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Feindbild Kabarett

Teile des Kabarettpublikums werden hemmungsloser

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kreuzer hat mit mehr als ein Dutzend Leipziger Kabarettisten gesprochen, die meisten wollten ihre Erfahrungen nur ohne Namensnennung preisgeben. Dass die Hemmschwelle, gegen Personen mit anderer Meinung aggressiv vorzugehen, überall immer weiter sinkt, war der Tenor dieser Gespräche.

Vor einem Monat wurde es im Dresdner Kabarett Herkuleskeule handgreiflich. Während der Vorstellung »Betreutes Denken« riefen rund 15 Personen ausländerfeindliche und andere verachtende Äußerungen. Nach einer Diskussion warf einer der Pöbler ein Bierglas an den Kopf eines Schauspielers, der unverletzt blieb.

Die Kabarettisten zeigten sich erschüttert über den Angriff auf die Meinungs- und Kunstfreiheit. Im Gespräch mit der Sächsischen Zeitung konstatierte Wolfgang Schaller, Ex-Leiter der Herkuleskeule, dass die Hemmschwelle, gegen Personen mit anderer Meinung aggressiv vorzugehen, überall immer weiter sinkt. Das ist auch der Tenor, der sich nach vielen Gesprächen mit Leipziger Kabarettisten herauskristallisiert. Mit mehr als einem Dutzend hat der kreuzer gesprochen, die meisten wollten ihre Erfahrungen nur ohne Namensnennung preisgeben.

Zwar berichtete keiner der Interviewten von körperlicher Gewalt und ausländerfeindlichen Zwischenrufen, dennoch sind Pöbeleien, Beschwerden und das Verlassen des Saals fast keinem Kabarettisten fremd. Wahn zur Selbstdarstellung und Unfähigkeit, das auf der Bühne Gesagte nicht persönlich auf die eigene Meinung und politische Ausrichtung zu beziehen, führen immer wieder dazu, dass Leute sich vor
allem nach der Vorstellung oder per Brief beziehungsweise via Social Media an die Veranstalter und Darsteller wenden. Gefordert wird häufig sogar, Szenen zu streichen, die der eigenen Vorstellung nicht entsprechen.

Ein Gast nahm die Thematik der Körperstigmatisierung sogar so persönlich, dass er forderte, die Szene zu entfernen, bis sein Anliegen vor Gericht ausgetragen wurde. Die vielen von den Kabarettisten genannten Beispiele verdeutlichen, dass zum einen die Hemmung sinkt, die eigene Meinung auch in der Kunst durchsetzen zu wollen, und zum anderen die Unfähigkeit steigt, beispielsweise die Überhöhung und den Einsatz von Stereotypen als satirische Mittel zu verstehen. Dem Anschein nach gehen viele Besucher vor allem ins Kabarett, um sich in ihrer Meinung bestätigt zu fühlen und unterhalten zu werden. Werden die persönlichen Ansichten hinterfragt, kommt es schnell zum Konflikt.

Die Aussage des Herkuleskeulisten Philipp Schaller, dass Theater regional nicht unterschiedlich verteidigt werden müssen, teilen die meisten befragten Kabarettisten nicht. Sie sehen Dresden und dessen Umland als politisch konservativer und in Teilen AfD-gerichteter als Leipzig.
Angriffe im Ausmaß des Vorfalls in der Herkuleskeule halten sie in Leipzig für unwahrscheinlicher. Sie machen das beispielsweise daran fest, dass Darsteller die Reaktionen der Zuschauer hinsichtlich
deren politischer Einstellung gut interpretieren können. Wird etwa eine AfD-kritische Nummer gespielt, kann die Resonanz verhalten, zustimmend oder abwertend sein. So können politische Einstellungen gelesen werden, die sich zwischen Leipzig und dem ländlichen Umland sowie Leipzig und Dresden oft unterscheiden.

Wirklich erstaunt war über den Vorfall in Dresden niemand. Wolfgang Schaller bringt es auf den Punkt, dass in der Herkuleskeule »direkt und differenziert beim Namen genannt wird, was wir völkisch und nationalistisch finden«. Das birgt Konfliktpotenzial. Theater müssen sich dennoch eindeutig positionieren – etwa durch die »Erklärung der Vielen« – und sich gegen Kunstfreiheit einschränkende Personen abgrenzen. Gewalt kann nicht die Antwort sein, nicht von Seiten des Publikums und selbstverständlich nicht von Seiten der Theater. Was gefordert ist, ist der Dialog. Sicher ist das manchmal schwer – das kennt jeder –, aber nur das Streiten ohne Gewalt kann zu mehr Verständnis führen. Die Lust für das Andere muss wieder entfacht werden, so das Credo der Kabarettisten. Das gilt fürs Theater, das in Kommunikation mit Kritikern treten kann, und auch für Zuschauer, die einen Abend im Kabarett dennoch genießen sollten, obwohl eine Haltung präsentiert wird, die nicht der eigenen entspricht. Immerhin schließt Satire auch die Kunst der Auseinandersetzung ein. Toi, toi, toi. 

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