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Grenzen überwinden

Das Kinostarts dieser Woche im Überblick

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In dieser Woche startet das Neiße-Filmfestival, das in diesem Jahr mit dem bildgewaltigen Film »Je suis Karl« eröffnet wird – eine von völkischem Denken durchzogene Dystopie, die dem liberalen Zeitgeist den Spiegel vorhält. Außerdem in dieser Woche zu empfehlen: Die Dokumenantion »Herr Bachmann und seine Klasse« und die düstere Saga »Dune«.

Ein grenzüberschreitendes Filmfestival im Dreiländereck – in Zeiten von Corona eigentlich undenkbar. Doch das Neiße Filmfestival wagt es. An vier Festivaltagen wird es über 60 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme in drei Wettbewerben zu sehen geben. Dazu gibt es begleitenden Filmreihen und ein vielseitiges Rahmenprogramm mit Ausstellungen, Lesung, Filmgesprächen und mehr.

Mit dem deutschen Spielfilm »Je suis Karl« von »Bad Banks«-Regisseur Christian Schwochow wird das Neiße Filmfestival am Donnerstag eröffnet. Bis zum Sonntag öffnet sich das Fenster ins Kino der drei Nachbarländer. Das Neiße Filmfestival bringt Kultur aufs Land im Dreiländereck, neben Görlitz und Zittau auch Orte wie Großhennersdorf und Liberec. Wegen Corona muss das Festival in diesem Jahr kleiner ausfallen und wanderte vom Mai in den September. So blieb mehr Zeit dafür, das Festival Corona-fest zu machen.

In einer Sonderreihe setzt sich das Neiße Filmfestival mit dem Zustand Europas auseinander. Eine Restrospektive widmet sich der tschechischen Langzeitbeobachterin Helena Třeštíková. Ein weiterer Blick richtet sich auf das Filmschaffen in der Region. Schriftsteller Navid Kermani liest aus seinem Roman »Entlang den Gräben« und eine Tour führt an die Drehorte der Filmstadt Görlitz. Das Neiße Filmfestival zeigt eindrucksvoll, wie vielfältig Kinokultur sein kann und wie wichtig sie ist – gerade im ländlichen Raum.

»18. Neiße Filmfestival«: 16.–19.9., Großhennersdorf, Görlitz, Zittau u.a.

Film der Woche: Keine Revolution ohne Märtyrer. Auch die faschistische Revolte braucht ihr Opfer. Praktisch, wenn das der Anführer ist und man das einfach selbst inszeniert. Karl muss, Karl will sterben, damit Europas Jugend aufsteht und sich der Bewegung »Re/Generation« anschließt und »Ausländer Raus!« endlich verwirklicht. Natürlich wird das völkische Denken in harmlosen Worten und hinter hipper Fassade versteckt – wie man es von den Identitären kennt. Nur, dass sie im Film tatsächlich extrem erfolgreich sind. Es passiert nicht viel in Christian Schwochows jüngstem Streich. Dafür entfesselt er das volle Drama. Eine False-flag-Aktion, bei der ihre Mutter in die Luft gesprengt wird, treibt Maxi in die Hände der Jungfaschisten. Ihr Vater verkörpert alles, was Rechte hassen. Noch ehe Maxi wieder zur Vernunft und zu ihrem Vater zurückfindet, bricht das braune Fanal los. Mit großer Dynamik reißt Schwochows Dystopie den Zuschauer mit. Mimen wie Luna Medler und Milan Peschel sichern die schauspielerische Qualität, bildästhetisch ist der zweimal für den Filmpreis nominierte Frank Lamm der Garant. Schwochow fackelt nicht lang, will kein verstehendes Erklärstück zeigen, sondern hält dem liberalen Zeitgeist den Spiegel entgegen. Wer mit Nazis redet, so das Credo, wer die Neue Rechte verharmlost oder denkt, dass die das gar nicht so meinen, wird sein böses Erwachen erleben. Der bildgewaltige Film ist allein aufgrund dieser Wut sehenswert.

