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»Sie sind in Vergessenheit geraten«

Lyrikerin Simone Scharbert hat sich mit dem Leben von Alice James beschäftigt – entstanden ist dabei die erste Prosaarbeit der Autorin.

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Alice James ist die Schwester des Schriftstellers Henry James und des Philosophen und Psychologen William James. In Amerika wurde sie Dank ihres ausführlichen Tagebuchs bekannt, doch hier kennt man sie kaum. Briefe und Tagebuch sind bis jetzt nur auf Englisch erhältlich. Mit ihrem Buch »du, alice« drängt Simone Scharbert auf die Schließung dieser Übersetzungsücke.

kreuzer: Ihr Prosadebüt ist eine biografische Annäherung an Alice James. Im anglo-amerikanischen Raum gilt sie als eine Ikone des Feminismus, ihr Tagebuch ist eins seiner frühen Dokumente. Hierzulande ist sie weitgehend unbekannt. Wie sind Sie auf diese Figur gestoßen?
SIMONE SCHARBERT: Über einen Umweg. Vor einer Weile habe ich einen Vortrag über jüdischen Feminismus konzipiert und mich dabei auch intensiv mit Susan Sontag und ihrem Werk beschäftigt. Sie hat ein Theaterstück mit dem Titel »Alice in Bed« geschrieben, darin dramatisiert sie das Leben von Alice James mit Motiven der Prinzessin auf der Erbse und von »Alice in Wonderland«. Die darin geschilderte Tatsache, dass eine Frau nahezu ihr gesamtes Leben im Bett verbringt und nicht an der Gesellschaft teilhaben darf, war der Auftakt für meine Neugier.

Die Autorin Simone Scharbertkreuzer: Wie schnell wussten Sie, dass diese Neugier in einem eigenen Buch mündet?
SCHARBERT: Die erste sichtbare Reaktion auf die Begegnung mit Alice James war ein Gedicht für mein Lyrikdebüt, das sich unter anderem mit Frauenbiografien beschäftigt, die mehr oder minder in Vergessenheit geraten sind. Alice James hat mich aber nicht losgelassen – die enge Beziehung zu ihren Brüdern, die Geschichte ihrer Krankheit, die Hysteriediagnose. Zunächst wollte ich einen lyrischen Zyklus über ihre Lebensumstände schreiben – über dieses Begrenztsein auf einen Raum. Je weiter ich in ihre Biografie eintauchte, desto deutlicher wurde mir, dass der lyrische Raum nicht ausreichen würde. Der Prosatext entwickelte sich dann fast intuitiv mit der Recherche: Ich las Biografien über Alice James, über Henry James und die James-Familie im Gesamten, jede Menge Briefwechsel, beschäftigte mich mit der Geschichte des Hysterie-Begriffs und mit den Anfängen der Frauenbewegung in Boston – und natürlich mit dem Tagebuch.

kreuzer: Alice James‘ Tagebuch ist immer noch nicht auf Deutsch erschienen. Haben Sie eine Erklärung für diese Übersetzungslücke?
SCHARBERT: Um ehrlich zu sein – nein. Spätestens mit Susan Sontags Theaterstück »Alice in Bed«, das 1991 in Bonn uraufgeführt wurde, hätte man annehmen können, dass sich im deutschsprachigen Raum doch noch ein Interesse für sie entwickeln würde. Noch dazu ist die Aufmerksamkeit für das Werk von Henry und William James ja ungebrochen. Vielleicht liegt es daran, dass Alice James‘ Positionen nicht so eindeutig sind wie die einer Emma Goldman oder einer Margret Fuller. Der Tagebuchtext vereint in sich intime Erinnerungsarbeit, politische Reflexionen, Kommentare zu Henrys Arbeiten und detaillierte Schilderungen einzelner Tage. Gerade durch diese Mischung wird er für mich so interessant, aber auch zeitlos: Die Ansichten einer Frau, die nur wenig bis kaum Bewegungsfreiheit hat und ihren Blick dennoch immer wieder aufs große Ganze zu lenken versucht.

Das Cover des Buches »du, alice«kreuzer: Ihr Buch trägt den Untertitel »eine anrufung«, Sie haben es in der Du-Perspektive geschrieben. Wie hat sich diese Form entwickelt?
SCHARBERT: Das »du« stammt aus meinem lyrischen Schreiben, für mich kann es direkte Ansprache oder der Auftakt eines Dialogs sein, aber auch eine offen gelegte Zwiesprache mit mir selbst. Diese Perspektive hat mir mehr Distanz und einen nicht allzu empathischen Ton ermöglicht, der mir für den Klang der Sprache, aber auch für das Nachzeichnen von Alice James‘ Lebens mit all seinen Zäsuren wichtig war. Nicht zuletzt spricht Alice James in ihrem Tagebuch von jenem »you«, bezeichnet sich selbst als eine Unbekannte.

kreuzer: »du, alice« ist Ihre erste Prosaarbeit. Was war für Sie der größte Unterschied zum Schreiben von Lyrik?
SCHARBERT: Am schwierigsten war es wohl, den Text in seiner Gesamtheit im Blick zu haben. Die Lyrik hat ja den Vorteil, dass man sich nur auf einen Text fokussieren kann. Hier gab es plötzlich so viel Material – manchmal hatte ich Bedenken, dass das den mir möglichen Rahmen sprengt. Ich habe auch völlig unterschätzt, wie viel frauen- und gesellschaftspolitisch Relevantes in dieser Zeit steckt. Wunderbar allerdings war der Schreibfluss. Die Möglichkeit, etwas auszuerzählen, eine Begebenheit sprachlich auszustatten, gesellschaftspolitische Entwicklungen sichtbar zu machen. Das war eine sehr schöne Schreiberfahrung.

Simone Scharbert: du, alice. eine anrufung. Dresden: edition azur 2019. 120 S., 20 €

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