist. Als es ihn auf wundersame Weise in dieses magische Land verschlägt, gerät er schon bald in einen Konflikt zwischen Gut und Böse. Am 19. November im russischen Original im Cineplex und im Regina Palast.
19.11., 17.30 Uhr, Cineplex
19.11., 15, 17, 19 Uhr, Regina Palast

Wozzeck
Im Anatomiesaal einer Universität liegt der leblose Körper des Füsiliers Wozzeck, der erhängt wurde. In einer Rahmenhandlung tritt Büchner selbst auf, um die Geschichte des gedemütigten Wozzecks zu erzählen. – Büchner im Film
19.11., 19 Uhr, Schaubühne Lindenfels

Die Mühle und das Kreuz
Heute gibt es ein Kinoerlebnis der besonderen Art in der Schaubühne Lindenfels. In der neuen Reihe »Gewandhaus spielt Kino« werden Filme vorgestellt, die von den Werken musikalischer Klassik inspiriert wurden und in Weiterführung der alten Tradition des konzertanten Entrees bei (Stumm)Filmpremieren musikalisch begleitet werden. Der heutige Auftakt verbindet Chormusik aus sechs Jahrhunderten mit Lech Majewkskis Kunstfilm »Die Mühle und das Kreuz« (P/S 2011).
21.11., 19 Uhr, Schaubühne Lindenfels

Death by Design
Die Doku über die Schattenseiten der Elektronikindustrie enthüllt, wie schon kleinste elektronische Geräte schlimmste Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit haben können. – Filmwelten und Alltagshelden, anschließend Workshop mit Café Kaputt
22.11., 19 Uhr, Krimzkrams

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Ein Kommentar

  1. Kristina Klein | 3. Dezember 2017 | um 23:20 Uhr

    Zum Kommentar von Karin Jirsak „Die kanadische Reise“, Filmstart 14.12.

    Man kann einen Film ablehnen, aber man sollte ihn vorher gesehen haben: Der Protagonist ist nicht Arzt, die Szenen werden auch nicht von rauchenden, Feuer machenden, trinkenden Männern dominiert, da passiert einfach etwas anderes. Lioret heißt der Regisseur (viertletzte Zeile), auch der Schreibfehler passt in das oberflächliche Bild der Rezension.
    K. Klein