Tobias Prüwer

»Je suis Karl«: ab 16.9., Cineplex, Passage-Kinos, Regina-Palast

Der Klassenraum ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Hier treffen verschiedene Ethnien aufeinander, unterschiedliche Ansichten und Biographien. In kaum einer Schulform ist das so evident wie in der Gesamtschule, denn hier unterrichten Kinder höherer Bildungsschichten neben sozial benachteiligten Migrantenkindern. Nach der sechsten Klasse wird sich entscheiden, wer von ihnen den Weg des Gymnasiums einschlägt und wer die Hauptschullaufbahn. Regisseurin Maria Speth begleitete eine sechste Klasse in diesem entscheidenden Schicksalsjahr mit der Kamera. Obwohl sie in Berlin lebt und arbeitet, suchte sie sich keine Klasse aus dem Brennpunkt Neukölln. Sie wählte die Klasse von Dieter Bachmann in einer kleinen westdeutschen Arbeiterstadt. Es ist auch das letzte Jahr des Lehrers. Doch er ist alles andere als ein müder Pauker auf dem Absprung. Mit seiner ungewöhnlichen, menschlichen Pädagogik findet er Zugang zu den so unterschiedlichen Schülern. Für ihn steht nicht die Lehrplanerfüllung im Vordergrund. Musik und Zusammenhalt ist ihm viel wichtiger. Die Offenheit der Kinder vor der Kamera ist bemerkenswert. Auch wenn sich die einen vor ihr mehr inszenieren als die anderen, ist sie ein Beobachter in den Reihen der Schüler. Der eigentliche Star des Films ist aber Lehrer Bachmann. Sein Ansatz sollte nicht nur Vorbild sein für alle Pädagoginnen und Pädagogen im Land sondern generell für den zwischenmenschlichen Umgang in unserer Gesellschaft.

»Herr Bachmann und seine Klasse«: ab 16.9., Passage Kinos, 17./18., 21.9., Cinémathèque in der Nato

Frank Herberts Kultroman erwacht eindrucksvoll zum Leben: »Dune« erzählt die Geschichte des brillanten jungen Helden Paul Atreides, dem das Schicksal eine Rolle vorherbestimmt hat, von der er niemals geträumt hätte. Um die Zukunft seiner Familie und seines gesamten Volkes zu sichern, muss Paul auf den gefährlichsten Planeten des Universums reisen. Nur auf dieser Welt existiert ein wertvoller Rohstoff, der es der Menschheit ermöglichen könnte, ihr vollständiges geistiges Potenzial auszuschöpfen. Doch finstere Mächte wollen die Kontrolle über die kostbare Substanz an sich reißen. Es entbrennt ein erbitterter Kampf, den nur diejenigen überleben werden, die ihre eigenen Ängste besiegen. Denis Villeneuves Auftakt der Saga ist trotz der unbarmherzigen Sonne des Planeten Arrakis in düsteren Tönen gehalten. Es ist ihm ernst und auch seine Mitstreiter geben ihre Rollen mit Überzeugung, allen voran Timothée Chalamet und Rebecca Ferguson als Mutter-Sohn-Gespann in den unbekannten Weiten der Wüste. So kommt Villeneuve der Vision von Herbert erstaunlich nahe. Es bleibt zu hoffen, dass sein »Dune« ein Erfolg wird, denn von dem hängt die Vollendung der Geschichte ab.

»Dune«: ab 16.9., Cineplex, Passage-Kinos, Regina-Palast

Weitere Filmtermine der Woche

Erster Berliner Kunstverein e.V.

(D 2021) – in Anwesenheit der Filmschaffenden

Der exzentrische Dichter Marco versammelt eine unwahrscheinliche Neo-Bohemia aus Malern, Schriftstellerinnen, Musikerinnen und Aktionskünstlern um sich. In einem bizarren Schauspiel gründen sie den titelgebenden Ersten Berliner Kunstverein. – in Anwesenheit der Filmschaffenden
R: Hannes Wesendonk, D 2021, 71 min

Kinobar Prager Frühling
• Donnerstag 16.09., um 20:30 Uhr

Factories of Imaginaton

(D 2021, Dok) – Ostlichter

Ein Film über die Beziehung zwischen den Bauten der Industriekultur und den Menschen, die sie bespielen. – Ostlichter

