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Rendezvous mit dem Feind

Sophie Passmann bittet den alten weißen Mann zu Tisch

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Auf der Studiobühne der taz stellte sich die »gebürtige Instagramerin« Sophie Passmann einmal mehr dem Gespräch mit einem »alten weißen Mann«: taz-Chefreporter Peter Unfried.

Es wirkt fast wie ein weiteres Kapitel für ihr Buch »Alte weiße Männer«, als sich Sophie Passmann am Freitagnachmittag mit dem taz-Chefreporter Peter Unfried auf der zeitungseigenen Studiobühne trifft. Ihren letzten Sommer verbrachte die Autorin nämlich ebenfalls mit vermeintlich »alten weißen Männern«, um mit ihnen über den Männlichkeitsbegriff zu diskutieren. Die geführten Gespräche hielt sie in ihrem Buch fest – und erntete dabei selbst aus den Reihen der taz Kritik. »Harmlos wie ein Sektfrühstück« betitelte Rezensentin Nadia Shehadeh Passmanns selbsternannten »Schlichtungsversuch«. »Ich darf meinen Feminismus genauso betreiben, wie ich möchte«, kontert Passmann. In ihrem Verständnis gebe es nicht die eine feministische Methode, sondern die zahlreichen Ansätze im Feminismus sollten vielmehr »im Schulterschluss« gemeinsam etwas bewirken wollen.

Für ihr Buch traf sie sich unter anderem mit dem ehemaligen Bild-Chefredakteur Kai Diekmann auf ein Süppchen, ließ Lobgesänge über Kormorane von dem – natürlich – Grünen-Politiker Robert Habeck über sich ergehen und genoss Soja-Hack mit Rainer Langhans, bei dessen Aussagen man sich selbst mit leerem Magen beim Lesen übergeben könnte. Jedem Gesprächspartner wurde die gleiche Eingangsfrage gestellt: »Sind Sie ein alter weißer Mann?« Für einen alten weißen Mann gehört nach Passmanns Verständnis mehr dazu als nur Äußerlichkeiten. Sie spricht von Männern in Machtpositionen, die sich durch den aufstrebenden Feminismus in ihrer Männlichkeit angegriffen fühlen und ihre Privilegien nicht reflektieren können – oder nicht wollen.

Foto: KiWi Verlag

Obwohl einige ihrer Interviewpartner diesen Typus theoretisch einwandfrei charakterisieren konnten, entlarvte Passmann dann doch das ein oder andere Verhaltensmuster bei ihnen, das dem alten weißen Mann zugeschrieben wird. Robert Habeck habe zum Beispiel die häufige Marotte von Männern verteufelt, Frauen nicht ausreden zu lassen, um Passmann dann selbst ständig im Interview zu unterbrechen. Doch die Intention der 25-Jährigen war nicht, explizit diesen 16 Männern einen Spiegel vorzuhalten.

Ihr Buch gelte vielmehr als Handwerkszeug: »Das Ziel sollte sein, die künftige Generation von Männern, die noch keine vernetzten ›alten weißen Männer‹ sind, zu politisieren, und junge Frauen zu ermächtigen, in jedem Bereich ihres Lebens genau den Teil zu nehmen, den sie verdient haben und andere Teile, die sie nicht verdient haben, abzugeben«, erklärt sie Peter Unfried. Auf der taz-Studiobühne erhielt Sophie Passmann nach beinahe jeder ihrer Antworten tosenden Applaus vom Publikum. Auch in den sozialen Netzwerken hat sie mit über 60.000 Followern eine unglaubliche Präsenz. »Ich bin gebürtige Instagramerin«, scherzt sie mit Unfried, der beim Thema Internet eher skeptisch wirkt. Aber Passmann hat die Macht von Networking via sozialen Medien verstanden. Ihrer Gefolgschaft von vornehmlich jungen Frauen präsentiert sie deshalb täglich Einblicke in ihr Leben – dabei erklärt sie in Instagramstories die Bedeutung der Europawahl, beleuchtet aktuelle feministische Debatten oder verkostet ihren liebsten Wein. Auf der Buchmesse selbst erreichte sie damit ein eher untypisches Publikum: Junge Studentinnen saßen hier den alten weißen Männern gegenüber, die auf Feminismus-Lesungen sonst eher selten anzutreffen sind.

Sophie Passmanns pragmatische, frische Art im Umgang mit Politik und insbesondere dem Feminismus hat mich nicht nur online, sondern auch ab Seite Eins in ihrem Buch direkt abgeholt. Feministische Diskurse können oft sehr verkrampft sein und das Gefühl geben, lieber nichts sagen zu wollen als etwas Falsches. Durch Passmanns selbstbewusste und bestimmte Haltung im Gespräch mit den Männern habe ich viel für den Umgang mit toxischen Verhaltensweisen in meinem Umfeld gelernt. Es hilft, sich manchmal mit dem Feind an einen Tisch zu setzen, solange es noch nicht zu spät ist. Auch wenn vielen diese Art des Diskurses zu soft erscheint, hat es mich dazu ermutigt, häufiger mal den Mund aufzumachen – und wenn es 60.000 anderen Follower*innen und Leser*innen ähnlich ergangen ist, dann sind wir zusammen schon mal halb so schlagfertig wie eine Sophie Passmann.

Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit »Leipzig lauscht«.

> Sophie Passmann: Alte weiße Männer. Ein Schlichtungsversuch, Kiepenheuer&Witsch

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