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Gesicht geben

Die »Uferfrauen« erzählen vom lesbischen L(i)eben in der DDR. Die Leipzigerin Barbara Wallbraun hat zugehört

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Liebe unter Frauen wurde in der DDR kaum öffentlich thematisiert – und auch nach dem Mauerfall nur langsam aufgearbeitet. Aufzeichnungen und Filme gab es kaum. Die Leipzigerin Barbara Wallbraun hat mit »Uferfrauen« ihr dokumentarisches Langfilmdebüt gedreht, weil sie selbst überrascht war, wie wenig über die Liebe zwischen Frauen in der DDR bekannt ist.

Pat betritt zum ersten Mal seit jener Nacht die Dachgeschosswohnung in dem kleinen Ort Groß Stieten, im Nordwesten von Mecklenburg-Vorpommern. Hier hatte sie mit dem Mädchen vom Jugendwerkhof »eine wundervolle Liebesnacht verbracht«, als Ordnungskräfte die Tür eintraten und sich ihr Leben für immer veränderte. Wenn sie von ihrer ersten Liebe erzählt, leuchten ihre Augen. Erinnert sie sich an die Ungerechtigkeit, die ihr widerfuhr, brüllt sie ihre Wut in den leeren Raum. Auch mit Anfang sechzig ist der Schmerz noch spürbar.

Vor der Kamera von Barbara Wallbraun spricht sie zum ersten Mal darüber. Die Leipzigerin hat mit »Uferfrauen« ihr dokumentarisches Langfilmdebüt gedreht, weil sie selbst überrascht war, wie wenig über die Liebe zwischen Frauen in der DDR bekannt ist. »Ich bin selber noch in der DDR geboren«, erzählt Wallbraun. »Ich bin in einer katholischen Gegend aufgewachsen und hatte lange Zeit keine Berührungspunkte mit Homosexualität – und wenn, dann eher negativ betrachtet. Das hat mir auch meine persönliche Identitätsfindung ganz schwer gemacht. Ich habe mich dann erst während meines Studiums geoutet, weil ich da dann zum ersten Mal Lesben kennengelernt habe. Ich habe mich gefragt, wie ging es den Frauen in der DDR, die auch keine Anhaltspunkte hatten für Liebe unter Frauen? Die können ja nicht alle geheiratet und Kinder bekommen haben. Es musste doch auch welche gegeben haben, die das gelebt haben.«

Aufzeichnungen und Filme gab es kaum. Das Thema wird erst langsam aufgearbeitet. Wallbraun wollte einen Teil dazu beitragen. »Durch den Film von Ringo Rösener, ›Unter Männern‹, wusste ich, wie es schwulen Männern in der DDR ergangen ist. Ich wollte aber mehr über das Leben von lesbischen Frauen in der DDR auch außerhalb von Berlin erfahren. Irgendwann 2012 habe ich mir gedacht, ich kann jetzt auf einen Film warten und hoffen, dass er mir gefällt, oder ich kann so größenwahnsinnig sein und mache den selber.«

Bis dahin war es allerdings ein langer, anstrengender Weg, erinnert sich Wallbraun. Sie hörte sich zunächst in 
ihrem direkten Umfeld in Leipzig um und erfuhr interessante und überraschende Geschichten. Die Frauen, mit denen sie sprach, wollten aber zumeist nicht vor der Kamera reden. »Ich habe dann viel über das Internet recherchiert, über eine lesbische Chat- und Dating-Plattform, und dort 600 Frauen angeschrieben. Es war auch oft so, eine kennt eine, die eine interessante Geschichte hätte. Ich habe mich dann erst mal mit vielen Frauen schriftlich verständigt, weil ich kein Geld hatte, groß rumzureisen. Mit einigen habe ich mich dann getroffen, um auszuloten, ob noch mehr hinter der Geschichte steckt. Viele waren bereit, mir ihre Geschichte zu erzählen, aber nicht vor der Kamera. Da war dann spürbar, wie diese Geschichten auch ganz weit noch in die Gegenwart nachwirken. Dass der offene Umgang damit nicht selbstverständlich ist«, stellte Wallbraun fest.

»Aber es gab zum Glück auch Frauen, die sagten, ich habe jetzt ein Alter erreicht, wo es mir auch egal sein kann, was Leute über mich denken.« Sie arbeitete mit einer Freundin am Konzept, nahm am TP2 Talentpool teil und entwickelte das Drehbuch, um die Geschichten miteinander zu verknüpfen. »Finanziell war die Zeit extrem dünn. Wir hatten kein Geld, weil wir auch noch keine Förderung hatten. Wir hatten aber schon eine Produktionsfirma, die uns unterstützte, und ich habe mir gedacht, das wird was, auch ohne Förderung. Ich zieh das jetzt durch.« Das Drehbuch war im ständigen Fluss, da immer wieder Frauenabsprangen. »Ich musste immer wieder für Ersatz sorgen, mich hinsetzen und schreiben, dabei wollte ich doch eigentlich 
endlich drehen.«

Sieben Jahre später, mit »vielen Tiefschlägen und einigen Höhen«, sind die »Uferfrauen« nun fertig. Barbara Wallbraun zeichnet in Interviews mit sechs Protagonistinnen ein vielfältiges, berührendes, oftmals erschütterndes Bild lesbischer Liebe in der DDR. Die Frauen vor der Kamera sind überraschend offen und ehrlich und geben ihrer Generation ein Gesicht. Ihre Geschichten sind endlich zu hören und gehen auf Reisen. Die beginnt nun Ende Oktober bei den Internationalen Lesbisch Schwulen Filmtagen in Hamburg, nachdem das Dok Leipzig kein Interesse signalisierte. Danach soll er dann ins Kino kommen und auch im Unterricht eingesetzt werden, hofft Wallbraun. »Ich möchte, dass mein Film nicht nur in der Szene bleibt, sondern auch die Hetero-Gesellschaft etwas über dieses Thema erfährt. Dass er auch eine breite Wirkung erzielen kann, weil es ja letztlich um Liebe geht.«

http://www.uferfrauen.de

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