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Eindringlich

Die Kinostarts der Woche im Überblick

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… und was sonst so Filmisches in der Stadt passiert.

Die Kritiker waren beeindruckt: So wuchtig und überwältigend wie Burhan Qurbanis Neuinterpretation von Alfred Döblins Klassiker »Berlin Alexanderplatz« war kein anderer Film auf der diesjährigen Berlinale. Die Jury sah das allerdings nicht so und ignorierte ihn bei der Bärenvergabe. Dafür gab es bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises gleich fünf Lolas, u.a. für die großartige Leistung von Albrecht Schuch als diabolischer Dealer Reinhold. Von der Kraft des Kinos kann man sich ab dieser Woche endlich selbst überzeugen, in einer Zeit, wo er gleich noch dringlicher wirkt.

Film der Woche: Mit einem genialen Kniff transponieren Regisseur Burhan Qurbani und Drehbuchautor Martin Behnke, die sich 2014 mit „Wir sind jung, wir sind stark“ an eine erschütternde Rekonstruktion der Ereignisse von Rostock-Lichtenhaben wagten, in ihrer erneuten Zusammenarbeit Alfred Döblins Jahrhundertroman in die Gegenwart. Sie entsenden Francis (Welket Bungué) aus seiner Heimat Guinea-Bissau ins gelobte (Deutsch)Land. Dem Flüchtlingsboot und dem nassen Tod entronnen, strandet er in Berlin und lernt den Dealer Reinhold (Albrecht Schuch) und die Prostituierte Mieze (Jella Haase) kennen. Beide werden seinen Schicksalsweg maßgeblich beeinflussen und Francis‘ Wunsch nach einem ehrlichen Leben endet im Rinnstein. Mit kunstvollen Kameraeinstellungen im Neonlicht der Großstadt zieht einen die überraschende Neuinterpretation von »Berlin Alexanderplatz« in seinen Bann und quer durch die Berliner Halbwelt. Nach drei Stunden wird man ausgespuckt, Zeuge eines der aufregendsten Filmerlebnisse des Jahres.

»Berlin Alexanderplatz«: ab 16.7., Passage Kinos, Regina Palast, Kinobar Prager Frühling

Im ersten Teil von »Waves« steht der Teenager Tyler im Mittelpunkt, dem Sport über alles geht. Er bekommt Probleme, als seine Freundin ungewollt schwanger wird und sich die beiden nicht über die weiteren Entscheidungen einigen können. Auch eine Schulterverletzung macht Tyler zu schaffen, die er ignoriert, um keine wertvollen Punkte für die laufende Saison einzubüßen. In der zweiten Filmhälfte wechselt die Perspektive, nun dreht sich alles um Tylers jüngere Schwester Emily. Die bekommt vom schüchternen Luke den Hof gemacht, der aus zerrütteten Familienverhältnissen stammt und nun mit dem bevorstehenden Tod seines entfremdeten Vaters klarkommen muss. Schon »It Comes at Night« war eigentlich mehr Familiendrama als Horrorthriller, deswegen ist »Waves« nun lediglich der nächste logische Schritt in Trey Edward Shults‘ Karriere. Der Regisseur hat das Drehbuch auch selbst geschrieben und inhaltlich sehr voll gepackt. Tiefgründig lotet er dabei das Leben einer afroamerikanischen Familie aus der gehobenen Mittelschicht aus, hätte sich jedoch in seiner Inszenierung so manche unnötige Ausschweifung sparen können. Mit zweieinviertel Stunden Laufzeit ist »Waves» nämlich etwas zu lang geraten. Doch dieses Manko wird durch das packende Drehbuch und die durchweg exzellenten Schauspielerleistungen der hierzulande noch weitgehend unbekannten Darsteller wieder aufgefangen. Ein facettenreiches Familienporträt, das einen emotional tief in das Geschehen hineinzieht.

