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Wie wollen wir zusammenleben?

»Wir nennen es Familie« befragt die Tradition

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Unzählige Bücher überfluten den Markt. Linn Penelope Micklitz und Josef Braun helfen einmal wöchentlich auf »kreuzer online« bei der Auswahl. Diesmal liest Familienredakteur Josef Braun »Wir nennen es Familie« und findet darin viele Fragen zum Thema prägnant zusammengefasst. Ein überzeugender Debattenbeitrag.

Weihnachten und die Zeit vor Silvester ist Familienzeit. Das gilt selbst für dieses schwierige Jahr, in dem viele sich auf den engsten Kreis beschränken mussten. Doch wie sieht der eigentlich aus? Besteht er aus dem Vater, der Mutter und dem Kind? Ist die Kleinfamilie wirklich noch das vorherrschende Modell in diesem Land? Anne Waak ist Mitte dreißig, Journalistin und lebt in einer Berliner Wohnung, als eines Tages ihre beste Freundin und ehemalige Mitbewohnerin Ava wieder bei ihr einzieht. Der Unterschied zu den Studententagen: Ava hat jetzt ein Kind. Waak nimmt die Erfahrung der Wohngemeinschaft mit Kind und ihre eigene Sozialisation in der DDR als Ausgangspunkt, um ihre Vorstellungen von Familie zu befragen.

»Wir nennen es Familie« ist ein aufwendig recherchiertes Buch. Die Autorin wirft einen Blick in die Geschichte. Sie zeichnet nach, wie die Kleinfamilie im Zuge des Industrialismus bäuerliche Clan-Strukturen ablöste und sich in den folgenden Jahrzehnten im Westen so stark ausbreitete, dass heute manche glauben Familie habe nie anders funktioniert. Ihre historischen Recherchen ergänzt Waak um einen Blick über Europa hinaus. Dort entdeckt sie alternative Lebensmodelle für Erwachsene und Kinder. Etwa matriarchal organisierte Gemeinschaften. Ihr Buch erinnert in Herangehensweise und Fragestellungen an Publikationen wie »Links leben mit Kindern« oder Festivals wie das Familia*Futura.

Besonders bei Waak ist, wie ausführlich sie ökonomische Fragen behandelt. Beispielsweise wenn sie darüber nachdenkt, wie man die Arbeit zwischen Partnern fair aufteilen kann. Oder wenn sie das Armutsrisiko beschreibt, von dem viele Familien bedroht sind, sobald sie auseinander brechen. Überzeugend legt sie dar, dass einiges machbar ist, so lange die finanziellen Mittel vorhanden sind. Fehlen diese, wird die Situation für Menschen mit Kindern schnell herausfordernd. Das Armutsrisiko etwa ist für Alleinerziehende um ein vielfaches höher, als für verheiratete Paare. Wer da kein Geld hat, rutscht schnell ab. Auch weil der Staat die Ehe subventioniert und sie gegenüber anderen Lebensformen bevorzugt. Eine Tatsache die Waak deutlich kritisiert. Sie plädiert für ein neues Nachdenken darüber wie wir zusammenleben wollen, im Kleinen genauso wie im Großen.

Anne Waak. Wir nennen es Familie. Neue Ideen für ein Leben mit Kindern. Hamburg: Edition Körber 2020. 360 S., 18,00 €

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