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»Fick dich, Seehofer, Digger«

Beim Kosmonaut wurde der Innenminister beschimpft und der Ministerpräsident belächelt

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Kraftklub luden nach Chemnitz zum sechsten Kosmonaut-Festival. Der geheime Headliner war ein schlechter Witz, Monchi wurde vom Publikum gebissen und alle tanzten gegen die AfD.

Ein nackter Hintern in Übergröße prangt von der Hauptbühne in Chemnitz auf die Massen runter. Feine Sahne Fischfilet sind da. Ihr Aushängeschild: ein tätowierter Arsch. Bevor aber alle »Komplett im Arsch« mitgrölen, gibts jede Menge Politik, Pathos und Punk. Die Ostsee als Heimat wird hier abgefeiert, der Kampf gegen Neonazis beschworen und die aktuelle Politik in einfachen, verständlichen Sätzen erklärt: »Tausende Menschen ertrinken im Mittelmeer« und »Fick dich, Seehofer, Digger« Feine Sahne haben sogar eine Fahne mitgebracht, um den Innenminister zu ehren und zu beschimpfen. Bengalos brennen vor und auf der Bühne. Als Monchi vorne in der Menge rumspringt, beißt ihm jemand was von seinem Finger ab. Er spielt weiter. Die Ambulanz kommt später.

Hiphop und Hipster, Punks und Popper, Teens und Menschen in ihren Mid-Thirties sind dem Aufruf von Kraftklub gefolgt und statt zur Fusion zu fahren an den Stausee Rabenstein gekommen. Es wird auch allen was geboten. Es gibt Bingo und Herzblatt von Kraftklub-Vater Jan Kummer, den die Älteren eher als den Künstler von AG Geige kennen. Es gibt eine Wort-Bühne, auf der hauptsächlich Podcaster und Youtuber irgendwas aus ihrem Leben erzählen, was mal mehr (Podcast Herrengedeck) und mal weniger (Podcast Proseccolaune) witzig ist. Es gibt Minigolf und Badespaß und natürlich jede Menge Musik von Indie über Rap bis Electro. Drangsal singt sogar Schlager. »1000 Mal berührt« und dann wieder 80s-Rock.

Spannendste Frage jedes Jahr: Wer ist der geheime Headliner? Das festivaleigene Wettbüro sieht Die Ärzte ganz vorne. Entsprechend voll ist es vor der Hauptbühne, als Kraftklub eine »sehr spezielle Ausgabe« des geheimen Headliner verkünden. Der Vorhang fällt und es ist … Rin. Ein Teil des Publikums googlet, wer Rin ist (Lösung: ein Rapper mit dem Song »Bianco«), ein anderer Teil geht einfach, ein dritter versteht, dass das noch nicht alles sein kann. Und ja, nach ein paar Songs kommt Bausa, dann Haiyti und dann – jetzt größeres Gekreische – Cro, der eher unambitioniert singt, dass alles easy ist und Baby sich keine Sorgen um Geld machen solle. Danach tauchen Marteria und Casper auf. Feuerwerk und Jubel. Sie spielen einen Song, kündigen ihr neues Album an und gehen wieder. Irritation. Soll es das gewesen sein? Ein Musikantenstadl des Naja-geht-so-Raps und ein 5-Minuten-Werbetrack? Ist das die Antwort auf die Instragram- und Weiterwischen-Generation? Die Leute auf dem Campingplatz haben zumindest die »Freude«, dass Casper und Marteria sie morgens um sieben noch mit einem kurzen Konzert ehren.

Den Weckdienst hatten letztes Jahr überraschend Kraftklub übernommen, aber die sind diesmal der bekannte Headliner. Heimspiel für die Karl-Marx-Städter. Felix Brummer hat auch noch Geburtstag und bekommt eine Torte von einem Kosmonauten auf der Bühne überreicht, währen 15.000 Leute »Happy Birthday« singen. Sieht ein bisschen sehr vorgeplant aus, aber dafür nimmt man der Band ab, dass sie sich enorm freut, wie viele Leute zu ihrem Festival gekommen sind, über dem nun auch gerade noch der Mond aufgeht. Egal, dass Brummer mal den Text vergisst. Als in der ersten Reihe ein paar pogende Leute auf dem Boden liegen bleiben, unterbricht er das Konzert kurz, bis alle wieder unverletzt stehen, um dann weiter alles abzufeiern – sogar den sächsischen Ministerpräsidenten, der die Band letztens als »unmögliche linke Band« bezeichnet hatte, wegen der er eine Demo verlassen habe. Brummer nennt ihn hier einen »guten Freund und Kulturkritiker«.

Die AfD wird stärker angegangen – mit drei Schüssen in die Luft. Dass sie in Sachsen bald regieren könnte, gegen diese Befürchtung tanzen hier alle an. So lange, bis sie komplett im Arsch sind.

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