FRANK BRENNER

»Waves«: ab 16.7., Passage Kinos, CineStar, Cineplex

Es erfordert einige Anstrengung, die überladene Ausgangssituation von »Sibyl – Therapie zwecklos« adäquat zusammenzufassen: Sybil war mal Autorin, hat aber das Bücherschreiben für ihre Karriere als Psychotherapeutin aufgegeben. Nach zehn Jahren geht sie jetzt den entgegengesetzten Weg und will wieder ein Buch schreiben, wofür sie fast all ihren Patienten kündigt. Ein paar behält sie dann aber doch und nimmt sogar noch eine neue Patientin auf: Margot, eine junge Schauspielerin, die eine Affäre mit ihrem Co-Star angefangen hat, der aber wiederum mit der Regisseurin des Films liiert ist, den sie gerade drehen. Für Sibyl, die nicht so recht weiterkommt mit dem Schreiben ist diese Geschichte die perfekte Inspiration für ihr Buch und sie beginnt, sich immer mehr in das Privatleben ihrer Patientin einzumischen. Zusätzlich ist Sibyl auch noch trockene Alkoholikerin, hat zwei Töchter, eine Schwester, einen Ex-Mann und einen neuen Partner, bei dem sie die Leidenschaft vermisst. Bei all den Themen, die Autorin und Regisseurin Justine Triet in ihrem Film aufmacht, ist es nicht verwunderlich, dass hier nur an der Oberfläche gekratzt werden kann. Viele Möglichkeiten, die Handlung zu einem großen psychologischen Spiel aufzubauen, bleiben ungenutzt. Allein dem fast schon erlösenden Auftritt von Sandra Hüller als betrogene Regisseurin ist es zu verdanken, dass der Film sehenswert bleibt.

HANNE BIERMANN

»Sibyl – Therapie zwecklos«: ab 16.7. Kinobar Prager Frühling

Weitere Filmtermine der Woche:

Stummfilmtage auf der Warze
Das Wanderkino ist wieder zu Gast auf der Warze im Clara-Zetkin-Park.

Polizei / Was tragen die Schotten darunter / Flitterwochen im Fertighaus
17.7., 21.30 Uhr

Pat und Patachon auf hoher See / Die Babywäsche – Fünf kurze Filme mit den Kleinen Strolchen / Der Einwanderer / Das Bleichgesicht
18.7., 21.30 Uhr

Wandernde Flöhe – Die Kleinen Strolche / Der Fuhrmann des Todes (Auszug) / Einmal leicht drüber / Jetzt oder nie
19.7., 21.30 Uhr

I am not a witch
Die achtjährige Shula wird fälschlicherweise der Hexerei beschuldigt und in ein Camp verfrachtet – mit thematischer Einführung: Verfolgung von »Hexen« in afrikanischen Ländern
16.7., 19 Uhr, Frauenkultur

Im Namen des …
Pater Adam übernimmt eine kleine Gemeinde in der polnischen Provinz und baut dort ein Zentrum für Jugendliche auf. Die Begegnung mit einem exzentrischen jungen Mann, der im Ort als Außenseiter gilt, lässt unterdrückte Sehnsüchte in ihm wach werden. Der Teddy-Gewinner der Berlinale 2013 erzählt eindrucksvoll vom inneren Kampf eines katholischen Priesters. – im Rahmen des CSD Leipzig
17.7., 20 Uhr, Cinémathèque in der Nato

Let’s talk about …
Erotisches Kurzfilmprogramm im Rahmen des CSD Leipzig.
16.7., 19 Uhr, Cinémathèque in der Nato

Shaka – Born in the Mountains, raised by the Waves
Dokumentation über den französischen Snowboard-Weltmeuster Mathieu Crepel, der irgendwann beschloss die größte Welle der Welt zu surfen. Ein gewagtes Unterfangen, das akribische Vorbereitung erfordert.
16.7., 21.30 Uhr, Sommerkino auf der Feinkost

Am Ende ein Fest
In einem Jerusalemer Altersheim fasst die Seniorin Yana einen Plan. Sie wird ihrem Mann Max dabei helfen, sich das Leben zu nehmen und ihn so von seinen Leiden erlösen. Doch weil sie das nicht alleine kann, bittet sie eine Reihe guter Freunde ihr zu helfen.
17.7., 21.45 Uhr, Pittstop Freiluftkino

