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Impressionen vom Bachfest 2019

Neue Räume, musikalische Duelle und Zerstreuung

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Am vergangenen Sonntag endete das diesjährige Bachfest traditionell mit der h-Moll Messe in der Thomaskirche. Besucher aus über 44 Nationen waren vom 14. bis zum 23. Juni zu Gast in Leipzig, um aus dem Angebot von 158 Veranstaltungen ihre Auswahl zu treffen. Breit aufgefächert konnte man die ersten Konzerte bereits morgens um halb zehn, die letzten noch spätabends um 22.30 Uhr genießen.

Beim diesjährigen Bachfest drehte sich unter dem Motto »Hof-Compositeur Bach« vieles um die weltlichen Aspekte des Bach’schen Schaffens. Huldigungsmusiken, glänzendes Virtuosentum und höfisch-musikalische Zerstreuung waren die Themen neben geistlichen Werken wie den Weimarer Kantaten, der Matthäuspassion und der h-Moll Messe. Musikalische Reisen zu Originalhörplätzen führten das Publikum nach Weißenfels, Naumburg oder Freiberg, aber auch in Leipzigs Innenstadt eröffneten sich zahlreiche unbekanntere Spielorte, die schon für sich genommen sehenswert waren.

Bedingt durch die derzeitige Sanierung des Gewandhauses wurde auch die Kongresshalle am Zoo mit mehreren Sälen einbezogen. Vor dem Bau des dritten Leipziger Gewandhauses befand sich von 1946-1981 hier der Spielort des Gewandhausorchesters. Bedauerlicher Weise kann dieser Ort nach seiner Sanierung nur noch als Notlösung für Konzerte angesehen werden, da er mit seiner viel zu trockenen Akustik gegen jede Klangentfaltung arbeitet.

Vielfalt im Vordergrund

An dieser Front kämpfte mit viel zu feinem Besteck die sensibel spielende Violinistin Vilde Frang, die unter Herbert Blomstedt mit dem Gewandhausorchester Bachs E-Dur Violinkonzert interpretierte und beim nachfolgenden Bach’schen Doppelkonzert c-moll BWV 1060R im Duo mit dem Oboisten Orlando Domenico schlichtweg nicht mehr vernehmbar war. Im weißen Saal der Kongresshalle spielte die Geigerin Isabell Faust am Dienstag im Duo mit dem Artist in Residence, Kristian Bezuidenhout, am Cembalo. Auch Faust hatte Schwierigkeiten, den Geist der Bach’schen Sonaten und der d-Moll Partita angemessen zu transportieren, da die Vielschichtigkeit verdeckter Mehrstimmigkeit in der akustischen Wüste sich kaum entfalten konnte. Isabell Faust rief zwar zu Recht allgemeine Bewunderung hervor, denn selten hat man Bach selbst von den Besten so klar intoniert und technisch perfekt gehört, aber erst Kristian Bezuidenhout gelang es unter den widrigen Bedingungen imaginäre Klangräume zu öffnen und die Geigerin in den Dialog dahin mitzunehmen.

Richtig locker wurde das Ganze dennoch nicht. In der alten Handelsbörse im Stadtzentrum war der Cembalist zwei Tage später mit einem nächtlichen Recital noch einmal zu erleben. Bei einbrechender Dunkelheit und weit geöffneten Fenstern durchwehte ein Atem von musikalischer Freiheit, Souveränität und Unmittelbarkeit in wunderbarer Atmosphäre den barocken Saal. Der Aspekt beeindruckender Virtuosität rückte dabei nicht in den Vordergrund, sondern verstand sich eher wie von selbst. Faszinierend war es bei diesem »Familienduell«, die Musik von Bachs Söhnen im Verhältnis zur wesentlich strengeren Satzart ihres Vaters zu hören. Insbesondere faszinierte hier Carl Phillips erste der Württembergischen Sonaten mit ihrer formal so viel freieren, fantasieartigen Tonsprache. Bachs d- Moll Partita für Solovioline erklang in diesem Konzert in einer Bearbeitung des 2012 verstorbenen Cembalisten Gustav Leonhardt, und Bezuidenhout hielt damit die Zuschauer in Bann. Ein Glanzpunkt höchster Qualität auf einem Festival, das in diesem Jahr besonders auf Vielfalt, jedoch auf nicht durchgehend höchstem Niveau setzte.

