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»Man kann diesen Roman immer weiterschreiben, weil die Auslöschung weitergeht.«

Ein Interview mit Ronya Othmann über ihren Roman »Die Sommer« und wie sie Erinnerungen ins Exil holt

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In ihrem ersten Roman schreibt die Leipziger Schriftstellerin Ronya Othmann von einer jungen Frau, die in Deutschland lebt und die Sommer bei ihren Verwandten in einem syrischen Dorf verbringt. Dann bricht der Bürgerkrieg aus. »Die Sommer« von Ronya Othmann ist jetzt im Hanser Verlag erschienen. Tino Dallmann hat mit ihr gesprochen.

kreuzer: »Die Sommer« ist ein vielschichtiger Roman: Ein Erinnerungsbuch, eine Geschichte übers Exil und eine klassische Einwanderergeschichte, die das Leben zwischen zwei Welten beschreibt. Welcher Aspekt stand für Sie beim Schreiben am Anfang?

RONYA OTHMANN: Das Erinnern. Ich hatte zuerst die Landschaft, die ganzen Szenen im Dorf, wo Leyla, die Hauptfigur, zwischen diesen beiden Orten hin- und herreist. Das war am Anfang.

Das Cover von »Die Sommer« ®Hanser Verlag

kreuzer: Den Stoff für den Roman schöpfen Sie auch aus ihrer eigenen Biografie. War immer klar, dass Ihr erster Roman so aussehen würde?

OTHMANN: Ja, aber nicht unbedingt, dass ich aus meiner Biografie schöpfen würde. Ich habe etwa vor sechs Jahren angefangen, die ersten Teile des Romans zu schreiben. Das ist eine Weile her. Da war es gerade akut, dass die meisten Leute aus Syrien gekommen sind. Das war der Punkt, an dem klar war, dass diese Welt auf eine gewisse Weise untergeht. Und ich wollte erzählen, was da gerade untergeht. Ich finde, dass ich gar nicht so sehr über mich schreibe, sondern über eine Sache, die ich kenne.

kreuzer: Also standen das Dorf und die Landschaft am Anfang. Auch als Orte für Geschichten?

OTHMANN: Das und die Perspektive von Leyla auf das Dorf. Erst einmal war es eine Bestandsaufnahme. In den ersten Stücken habe ich aufgelistet, wie schaut das Dorf aus, was hat welche Farbe, wie sieht der Weg ins Dorf aus und wo liegt es. Und dann habe ich angefangen mit meinem Vater zu sprechen. Da kam außer Leylas Sicht noch eine weitere dazu.

kreuzer: „Vergessen ist das Schlimmste“, heißt es an einer Stelle im Buch. Gab es Momente, in denen Sie sich selbst mit dem Vergessen auseinandersetzen mussten?

OTHMANN: Viele Geschichten kenne ich von meinem Vater oder von anderen aus seiner Generation. Ich selbst habe auch versucht, mich so genau wie möglich zu erinnern. Aber es ist ja so, dass jeder seine eigenen Erinnerungen hat. Das merke ich, wenn ich meine Erinnerungen mit denen meiner Schwester abgleiche. Man formt so eine Welt ja in der Rückschau. Damit wollte ich auch arbeiten.

kreuzer: Ihre Familie stammt ursprünglich aus dem Gebiet der heutigen Türkei, wurde dann aber in alle Richtungen vertrieben, auch nach Syrien, wo die Geschichte spielt. Welche Erinnerungen haben Sie an die Sommer dort?

OTHMANN: Es gibt schon Unterschiede zwischen den Sommern von Leyla und meinen Sommern. Das Erste, was mir in den Sinn kommt, ist diese Luft im Sommer. Wenn man aussteigt und einem umgibt diese trockene, heiße Luft. Und dann auch die Landschaft mit Bergen, die Grenze, die Ölpumpen um das Dorf herum. Und die Lehmhäuser.

kreuzer: Finden Sie „Exilroman“ als Zuschreibung für Ihren Roman treffend?

OTHMANN: Ja, es ist auch ein weitervererbtes Exil. Exil bedeutet ja auch Verlust. Man wird herausgerissen. Jean Améry hat einmal geschrieben, wer das Exil kennt, hat manche Lebensantworten gelernt. Und noch mehr Lebensfragen. Und zu den Antworten gehört die Erkenntnis, dass es keine Rückkehr gibt. Man kann nicht zurück, weil man die Zeit, die vergangen ist, nicht wiederhaben kann. Der Ort, von dem man gegangen ist, ist immer ein anderer. Ich glaube, für Menschen im Exil gibt es trotzdem den Wunsch nach Heilung. Nach einer Rückkehr an den alten Ort und die Hoffnung, dass das, was einem angetan wurde, anerkannt wird. Das deutet sich auch im Aufbruch Leylas am Ende des Romans an.

kreuzer: Als der Bürgerkrieg in Syrien ausbricht, geschehen im Roman zwei Dinge: Es findet eine Poetisiserung der Welt statt. Alltägliches wie ein Stück Seife lädt sich mit Geschichten auf. Und dann findet gerade für Leyla eine Politisierung statt. Wie haben Sie die Zeit erlebt, als Sie den Roman angefangen haben?

OTHMANN: Irgendwann hatte ich das Gefühl, man kann diesen Roman immer weiterschreiben, weil die Auslöschung weitergeht. Selbst wenn es einen Waffenstillstand gibt und Assad gesiegt hat, ist das eine Art von Sterben. Natürlich muss der Roman verkürzen. Die ganzen dschihadistischen Gruppen, die Rolle von Russland oder der Hisbollah spielen keine Rolle. Auch die Türkei, die für die kurdischen Gebiete eine richtige Katastrophe ist. Die Vertreibung geht weiter. Was sich in der Region abspielt, ist zu einem globalen Problem geworden.

> Ronya Othmann: Die Sommer. München: Hanser 2020. 288 S., 22 €

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