Leif in Concert – Vol. 2
Die Barfrau Lene plant nach einer Auszeit zur Wiederöffnung ihrer kleinen Kneipe ein Konzert mit dem dänischen Musiker Poorboy, der mit bürgerlichem Namen Leif heißt. Christian Klandts (»Little Thirteen«) neuer Film ist eine Liebeserklärung an die Musik und an dieses heimelige Gefühl, das es nur in dieser einen Kneipe gibt. – am 17.7. Premiere in Anwesenheit von Gästen im Sommerkino im Felsenkeller
17.7., 21.30 Uhr, Kinosommer im Felsenkeller

The Dark Knight
Heath Ledger in seiner letzten großen Rolle, für die er auch den Oscar gewann.
17.7., 19.45 Uhr, Cineplex

Wenn die Gondeln Trauer tragen
Nicolas Roegs Meisterwerk aus Horror und Trauerverarbeitung.
17.7., 21.30 Uhr, 2cl – Sommerkino auf Conne Island (OmU)

Funeral Parade of Roses
Eine Adaption der Geschichte des König Ödipus, versetzt in Tokios schwule Subkultur der Sechziger. Der Verleih Rapid Eye Movies hat dieses faszinierende Zeitdokument für die Nachwelt erhalten. – im Rahmen des CSD Leipzig
18.–20.7., 20 Uhr, Cinémathèque in der Nato

Interstellar
Christopher Nolan Film über eine geheime Expedition ins All und deren Folgen für eine Familie.
18.7., 19.45 Uhr, Cineplex

Ghost – Nachricht von Sam
Ein New Yorker Wallstreetbanker beschützt nach seinem gewaltsamen Tod als Geist mit Hilfe eines widerspenstigen Mediums seine bedrohte Lebensgefährtin. Die gefühlvolle Fantasy-Krimi-Lovestory war der überragende Kinohit 1990. – Ladies First Classic
22.7., 20 Uhr, Cineplex

Blues Brothers
Gerade erst aus dem Gefängnis entlassen, gelobt der Ganove Jake endlich Besserung und hat dafür auch schon eine Idee. Gemeinsam mit seinem Bruder Elwood Blues will er ihre alte Band wieder zusammenbringen, um an die 5000 Dollar zu kommen, die dem Waisenhaus fehlen, in dem sie selber früher aufgewachsen sind. Kultige Action-Komödie, in der die legendären Dan Aykroyd und Jim Belushi halb Chicago und Umland verwüsten. – Heute in der Extended Version, im Regina Palast mit Einführung von Lars Tunçay.
22.7., 19.45 Uhr, Cineplex, 20 Uhr, Cineplex, 19.30 + 20.30 Uhr, Regina Palast

Bohemian Rhapsody
Die bewegende Erfolgsgeschichte von Freddie Mercury und Queen.
22.7., 21 Uhr, Eröffnung Filmnächte Scheibenholz

Leviathan
Ein ganzes Jahr haben die Regisseure Lucien Castaing-Taylor und Verena Paravel zusammen mit Hochseefischern aus England auf dem Meer verbracht. Dabei haben sie mit ihrer Kamera den harten Alltag der Besatzung des Schiffes in audiovisuell einmaliger Art festgehalten.
22.–24.7., 20 Uhr, Cinémathèque in der Nato

Das Forum
Marcus Vetter blickt hinter die Kulissen des Weltwirtschaftsforums.
23.7., 20 Uhr, Parkbühne im Clara-Zetkin-Park

Sea of Shadows – Der Kampf um das Kokain des Meeres
Eine drohende Katastrophe in einer der spektakulärsten Landschaften der Welt ist Auslöser für eine einzigartige Rettungsaktion. Wenn mexikanische Drogenkartelle und die chinesische Mafia kollaborieren um den seltenen Totoaba-Fisch im Golf von Kalifornien zu wildern, bedrohen ihre Methoden das gesamte maritime Leben der Region – inklusive das des extrem seltenen Vaquita, einer Unterart der Wale.
23.7., 21.30 Uhr, Kinosommer im Felsenkeller

Willkommen zu Hause – Distillery. 20 Jahre Clubgeschichte
Der Film taucht ein in den Mikrokosmos der Leipziger Club-Legende Distillery und verleiht Veranstaltern, DJs und Partygästen in exklusiven Interviews eine Stimme.
23.7., 21.30 Uhr, 2cl – Sommerkino auf Conne Island

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