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Rummel unterm Riesenrad

Acht Anekdoten vom Highfield-Festival

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Sekt aus der Wasserpistole, Eis vom Zeltplatz-Discounter und Antifaschismus im Viervierteltakt: Beim Highfield am Störmthaler See kamen alte Bekannte und crowdsurfen durfte nur Marteria

Kaufhalle auf dem Zeltplatz

Der Weg zum Highfield ist lang und staubig. Erst über den kilometerlangen Parkplatz, auf dem sich Menschen mit Masken vor dem Staub schützen. Dann Kilometer über den Zeltplatz, wo sich die Leute mit Dosenbier vor der Hitze schützen. Mitten auf dem Weg ein riesiges Zelt: eine Kaufhalle. Das Sortiment des Discounters ist auf die Bedürfnisse des gemeinen Festivalbesuchers abgestimmt. Mehrere Kühltruhen voller Bratwurst, Hunderte Paletten Dosenbier und jede Menge Beutel Crushed Ice. Erdbeer-Daiquiri gibt es hier in Calippo-Verpackung. Allerdings nur im Dreierpack. Da das erste kaum schmeckt, verschenken wir die zwei übrigen an eine Gruppe, die vor ihrem Zelt dahinvegetiert. Sie staunen. »Ein Engel«, sagt einer. Nächstenliebe leicht gemacht.

Sicherheit ohne Stoffbeutel

Wir sind gut präpariert. Dachten wir. Haben einen dieser kleinen modernen Turnbeutel aus Stoff auf dem Rücken, um Kippen, Geld, Telefon und ein Jäckchen für den Abend mit uns rumzutragen, denn größere Rucksäcke sind eh nicht erlaubt. Aber kleine Stoffbeutel auch nicht, wie uns eine unfreundliche Security-Frau am Einlass erklärt. Wenn Beutel, dann durchsichtig. Für alle, die keinen durchsichtigen Beutel dabei haben, werden am Infostand welche für zwei Euro verkauft. Als wir mit unseren neuen durchsichtigen Turnbeuteln wieder bei der Security um Einlass bitten, wird unser Beutel durchsucht. Kippen, Geld, Telefon und das Jäckchen dürfen mit rein, der leere zusammengeknüllte Stoffbeutel nicht. Was wir damit Gefährliches anstellen könnten, will uns die Security-Frau nicht sagen. Der Stoffbeutel landet im Müll. Nun ja, wir haben ja jetzt einen aus durchsichtigem Plastik.

Hiphop gegen Rechts

Viele Acts, die wir sehen, machen politische Ansagen, betonen den Kampf gegen Faschismus oder ihre Abneigung gegen AfD und Neurechte, von der Antilopengang bis zu Kettcar. Bei 35.000 Zuschauern, die alle im Viervierteltakt klatschen, wenn einer das vormacht, kann das auf jeden Fall nicht schaden.

Goldene Schampuspistolen

Die beiden coolen Typen von Zugezogen Maskulin spritzen Champagner oder billigen Sekt (ist nicht genau zu erkennen) aus goldenen Gewehren in die Menge. »Endlich wieder Krieg.«

Neues Album von Dende

Dendemann, der chilligste aller anwesenden Rapper – dessen Gechilltsein auch ein Grund dafür sein dürfte, warum der Running Gag, dass sein neues Album einfach nicht fertig wird, immer noch funktioniert –, er rappt hier auch neue Songs. Das neue Album, es könnte gut werden. Nicht nur, weil er darüber rappt, dass mehr Männer auch mehr Männerprobleme bedeuten.

Testosteron ohne T-Shirt

Und auf dem Highfield gibt es im Line-up eigentlich nur Männer. Weiße Männer, die auch noch dazu neigen, ihr Oberteil auszuziehen. So wie Thomas D., der mitten im Fanta 4-Konzert einen Solopart spielt, um seinen gestählten Oberköper zu präsentieren, und singt, dass er ein Krieger ist. Marteria, der hier als letzter Hauptact eine riesige Show hinlegt, bei der alle springen und singen und sich zwei Finger an den Kopf halten, fordert am Ende alle auf, ihre T-Shirts auszuziehen. Was in dem bierlaunigen Publikum den Männern mehr Spaß macht als den Frauen.

Spuk unterm Riesenrad

Ein Riesenrad aufs Festivalgelände zu stellen, war die beste Idee des auf Ästhetik Wert legenden Festival-Architekten. Auf jedem Foto prangt das leuchtende Rad und vermittelt den Eindruck von Rummel, auf dem sich auch die Werbeindustrie ausprobieren darf: ein riesiger Hirsch, in dem man Schnaps trinken kann. Beim Zigarettenstand gibts WLAN (sonst gibts kaum Handyempfang). Auf den Leinwänden laufen in den Konzertpausen Werbeclips für Billigflieger und das immer wieder mahnende Video der Festivalorganisatoren, man solle Sonnencreme verwenden. Und wer Crowdsurfing macht, bekommt 24 Stunden Bandverbot (Sag das mal Marteria!).

Alle Jahre wieder da

Auch dieses Jahr konnte man das lustige Spiel spielen: Suche jemanden, der ein T-Shirt aus einem der letzten Jahre trägt und zähle die Bands, die auch dieses Jahr auftreten. Häufige Treffer: Billy Talent, Broilers, Die Fantastischen 4, Flogging Molly, Mando Diao und viele andere. Oft gesagter Satz daher: »Die hab ich vor 20 Jahren schon gehört.« Dass man sich trotzdem nicht alt vorkommt, liegt daran, dass so viele andere auch schon alt sind.

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