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»Entlastung der Schüler«

Musikpädagoge Georg Biegholdt über Kürzungen am sächsischen Musikunterricht

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Neben Kürzungen in anderen Fächern wird es in sächsischen Schulen ab dem Schuljahr 2019/2020 auch weniger Musikunterricht in Klasse 3 und in der Gymnasialstufe Klasse 8 geben. Der kreuzer kam dazu ins Gespräch mit Georg Biegholdt, Vizepräsident des Bundesverbandes Musikunterricht. Biegholdt war mehr als 20 Jahre als Musiklehrer tätig und arbeitet seit 2006 in der Lehrerausbildung an den Universitäten Potsdam und Leipzig. Er ist Autor von Lehrwerken und Liederbüchern sowie Mitherausgeber der musikpädagogischen Zeitschrift Grundschule Musik.

kreuzer: Was ist passiert mit dem Musikunterricht in Sachsen?
GEORG BIEGHOLDT: Im Februar gab es die erste Idee des Kultusministeriums, Stunden abzubauen. Es war damals von Musik in der Sekundarstufe die Rede. Es gab massive Proteste. Das Bemerkenswerte damals war die Begründung: »Entlastung der Schüler«. Wenn dann die Fächer Musik und Sport gekürzt werden, frage ich mich natürlich: Wie glaubwürdig ist das? Es war deutlich, dass es zunächst mal darum ging, Lehrermangel mit Stundenabbau zu begegnen.
Ganz kurz vor Schuljahresende wurden dann völlig neue Pläne beschlossen. Da ging es unter anderem auch darum, in Klasse 3 die zweite Musikstunde zu kürzen. Im Bundesvergleich ist Sachsen dann zukünftig sowohl was die Gesamtstundenzahl in der Grundschule als auch was die Anzahl der Musikstunden betrifft, am untersten Ende dessen, was es in Deutschland gibt.

kreuzer: Warum brauchen wir das Unterrichtsfach Musik in der Schule?
BIEGHOLDT: Musik ist ein Fach, in dem es darum geht, sich auszudrücken und Freude zu haben am Musizieren, Tanzen und Singen – und diesen Aspekt als Bestandteil von Lebensqualität zu begreifen. Die andere Seite ist das Rezipieren. Mit Musik tatsächlich etwas anfangen zu können, will gelernt sein. Da sind wir schnell bei einer wirklichen Allgemeinbildung, die nicht zielgerichtet ist auf Berufsergreifung oder Studium, sondern darauf, den Menschen zu bilden. Wenn man darauf verzichtet und nur noch auf die verwertbaren Dinge guckt, kriegen wir eine Gesellschaft, die wir nicht wollen.

kreuzer: Ist die Kürzung denn schon endgültig beschlossene Sache?
BIEGHOLDT: Ich glaube nicht, dass es Chancen gibt, noch etwas zu bewegen. Wir als Landesvorstand des Bundesverbandes Musikunterricht hätten uns gewünscht, sagen zu können, ok, wir haben Lehrermangel, müssen kürzen, wir setzen für einen gewissen Zeitraum Stunden aus. In fünf Jahren gucken wir noch mal, ob wir die Stunden nicht zurückholen können. So, wie es jetzt gemacht wurde, ist die Stunde für alle Zeiten weg.

kreuzer: Wird die Entwicklung dazu führen, dass es beim Bildungsbürgertum einen Run auf Privatschulen wie Waldorf geben wird, an denen Musik und Kunst großgeschrieben werden?
BIEGHOLDT: Privatschulen sind wichtig, um unser Schulsystem voranzubringen und zu verändern, weil von dort natürlich auch Innovationen ausgehen.

kreuzer: Es gibt zahlreiche Modelle wie »Singt Euch ein« oder den Streicherklassenunterricht. Angesichts der Kürzungen bekommt man den Eindruck: dem Musikunterricht wird die Basis entzogen, dafür gibt es artifizielle Spezial-Angebote.
BIEGHOLDT: Um mit Klassen Musikunterricht zu machen, ist der Musiklehrer Experte, der durch nichts zu ersetzen ist. Ein Gesangs- oder Instrumentallehrer ist in der Regel nicht damit vertraut, mit größeren Gruppen zu arbeiten. Ich bin sehr dafür, dass Schulen sich nach draußen öffnen und Experten (beispielsweise zum Tandem-Unterricht) reinholen, wie aber mit nur einer Musikstunde in Klasse 3 »Singt Euch ein« weitergeführt werden soll, weiß ich nicht. Wenn es nur eine Musikstunde gibt, fehlt inhaltlich ein wesentlicher Teil des Musikunterrichts, man kann ja nicht nur singen.

kreuzer: Das Kultusministerium will gleichzeitig Mittel aufstocken, damit Schulen die Kürzungen mittels Ganztagsangeboten kompensieren können. Ist das eine Lösung?
BIEGHOLDT: Man wird mit zwei Problemen zu kämpfen haben: Auf der einen Seite werden die dafür zu gewinnenden Kursleiter nicht die breite Expertise haben wie der Lehrer der allgemeinbildenden Schule und es kann hier nur zu einer punktuellen Abdeckung des zu Kompensierenden kommen, die gut überdacht sein will, wenn sie sich in ein Konzept einbetten soll und nicht unter dem Motto läuft: Hier kann jemand etwas anbieten – das nehm ich. Auf der anderen Seite wird es immer schwerer, für die nicht so gut bezahlten Ganztagsangebote die entsprechenden Personen zu finden: Diejenigen, die sich das zutrauen und Lust darauf haben, sind ja bereits als Quereinsteiger in der Schule. Mittlerweile ist es ja bereits ein Problem, nicht pädagogisch qualifizierte Leute zu finden, die bereit sind, in die Schule zu gehen.

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