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Der Beigeschmack der neuen Freiheit

Ein Besuch bei der Eröffnung des Belantis-Parks zeigt: Dort halten sich fast alle an die Regeln. In der Stadt selbst kaum einer

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Mit dem Frühling kommen die Lockerungen. Das Timing scheint perfekt, doch viele Menschen verhalten sich so als wäre die Corona-Krise schon überwunden.

Von einem Pfad der über das Belantis-Parkgelände führt, kann man die Fahrgäste der Achterbahn »Drachenritt« beim Auf- und Ab über die Schienen kreischen hören. Aber etwas klingt anders als sonst, dumpfer und leiser wehen die Geräusche über den Park. Und dann sieht man es: alle tragen einen Mundschutz. Nur »Ritter Rumpf« braucht darauf nicht zu achten, denn er ist ein 75 kg schwerer Dummy. Dafür hilft er den leichteren Fahrgästen, das Mindestgewicht trotz der Abstandsregeln im Wagen einzuhalten.

Kurz zuvor am Einlass. Dass der Park nach Monaten des Stillstands wieder aufmacht, ist eigentlich nichts neues für den Saisonbetrieb, der nur zwischen April und Oktober stattfindet. Aber diesmal ist vieles anders und die jahrelange Routine an den Kassen, den Fahrgeschäften und Essensbuden diesmal im Corona-Modus.

Die ersten Gäste dürfen den Park betreten. Foto: Milan Schnieder

Statt wie sonst bis zu 5.000 Gäste dürfen nur bis zu 1.500 Menschen auf das 27 Hektar große Gelände und man muss sein Ticket vorher online bestellen. Überall wo man sich anstellen kann, erinnern Markierungen auf dem Boden an den Mindestabstand. In den Gastro-Bereichen weisen Schilder darauf hin, dass nur eine Familie pro Tisch Platz nehmen darf. Streng genommen hieße das auch, dass Kinder unterschiedlicher Familien sich hier nicht so einfach kennen lernen und miteinander rumtoben können. Der Park hat sich krisentauglich gemacht – in enger Abstimmung mit der Stadt.

Die Umstellungen hätten zwischen 150.000 bis 200.000 Euro gekostet, erklärt Geschäftsführer Bazil El Atassi. Es gibt kaum eine Stelle im Belantis-Park, an der nicht irgendwo eines der Hinweisschilder ins Blickfeld rutscht. Auch wenn es Besucher geben mag, die nicht von der Sinnhaftigkeit der strengen Regeln überzeugt sein mögen: Gelegenheiten, dagegen zu verstoßen, gibt es kaum. Wer für einen Familienausflug ins Belantis gekommen ist, hat wohl eher keine Lust auf eine Diskussion mit Mitarbeitern des Parkes. Es tragen ohnehin alle einen Mundschutz und eine einsame Rebellion dagegen ist deutlich anstrengender.

Das mag der Grund dafür sein, dass alle sich brav daran halten. Ständige Hinweisschilder, vorbildlich maskierte Mitarbeiter an den Fahrgeschäften und die Gewissheit, die einzelnen Attraktionen nur unter Einhaltung der Regeln erleben zu können. Denn sobald man sich außerhalb der Grenzen des Parks aufhält, sieht das schon etwas anders aus.

In den letzten Wochen durften unter anderem Restaurants, Einkaufszentren und Freibäder öffnen. Man soll sich zwar regelmäßig die Hände desinfizieren und an bestimmten Orten gilt auch eine Maskenpflicht. Doch überall sind Leute zu sehen, die sich nicht daran halten. In einem Marienbrunner Lebensmittel-Discounter hat ein älterer Mann den Mund-Nasen-Schutz nur über dem Mund und nicht über der Nase, vielleicht weil er so besser Luft bekommt. Eine Mitarbeiterin trägt gar keine Maske, möglicherweise weil sie es einfach nur unbequem findet. In einem Plagwitzer Supermarkt soll man nur mit Wagen einkaufen, doch gerade achtet kein Sicherheitsmann am Eingang darauf. Deshalb werden Nachlässige erst beim Bezahlen von der Kassiererin ermahnt, beim nächsten Mal doch bitte daran zu denken. Doch zu dem Zeitpunkt hat man sich beim eiligen Gang durch die Regale längst zwischen den anderen Kunden hindurchgeschlängelt.

Die öffentlichen Orte: regelfreie Zonen?

Auch in den Fahrgeschäften wird auf Abstand geachtet. Foto: Milan Schnieder

Ob Sachsenbrücke, Bornaische Straße oder Rabet: An vielen öffentlichen Orten zeigen sich vor allem junge Leipziger als ob der Juni 2020 so ablaufen wird, wie die letzten Jahre: Große Gruppen sitzen nah beieinander, Menschen reichen Snacks und Getränke herum und genießen das tolle Wetter. In vielen Fällen dürften sie mehr als zwei oder drei Haushalten angehören. Am nächsten Tag ist man vielleicht wieder mit anderen Menschen unterwegs, der Virus ist weit weg und ganz sicher ist man ja selbst nicht ansteckend.

Wer darauf verzichten kann in seiner Privatwohnung laute Partys auszurichten, muss nicht damit rechnen, dass die Polizei vorbeischaut und Anzeigen nach dem sächsischen Infektionsschutz aufnimmt. Mit den Lockerungs-Forderungen aus Thüringen und NRW, die viele Medien dankend aufgreifen, stellen viele die Verhältnismäßigkeit der Einschränkungen in Frage. Wenn anerkannte Wissenschaftler einander dann noch gegenseitig kritisieren, mag mancher sich die Argumente herauspicken, die seine subjektive Haltung am besten untermauert.

Die meisten Menschen scheinen sich an die meisten Vorgaben zu halten und sich hier und da Ausnahmen zu genehmigen, die sie mit ihrem Gewissen vereinbaren können: Mal in einer Gruppe im Park abhängen, mal beim Pizzaholen den Mundschutz weglassen. Die Wochen des besonders strengen Lockdowns waren zwar eine Geduldsprobe, aber der Zeitraum schien gerade noch so erträglich. Nun erfolgen die Lockerungen schrittweise. Und dort wo Mitarbeiter aufpassen, bleibt es auch beim schrittweise.

Im öffentlichen Raum ist das anders. Hier ist man nicht privat zu Gast, man zahlt auch keinen Eintritt. Ein Park oder Treppe gehört allen und es ist am kollektiven Gewissen der Gemeinschaft, den Umgang mit den Regeln jedes Mal aufs Neue auszuhandeln. Die Nachrichtenlage des Tages mag dabei zur Orientierung beitragen. Ungeachtet dessen wird man unter Freunden eher denken »Ach, wir sind doch unter uns, dann gehen wir es heute mal ausnahmsweise etwas entspannter an.« Und so teilt sich das Leben dieser Tage in zwei ganz verschiedene Welten auf: Die, in der Einhaltung von Regeln streng bewacht wird und die, in der die meisten Menschen längst entschieden haben, es damit nicht mehr ganz so genau zu nehmen.

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