Bürgergarten Meißner Straße
• Donnerstag 16.09., um 20:00 Uhr

The Lab

(ISR/B/F 2013, Dok) – Globale

Dokumentarfilm über die Rüstungs- und Militärindustrie, einem der wichtigsten Stützpfeiler der israelischen Wirtschaft: Große israelische Firmen entwickeln modernste Techniken der Kriegsführung, die von privaten Geschäftsleuten über ein Netzwerk aus Politik und Militär in der ganzen Welt vertrieben werden. – Globale
R: Yotam Feldman, ISR/B/F 2013, Dok, 60 min

Peterskirche
• Donnerstag 16.09., um 20:00 Uhr

Zustand und Gelände

(D 2019, Dok) – anschließend Publikumsgespräch

Der Film sucht Orte in Sachsen auf, wo 1933 in wilden Konzentrationslagern Menschen inhaftiert wurden. Heute ist die Geschichte dieser Orte kaum noch zu erkennen. – anschließend Publikumsgespräch
R: Ute Adamczewski, D 2019, Dok, 119 min

UT Connewitz
• Donnerstag 16.09., um 19:00 Uhr

(Zu)Flucht – Perspektiven aus dem jordanischen Al-Azraq-Camp für Geflüchtete

– anschließend Filmgespräch

Ost-Passage-Theater
• Freitag 17.09., um 20:00 Uhr

Die letzte Sau

(D 2016) – Ostlichter

Bauer Huber, am Boden angekommen, wird zum Rebellen, denn seine Freiheit ist, nichts mehr zu verlieren zu haben. – Ostlichter
R: Aron Lehmann, D: Golo Euler, Bernd Stegemann, Rosalie Thomass, D 2016, 86 min

Bürgergarten Meißner Straße
• Freitag 17.09., um 20:30 Uhr

Her Name Was Europa

(D 2019/20)

Kurz-Experimentalfilm in Kooperation mit dem D21 im Rahmen der Ausstellung »Garten als Weltbild«.
R: Anja Dornieden, Juan David González Monroy, D 2019/20

Sommerkino im Hildegarten
• Freitag 17.09., um 20:00 Uhr

On the side of the road

(ISR/PAL 2013, Dok) – Globale

Der Film dokumentiert die kollektive Leugnung der Ereignisse von 1948, welche zur Gründung des Staates Israel, zur Zerstörung hunderter palästinensischer Dörfer und der Vertreibung von über 700.000 Menschen führten. – Globale
R: Lia Tarachansky, ISR/PAL 2013, Dok, 82 min

Peterskirche
• Freitag 17.09., um 20:00 Uhr

Shorts Attack: Black Life

– sechs Kurzfilme

UT Connewitz
• Freitag 17.09., um 20:00 Uhr

Tomboy

(F 2011)

Die zehnjährige Laure wird nach einem Umzug mehrmals für einen Jungen gehalten. Fortan versucht sie, diese Scheinidentität aufrecht zu erhalten und wird zu Michaël. Doch dann verliebt sie sich in Lisa und das Lügenkonstrukt droht aufzufliegen.
R: Céline Sciamma, D: Zoé Héran, Malonn Lévana, Jeanne Disson, F 2011, 82 min

Luru-Kino in der Spinnerei
• Freitag 17.09., um 19:30 Uhr

Trans – I Got Life

(D 2021, Dok) – in Anwesenheit der Filmschaffenden

Der Dokumentarfilm begleitet sieben Transgender-Personen und einen renommierten Trans-Chirurgen. Am 17.9. in Anwesenheit der Filmschaffenden.
R: Imogen Kimmel, Doris Metz, D 2021, Dok, 95 min

Kinobar Prager Frühling
• Freitag 17.09., um 19:00 Uhr

21. Filmkunstmesse Leipzig

Die Kinobranche schaut nach Leipzig: In ihrem 21. Jahr ist die Filmkunstmesse mehr denn je Gradmesser für Verleiher und Kinobetreiber. Eine Woche lang geht es um nicht weniger als die Zukunft des Kinos. Mit Filmen wie dem Thomas Brasch-Biopic »Lieber Thomas« und Woody Allens »Rifkins Festival« wird dem Leipziger Publikum schon mal Lust auf den Kinoherbst gemacht.