Wettstreit der Musikgeschichte

Im Sinne der geistigen Erfrischung sind beim Bachfest alljährlich die »extra« Konzerte der Reihe »Musica nova« im Grassimuseum einen Besuch wert. Der zuweilen etwas steifen und müden Atmosphäre beflissenen Kulturkonsums gutbetuchter Festivalreisender im Rentenalter begegnete Steffen Schleiermacher wie immer mit künstlerischer Lebendigkeit, moderatorischem Humor und schrägem, größtenteils unbekanntem Repertoire. In diesem Jahr tanzte die Moderne und die Avantgarde ging mit »alter Musik« des 20. Jahrhundert auf Reisen.

Cembalo-Kunst war beim Bachfest in vielen Spielarten zu erleben. Ein berühmter Wettstreit der Musikgeschichte, zu dessen Austragung es dann doch nicht kam, wurde im Leipziger Stadtbad unter Moderation des Bachfest-Intendanten Michael Maul nachinszeniert. Dass Duell zwischen Johann Sebastian Bach und Louis Marchand wäre 1717 ein Messen der improvisatorischen Fertigkeiten gewesen. Anstelle dessen brachten Ton Koopman alias Marchand und sein ehemaliger Schüler Andreas Staier, heute selbst namenhafter Cembalist, Originalwerke der beiden Komponisten zu Gehör.

Das Stadtbad, derzeit vorrangig für Varietéveranstaltungen genutzt, wartet mit einigen historisierenden Attributen wie beispielsweise dorischen Säulen und Kronleuchtern auf, ansonsten bemerkt man vor allem das ungeschickt und auf etwas ordinäre Weise verborgene Gesicht einer ehemaligen Schwimmhalle. Ton Koopman, seit Mai 2019 neuer Präsident des Leipziger Bacharchivs, fand sich in der Welt üppiger Verzierungen barocker französischer Cembalomusik mit eigenem, etwas scharf klingenden Cembalo vor Ort ein. Indem er auch die percussive Seite des Cembalos betonte und sehr impulsiv spielte, entstand ein interessanter Kontrast zu Andreas Staier. Dieser gelangte als »Bach« zu einer überzeugenderen Balance in der Gewichtung der Horizontalen und Vertikalen und betonte seinerseits eher die wärmere und weichere Option der Klangfülle auf seinem Instrument.

Quantität statt Qualität

Ganz nah am Geschehen war das Publikum im Kupfersaal. Bei szenisch aufgeführten Kantaten, einstmals als Unterhaltungsmusiken, vermutlich beim Tafeln der hohen Weißenfelser kurfürstlichen Herrschaft aufgeführt, tat sich das aktuelle Publikum bei tropischen Temperaturen an Tafelwasser gütlich. Im Kupfersaal, nach seiner Eröffnung im Jahre 1914 ursprünglich als Schankraum, später langjährig als Uni- Mensa genutzt, war eine laufstegartige Bühne aufgebaut, auf der mit intelligenten inszenatorischen Untertönen der Regisseurin Clara Pons der flache Plot der barocken Kantaten gebrochen und humorvoll erweitert wurde. Im Kontext der unterhaltsamen Inszenierung und einer hervorragenden Sängercrew waren auch die instrumentalen Imperfektionen der Lautten Compagney Berlin durchaus verzeihlich.

Bunt und kaum überschaubar in seiner Vielfalt war das Programm zum Bachfest. Wer möglichst viel Bach hören wollte, kam dabei auf seine Kosten. Wer möglichst gut Bach hören wollte, hatte es etwas weniger leicht. »Es ist toll, wenn wir ihn dabei haben, aber die Bachwelt dreht sich auch ohne Gardiner weiter«, äußerte Intendant Maul in einem Interview mit dem kreuzer im Vorfeld des Festivals. Mag sein, dass der von weit her angereiste Zuhörer in seinem Enthusiasmus gar nicht so leicht zu enttäuschen ist, sondern per se freudig auf der Festivalwelle surft und eben eher quantitativ orientiert ist, damit es sich auch lohnt, für Besucher und Stadt. Ist diese Vorstellung aber nicht etwas anmaßend? Das Gardiner-Konzert im vergangenen Jahr und das eindrucksvolle Nachspiel mit singender Zuhörer-Gemeinde in St. Nikolai zum Abschluss des Kantatenrings setzte höchste künstlerische Maßstäbe und man wird es kaum vergessen. Ebenso wenig wie das Musikalische Opfer des Concert des Nations mit Jordi Savall oder die Cembalokunst des Kristian Bezuidenhout in diesem Jahr.

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