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Schwer wie nie

Das Corona-Wiedereinstiegssemester ist ein harter Brocken. Was kommt auf uns zu?

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Studieren in einer Pandemie – wie ist das möglich? Die Universität Leipzig reagierte mit verlängerten Bewerbungsfristen, zwei Einführungswochen und mehr Flexibilität in der Planung. Der Kontakt unter den Studierenden verlegt sich ins Internet. Ein Text aus der aktuellen kreuzer-Beilage des u:boot.

Große Gruppen aufgeregter Erstsemester laufen ohne Masken durch die Hochschulgebäude, über den Campus und abends in die Bars der Stadt oder zu WG-Partys. In den übervollen Begrüßungsveranstaltungen rechnen Dozierende vor, wie viele Studierende ihren Abschluss machen und wie viele abbrechen. Und die Gruppen-Tutorinnen erklären auf den Gängen, wo was ist: Mensa, Bibliothek und Toiletten. Sie beantworten Fra-gen, geben Tipps. Aber das eigentlich Wichtige: Die Erstsemester lernen ihre Leidensgenossinnen kennen, mit denen sie Gruppenarbeiten, Hausarbeiten oder Klausuren durchstehen müssen, um an ihren Abschluss zu kommen. So lief das in der ersten Woche jedes Wintersemesters ab. Dieses Jahr kommt es anders.

Da der Hochschulbetrieb immer noch stark eingeschränkt ist, könnte der Studienbeginn viele Erstis so herausfordern wie noch nie. Neuer Lebensabschnitt in einer neuen Stadt, aber nur wenige Möglichkeiten, neue Leute kennenzulernen. Und Studien belegen: Sozialer Kontakt erleichtert das Hochschulleben, da sich die Studierenden gegenseitig stützen.

Die Hochschulen stehen zudem selbst vor Herausforderungen. Im vergangenen Semester schafften sie es zwar größtenteils erfolgreich, die Lehre aus den Hörsälen und Seminarräumen auf den Onlinebetrieb umzustellen. Allerdings unter hohem Organisationsaufwand, der anstrengend für alle Beteiligten war. Und fürs Wintersemester hat sich noch keine Routine eingestellt.

Solvejg Rhinow, Leiterin der Zentralen Studienberatung an der Universität, bestätigt, dass alles anders ist: Schon die Bewerbungsfristen für die meisten Studiengänge wurden nach hinten verlegt. Statt einer Einführungswoche bietet die Universität zwei Wochen an, um die Veranstaltungen zeitlich zu strecken. Obwohl schon lange an einem Konzept gestrickt wird, entscheidet sich der konkrete Plan relativ kurzfristig – abhängig von der jeweils aktuellen rechtlichen Lage. Über die neuesten Entwicklungen informiert die Uni auf der Website. Um das Programm und damit die Menschen stärker zu verteilen, wird es keine zentralen Veranstaltungen geben. Jeder Studiengang sei da für die eigenen Studis verantwortlich, sagt Rhinow.

Schwer wie nie Das Corona-Wiedereinstiegssemester ist ein harter Brocken. Was kommt auf uns zu? Der Fachschaftsrat Jura präsentierte Ende August den Kern seines Konzepts, das auch dann sozialen Kontakt sichern sollte, wenn die Pandemie-Beschränkungen verschärft würden. Statt der üblichen 20-Personen-Gruppen sollen in diesem Semester höchstens sieben Erstis eine Gruppe mit Tutorin oder Tutor bilden, die den Studienanfängerinnen Orientierung geben. Das bedeutet zwar, dass mehr Tutorinnen gebraucht würden, aber schnell hätten sich genügend gemeldet – obwohl die Fakultät den Job nicht entlohnen kann.

Die Jura-Studentin und Fachschaftsrat-Sprecherin Norah Köpf bringt sich in diesem Semester zum dritten Mal als Tutorin ein. Sie selbst habe bei ihrem Studienstart gute Tutorinnen gehabt und die Gruppe half ihr, ein soziales Umfeld zu finden. Auch in den kleineren Gruppen funktioniere das, meint sie. Sollte es in einer Gruppe mal nicht harmonieren, seien diese flexibel genug gestaltet, so dass eine Person auch wechseln könne. Bevor man niemanden kenne, sei das zumindest eine zweckmäßige Lösung, um Kontakte zu knüpfen. Zudem plant der Fachschaftsrat Jura eine gemeinsame Fahrradtour zum Cospudener See und Grillabende im Freien, wo weitere Kontakte möglich sind.

Aber so wichtig die Ersti-Veranstaltungen für die einen sind, kamen andere auch gut an ihrer Hochschule an, ohne jedes Kennenlernspiel, jede Begrüßungsvorlesung oder Party mitgenommen zu haben. Die 23-jährige Anne Zimmermann (Name von der Redaktion geändert) hatte zum Beispiel in ihrem ersten Semester Sportwissenschaften vergangenes Jahr keine Zeit, alles zu besuchen. »Und außerdem habe ich schon damals den Alkohol nicht mehr so gut vertragen«, sagt sie. Im Laufe des Studiums habe sie trotzdem Kommilitoninnen kennengelernt, das sei beim gemeinsamen Sport nicht so schwer gewesen. Als dieser im April wegfiel, seien viele zu ihren Eltern gefahren, statt in der Leipziger Wohnung zu sitzen. Immerhin konnte Anne Zimmermann über Chats Kontakt zu ihnen halten. Sie selbst lebte bereits acht Jahre vor ihrem Studium in Leipzig und hat ihren sozialen Kreis hier. Zimmermann hofft jedoch, dass die praktischen Veranstaltungen im Wintersemester stattfinden können und sie damit wieder mehr Kontakt zu den Kommilitoninnen hat.

Hoffen, aber nicht wissen – das zeichnet sich Anfang September auch noch bei den Kritischen Einführungswochen ab. Ein Angebot verschiedener linker Gruppen, die sich jährlich in einem Bündnis zusammenschließen. Sie organisieren Veranstaltungen, die sich kritisch mit Gesellschaft, Stadt und Hochschulen auseinandersetzen. Für gewöhnlich ist das ebenfalls eine gute Gelegenheit für Erstis, um neue Leute in der neuen Stadt kennenzulernen und sich ein soziales Umfeld aufzubauen. In den vergangenen Jahren gab es ein kleines Couch-Café auf dem Campus der Universität, das zum gemütlichen Plauschen oder gepflegten Diskutieren einlud. Auch das wird es dieses Jahr so nicht geben können. Stattdessen verlegen sich die Kritischen Einführungswochen ebenfalls ins Internet. »Wir als Bündnis wollen niedrigschwellige Online- Veranstaltungen anbieten, in die sich Interessierte reinklicken können«, erklärt Fridolin Müller (Name geändert), der mitorganisiert. Wie das dann läuft, weiß er noch nicht. Das erste Semester 2020 – vorab ist es voller Unsicherheiten. Doch Norah Köpf vom Fachschaftsrat Jura ist zuversichtlich, dass sie das trotz aller Schwierigkeiten gut hinbekommen werden. »So, wie wir das geplant haben, würde ich auch in diesem Semester anfangen zu studieren.«

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