Passage-Kinos, Schauburg
• Montag 20.09. – Freitag 24.09.

La Buena Vida – Das gute Leben

(D 2013, Dok) – Ostlichter

Der Regisseur Jens Schanze begleitete die Umsiedlung Indigener in Kolumbien, die ihren Wohnort für die Kohleförderung verlassen mussten.
R: Jens Schanze, D 2013, Dok, 89 min

Bürgergarten Meißner Straße
• Samstag 18.09., um 20:30 Uhr

My Name Is Clitoris

(B 2019, Dok; OmU)

Aus einem persönlichen Gespräch heraus entwickelten die beiden Filmemacherinnen Daphné Leblond und Lisa Billuart-Monet ihren Dokumentarfilm, in dem ihre Studentinnen offen über die weibliche Sexualität reden. – Dok Leipzig Sommerkino
R: Daphné Leblond, Lisa Billuart-Monet, B 2019, Dok, 80 min

Luru-Kino in der Spinnerei
• Samstag 18.09., um 17:30 Uhr
• Sonntag 19.09., um 17:00 Uhr
• Mittwoch 22.09., um 21:00 Uhr

Von Bienen und Blumen

(D 2018, Dok)

Menschen aus der Großstadt, die aufs Land ziehen, um dort eine neue Art von Lebensglück zu finden.
R: Lola Randl, D 2018, Dok, 96 min

Sommerkino im Hildegarten
• Samstag 18.09., um 20:00 Uhr

Change Is The Only Constant Thing

(D/ES 2020, Dok; OmU)

Christoph Fleischer dokumentiert das Verschwinden von Freiräumen in Leipzig und Barcelona.
R: Christoph Fleischer, D/ES 2020, Dok, 75 min

Luru-Kino in der Spinnerei
• Sonntag 19.09., um 19:30 Uhr

Deutschland zu Fuß

(D 2021, Dok)

Auf 3442 Kilometern zu Fuß durch Deutschland: Vom nördlichsten zum südlichsten Punkt auf einer unvergesslichen Wanderung durchs eigene Land. Enno Seifried machte sich auf, um Deutschland ganz neu kennenzulernen. Abseits der Touristenmassen wanderte er in 160 Tagen durch das ganze Land – ohne viel Planung, einfach und spontan.

R: Enno Seifried, D 2021, Dok

Robert-Koch-Park
• Sonntag 19.09., um 17:00 Uhr

Vorzeit – Eloge auf Griechenland

(D 2020, Dok) – anschließend Filmgespräch

Eine Hommage an Griechenland und seine Kultur. – anschließend Filmgespräch
R: Harald Bergmann, D 2020, Dok, 86 min

Kinobar Prager Frühling
• Sonntag 19.09., um 17:00 Uhr

Moritzkino: Der Unsichtbare

Hochspannender und clever inszenierter Horrorfilm mit Elisabeth Moss, die auch nach dessen Tod von ihrem gewalttätigen Ehemann verfolgt wird.

Moritzbastei
• Montag 20.09., um 21:00 Uhr

Oscar Shorts 2021: Animation

– acht Kurzfilme

Kinobar Prager Frühling
• Mittwoch 22.09., um 20:00 Uhr

Oeconomia

(D 2020, Dok) – Globale

Carmen Losmann veranschaulicht das System der Banken und Wirtschaftskreisläufe in ihrem erschreckenden und erhellenden Dokumentarfilm. – Globale
R: Carmen Losmann, D 2019, Dok, 89 min

Peterskirche
• Mittwoch 22.09., um 20:00 Uhr

Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit

(D 2020)

In der westdeutschen Provinz kämpfen osteuropäische Leiharbeiter des größten Schweineschlachtbetriebs des Landes ums Überleben – und Aktivisten, die sich für deren Rechte einsetzen, mit den Behörden. Zur gleichen Zeit proben Münchener Gymnasiasten das Stück »Die Heilige Johanna der Schlachthöfe« und reflektieren über die deutschen Wirtschaftsstrukturen und ihr Verhältnis dazu.
R: Yulia Lokshina, D 2020, Dok, 92 min

Ost-Passage-Theater
• Mittwoch 22.09., um 20:00 Uhr

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