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»Das Leben ist wesentlich vielfältiger«

Die isländische Band GusGus im Gespräch mit dem kreuzer

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Die isländische Electro-Pop-Band GusGus tourt gerade durch Europa. Bei ihrem Halt in Leipzig sprachen Sänger Daníel Ágúst Haraldsson und Keyboarder Birgir Þórarinsson mit kreuzer-Autor Dirk Hartmann über ihr neues Album, Fake News, Homophobie und mangelnde Experimentierfreude in den Charts.

kreuzer: Ihr habt euer aktuelles Album »Lies Are More Flexible« ohne Högni Egilsson aufgenommen. Warum hat er die Band verlassen?

DANÍEL ÁGÚST HARALDSSON: Er hat an einem Soloprojekt gearbeitet, in das er viel Zeit investiert hat. Es war ihm ganz wichtig, dieses Album fertigzustellen und zu veröffentlichen.

kreuzer: Was wollt ihr mit dem Albumtitel »Lies Are More Flexible« ausdrücken?

BIRGIR ÞÓRARINSSON: Der Albumtitel soll unsere Zeit reflektieren, in der durch die vielen Medien die Wahrheit angefangen hat, irrelevant zu werden. Es geht nur noch um Meinungen und die Suche danach, welche Meinung die meisten Follower hat. Man vernachlässigt immer mehr die Idee von Integrität, von etwas Wahrhaftigem, das eine tiefere und echte Bedeutung hat. Aber der Albumtitel handelt auch ein bisschen von den persönlichen Lügen, um die eigene geistige Gesundheit zu bewahren.

kreuzer: Seht ihr euch als Pop-Duo oder als elektronischer Dance-Act?

DANÍEL: Als elektronisches Pop-Duo. (lacht)

BIRGIR: Wir sind eine Art Hybrid. Aber für uns kommt die Popmusik an erster Stelle, die wir dann mit elektronischer Bedeutung aufladen.

kreuzer: Was ist für euch wichtiger beim Musikmachen: Intellekt oder Emotion?

DANÍEL: Es muss eine Balance zwischen beiden Aspekten geben. Aber der emotionale Effekt ist für mich immer am wichtigsten.

BIRGIR: Der Fokus unserer Musik liegt darauf, beim Hörer Emotionen hervorzurufen. Und vielleicht gelingt uns das auf intellektuelle Art und Weise.

kreuzer: Was missfällt euch an der aktuellen elektronischen Musikszene?

BIRGIR: Die elektronische Musik in den Charts basiert sehr auf traditionellen Akkordfolgen. Ich würde sie mir seltsamer, punkier und experimenteller wünschen, so, wie es in den 80er-Jahren der Fall war. Mir fehlt im Moment einfach ein wenig die Diversität.

kreuzer: Birgir, du trittst bei euren Konzerten als Crossdresser auf. Ist das eine bewusste Entscheidung von dir, um das breite Spektrum des Lebens zu zeigen, so wie sich Martin Gore von Depeche Mode in den 80er-Jahren auffällig andrgoyn gekleidet hat, um Klischees und Stereotype in Frage zu stellen?

BIRGIR: Es liegt hauptsächlich daran, dass ich ein Crossdresser bin. Ich mache das nicht nur auf der Bühne, sondern auch im alltäglichen Leben. Es ist etwas, das ich nicht genau beschreiben kann. Aber wenn man das LBGTQI-Spektrum als Maßstab nimmt, würde ich mich einfach als queer bezeichnen. Maskulinität hat mich nie angesprochen. Männlichkeit riecht schlecht und es geht nur um Sport und schlechten Atem. Als ich jung war, hat mich die weibliche Identität einfach mehr fasziniert. Heutzutage denke ich nicht viel darüber nach, sondern verhalte mich einfach so, wie ich will. Meine Frau sagt, dass ich trotzdem sehr männlich bin. Ich habe drei Kinder. Ich bin nicht besessen davon, darüber nachzudenken, was es ist. Ich fühle mich wohl dabei und kann mich dadurch auf andere Dinge fokussieren.

kreuzer: Ich finde es großartig, dass du deine Persönlichkeit so ausdrückst, gerade in einer Zeit, in der rechtsextreme Parteien die Zeit zurückdrehen wollen und Homophobie eine Renaissance erfährt.

BIRGIR: Diese Menschen haben einfach Angst vor einer Welt, in der sie nicht die Macht ausüben. Aber das Leben ist wesentlich vielfältiger. Ich hoffe, dass wir Intoleranz und Homophobie überwinden werden. Ein Großteil der neuen Generation in Island geht wirklich cool mit diesen Themen um. Einige Freunde meiner Tochter kleiden sich wirklich merkwürdig. (lacht) Sie sagt, dass sie finden, dass ich cool sei. Es ist einfach inspirierend, wenn Leute, die nicht so divers sind, zu Menschen aufschauen, die sich vielfältig verhalten. Es geht aber nicht darum, die Normalität als langweilig zu kategorisieren. Niemand ist vollkommen normal, jeder Mensch ist ein bisschen verrückt.

kreuzer: Daníel, ich habe erst vor Kurzem herausgefunden, dass du 1989 am Eurovision Song Contest teilgenommen hast. Wie stehst du heute dazu?

DANÍEL: Ich habe damals mit dem Musiker Valgeir Guðjónsson, den ich sehr bewundert habe, den Song »Það sem enginn sér« aufgenommen. Ich hätte niemals erwartet, dass wir den Vorausscheid in Island gewinnen würden, aber genau das geschah. Wir wurden dann nach Lausanne in die Schweiz eingeladen, wo ich eine fantastische Zeit hatte. Deswegen stehe ich meiner Teilnahme am Eurovision Song Contest sehr positiv gegenüber.

BIRGIR: Wie alt warst du da?

DANÍEL: 19. Das Ganze war viel zu groß für mein Gehirn, um zu begreifen, dass da draußen 500 Millionen Menschen an den Bildschirmen zuschauen. Aber ich bin wirklich dankbar, dass ich dort nicht besser abgeschnitten habe. Denn sonst wäre ich jetzt ein Eurovision-Song-Contest-Sänger. (lacht)

kreuzer: Kommen wir zum Schluss noch auf die Zukunft von GusGus zu sprechen: Wird es wieder Wechsel im Line-up geben?

DANÍEL: Es wird in der nahen Zukunft keine Veränderung im Line-up geben.

BIRGIR: Man weiß natürlich nie, was in der Zukunft passieren wird. Aber für mich fühlt es sich stärker an, nur zu zweit live zu spielen. Als wir noch mehr Sänger hatten, lag der Fokus auf ihnen. Aber jetzt sind wir in der Lage, etwas tiefer zu gehen. Es dreht sich nun mehr um die Interaktion zwischen der Musik und Daníel. Auf diese Weise verliert sich Daníel einfach stärker in den Songs. Dadurch werden die Tracks mehr zu einer Art Reise für mich.

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