Heike Geißler kommt auf ihrem Diamant-Fahrrad angeradelt. Sie trägt einen bunten Schal um den Hals, in Fußballclub-Optik. Sie steigt hektisch ab und lächelt dabei freundlich. Sieht so Verzweiflung aus? Wir treffen uns an ihrem Lieblingsort in Leipzig: das Clara-Zetkin-Denkmal im Johannapark. Dort sprechen wir mit der Autorin über ihr Buch »Verzweiflungen« und die heilsame Wirkung des Schreibens.
Sie besuchen das Clara-Zetkin-Denkmal regelmäßig. Warum?
Das ist der Park, der meiner Wohnung am nächsten ist. Ich wohne zwischen dem Johanna Park und dem Rosental. Irgendwann habe ich festgestellt, dass das Denkmal geschmückt wird. Das fand ich gut. In Italien gibt es die »Statue Parlanti«, also redende Statuen. Da werden zusätzlich politische Botschaften, Briefe oder Beschimpfungen hinterlassen. Das ist eine sehr alte Tradition, dass man Statuen benutzt, um zu kommunizieren.
Haben Sie die Hoffnung, dass Zetkin mal zu Ihnen spricht?
(lacht) Irgendwie spricht sie. Aber das ist außersprachlich.
Beim Lesen spürt man Ihre Verzweiflung in den Zeilen. Warum haben Sie angefangen zu schreiben?
Weil ich nicht nur zwischen irgendwelchen Zeilen, sondern grundsätzlich Verzweiflung gespürt habe. Ich empfand das als einen ganz frappierenden Moment. Das habe ich auch im Buch festgehalten. Das war der Moment in der Corona-Zeit, wo alles noch mal geschlossen wurde. Ich habe zwei Kinder, wir hatten Homeschooling und als es dann hieß, es wird jetzt nochmal alles geschlossen zum Schutz der Bevölkerung, das hat mich überwältigt. Und heute: Die momentane Weltlage ist absolut gnadenlos. Es gab eine Zeit da drang das alles zu mir durch. Ich schrieb einen Roman und merkte diese Verzweiflung kommt immer wieder in diese Figur hinein, aber das war nicht deren Verzweiflung. Das war meine. Dann habe ich angefangen, neben diesem Roman »Verzweiflung« aufzuschreiben, um das abzulegen. Das hatte erstmal einen rein pragmatischen Grund. Das half, damit es nicht mehr in mir rumorte. Und dann dachte ich: Da würde ich eigentlich gerne einen eigenständigen Text daraus machen.
Im Buch geht es auch um Ihre Ängste: Angst um Ihre Kinder, Verlustangst, Angst vor politischen Entwicklungen. Haben Sie zu viel Angst?
(lacht) Ach, bestimmt. Ich würde sagen, ich bin zu Angst erzogen. Heute ist es ein politisches Mittel, Angst zu machen, dem man sich immer wieder widersetzen muss. Ich bin einfach ängstlich, ich habe Angst vor allen Sachen. Ich kann mir aber auch alles vorstellen. Ich habe Angst vor Geistern, ich habe Angst davor, dass meine Wohnung unter mir zusammenstürzt – ich habe das aber nicht immer. Ich würde eben nicht sagen, dass das pathologisch ist. Ich kann damit umgehen (lacht). Ich kann meine Ängste trennen: wovor muss man realistisch Angst haben und wovor nicht. Ich weiß auch, welche Angst ich aushalten muss und welche ich verwandeln muss, zum Beispiel in Protest. Es ist so attraktiv, sie loszuwerden, niemand möchte Angst haben. Man ist lieber wütend, gegen irgendwen und findet Ursachen für die Angst dort, wo sie nicht liegen.
Sie schreiben auch über Resignation, Handlungsunfähigkeit und Aussichtslosigkeit. Fühlen Sie sich nach diesem Buch nun ermächtigt oder erschöpft?
Nach der Arbeit an dem Buch, habe ich direkt das nächste geschrieben, dann war ich sehr erschöpft. Da dachte ich: Jetzt habe ich übertrieben und zu viel gearbeitet. Ich habe mir meine Verzweiflung angeguckt und mir wurde klar: verzweifelt geht es nicht. Es ist ein legitimes Gefühl, aber ich muss den Umgang damit finden und das in Handlung übertragen. Ich muss Wege finden, wie es weiter geht. Manche davon scheinen eben auch zu bedeuten, dass man sich massiv wehren muss. Die Frage ist immer noch wie, aber es geht tatsächlich darum, Bündnisse zu finden, Leute die bessere Ideen haben. Ich habe auch versucht, einige dieser Leute ins Buch zu holen, wie Cassie Thornton zum Beispiel. Ein wesentlicher Einfluss im Moment.
Jugendliche haben auch viele Zukunftsängste und Sorgen. Sie haben Kinder in diesem Alter. Wie können wir Jugendlichen wieder Hoffnung schenken?
Ich blicke sorgenvoll in die Zukunft. Ich will, dass meinen Kindern und keinem Kind auf dieser Erde, irgendwas Schlechtes passiert. Schon gar nicht durch die Unachtsamkeit, Respektlosigkeit und der Egomanie von mächtigen Politikern. Der Versuch ist, immer auf das Kleine zu schauen: Was kann man beeinflussen? Zu schauen, wie wir Ohnmacht vermeiden können. Immer wieder zu gucken, was ich tun kann. Ohne zu denken, dass man alles beeinflussen kann. Zu gucken, wie verliere ich weder Mut noch Fröhlichkeit und gute Gedanken.
Was kommt nach der Verzweiflung?
Ich weiß es nicht. Aber es ist auch sehr viel Tolles da. Wir Menschen haben schon so viel kaputt gemacht, jetzt können wir doch einfach mal gucken, was da ist und was schön ist. Einfach mal gucken, genießen, raus aus der Gedankenspirale. Und wenn mir das gelingt, dann stelle ich fest: Ich kann mich an ganz einfachen Dingen und Zuständen freuen. Auch am Verstreichen der Zeit.
> Heike Geißler: Verzweiflungen. Berlin: Suhrkamp 2025. 221 S., 18 €
> Lesungen: Do. 27.3., 19 Uhr, Eisengiesserei Westwerk, Fr. 28.3., 12.50 Uhr, Messestand ARD/ZDF, Sa. 29.3., 19.30 Uhr, Galerie KUB
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