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Jugend fort

Kolumne: Eine Saison mit Rasenballsport Leipzig

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Im dritten Teil ihrer Kolumne beschäftigt sich das Blogkollektiv »Zwangsbeglückt« mit der Suche nach dem selbstgezüchteten Nachwuchs bei RB Leipzig

Am 8. Spieltag dieser Saison spielte die rot-weiße Betriebssportgemeinschaft gegen Wolfsburg. Im Kader standen insgesamt 20 Spieler, eingesetzt wurden 14. Keiner von diesen fiel unter die schöne Kategorie »Eigengewächs«; niemand der beteiligten Sportsfreunde wurde also hier bei RB in einer der Nachwuchsmannschaften ausgebildet. Allein der 18-jährige Tom Krauß war erstmals im Team, musste aber auf der Bank sitzen bleiben. Eine Ausnahme? Eher nicht.

Denn der Verzicht auf Spieler aus dem eigenen Nachwuchs hat bei RB Tradition. Summiert man die Zeit, die »Eigengewächse« bisher in der Bundesliga absolvierten, kommt man auf genau null Minuten. Mit anderen Worten: Bisher hat RB seine Bundesligapräsenz ohne auch nur einen einzigen Spieler aus dem eigenen Nachwuchs bestritten. Blühende Landschaften, aber ohne selbst gezogene Pflanzen.

Rein formell hat RB zwar neun ehemalige Jugendspieler wie Krauß im Kader. Das scheint aber eher der Tatsache geschuldet, dass der DFB eine Quote an solchen Spielern verlangt; mehr als öffentliches Stretching ist für den Eigennachwuchs im Zentralstadion nicht drin. Allenfalls sieben Minuten in der wenig geschätzten Europa-League konnte zuletzt Erik Majetschak von der U-19 ergattern. Inzwischen wurde er ablösefrei nach Aue transferiert.

Zum Vergleich: Hertha BSC hat mit elf Spielern die meisten Nachwuchsleute, von denen immerhin sechs nicht nur ausnahmsweise gespielt haben, sondern teilweise zum Stamm gehören. Bei Werder Bremen kommen allein die Eggestein-Brüder auf 132 Ligaspiele, bei Gladbach Patrick Herrmann und Tony Jantschke zusammen auf 460 Spiele. Aber auch finanziell schlechter ausgestattete Vereine haben bessere Bilanzen als RB: Beim SC Freiburg allein sind es vier Spieler aus dem eigenen Nachwuchs, die tatsächlich regelmäßig spielen. Kurz gesagt, bringt es im Schnitt jeder Verein in der Bundesliga auf zwei bis drei Spieler aus der eigenen Jugend, die eine ernstzunehmende Rolle im Kader spielen. Bei RB sind es, nur zur Erinnerung, null.
Der mögliche Einwand, dass RB eben noch ein junger Verein mit einer entsprechend kurzen Ausbildungsgeschichte sei, zieht kaum. Die Nachwuchsmannschaften gibt es allesamt schon etliche Zeit, und gerade die Jahre in der dritten oder zweiten Liga hätten sich als Ausbildungsjahre angeboten. Aber aus diesen schmuddeligen Ligen wollte man um jeden Preis und schnellstmöglich weg, da konnte man sich natürlich nicht mit Azubis in den eigenen Reihen aufhalten.

Das Ganze gewinnt seine eigentliche Pointe aber erst, wenn man sich einmal an die Anfangsjahre von RB erinnert. Was waren für Versprechen und Hoffnungen zu hören! Nicht zuletzt Ralf Rangnick höchstpersönlich ließ zu seinem Amtsantritt 2012 verlauten: »Unsere Hauptaufgabe in Leipzig wird sein, im Umkreis von 150, 200 Kilometern die jeweils Besten im Jahrgang nicht nur auf dem Zettel zu haben, sondern in unseren Verein zu holen«. Weit gefehlt! Zwar gehörte es schon bei RB-Gründung zum großen Hoffnungs-Narrativ, dass nun endlich ein Verein bereitstehe, der den Weggang junger Fußballer »in den Westen« aufhalten könne. Gleichzeitig basiert die Gestaltung des Übergangs von Jugend- in den Herrenbereich am Cottaweg darauf, die in Salzburg und New York ausgebildeten »Blue Chips« kurz vor oder mit der Einsatzreife in das imperiumsinterne Karussell und den in Leipzig ausgebildeten Kickern vor die Nase zu setzen. Zwar hält man bei RB weiterhin große Stücke auf sein Nachwuchszentrum, für das in Stuttgart extra die Leitung abgeworben wurde. Und auch in den Jugendligen wird alles angezogen, was in den jeweiligen Jahrgängen nach Erfolg aussieht – um am Ende ins Erzgebirge geschickt zu werden.

Einmal mehr erweist sich RB als nur am firmenbezogenen Erfolg interessierter Akteur. Alles »gut für die Region«-Gerede wird dankbar mitgenommen und auch immer wieder gern aufgegriffen; im Zweifel aber ist die Region egal. Wie schon bei Gründung des Projektes nachrangig war, ob man nun als Düsseldorfer, Hamburger oder Leipziger Verein unterwegs ist, ist es jetzt auch wurscht, ob sich der Standort des Unternehmens im Kader auch nur ansatzweise widerspiegelt. Im Zweifel kann man dann mit »Das hier ist Leistungssport!« argumentieren. Und sich auf ein Publikum verlassen, das hauptsächlich unterhalten werden will.

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