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Kultur

Die Schule der Neurosen

Karl Ove Knausgård liest aus seinem neunen Roman »Die Schule der Nacht«

  Die Schule der Neurosen | Karl Ove Knausgård liest aus seinem neunen Roman »Die Schule der Nacht«  Foto: Leon Joshua Dreischute

Karl Ove Knausgård erlangte mit seinem autobiografischen Romanprojekt weltweite Berühmtheit. Anlässlich der Buchmesse fand im Schauspiel Leipzig eine Lesung aus seinem neuen Roman »Die Schule der Nacht« statt. Interviewt wurde Knausgård vom Journalisten Andreas Platthaus. Ausgehend von der Handlung des Romans, die das Leben eines narzisstischen Künstlers beschreibt, kommen die beiden im Gespräch auf Donald Trump. »Innerlich ist er tot«, sagt Knausgård auf Englisch und vergleicht den Hauptcharakter seines Romans mit dem US-Präsidenten. Während ersterer in eine tiefe Krise fällt, passiert das bei Trump nicht - mit den von Knausgård beschriebenen Konsequenzen. »Die Schule der Nacht« ist Teil einer lose verknüpften Serie, die fast jedes Jahr um einen neuen voluminösen Band wächst. Knausgård ist ein Schnellschreiber. Er erzählt im Interview mit Platthaus, dass er parallel zu seinem Hauptprotagonisten an eine real existierende Person dachte. Manchmal erwischt man sich bei dem Verdacht, dass er sich damit selbst meint. Selbstverständlich ist sein neuer Roman rein fiktional, aber Charaktereigenschaften lassen sich ja auf einen Protagonisten übertragen, der diese dann im Übermaß auslebt.

Vielleicht beruht die Faszination für Knausgård auf seinem existenziellen, ja fast schon spirituellen Schreibansatz. Er plottet seine Romane nie. »Wir wissen nie, was in den nächsten zehn Sekunden passiert«, sagt er. »Ich könnte aufstehen und irgendetwas tun.« Dabei lächelt er ironisch. Die Zuhörerinnen und Zuhörer können während des Abends erahnen, was es bedeutet, »zu verschwinden und beim Schreiben an einem anderen Ort zu sein«, wie Knausgård es ausdrückt. Was man aus seinen autobiografischen Werken über den Schriftsteller weiß, hindert allerdings daran, ihn menschlich betrachtet inspirierend finden: wegen seines Verhaltens und Dingen, die er im betrunkenen Zustand getan hat. Manchmal fragt man sich, ob das Bedürfnis nach einer authentischeren Form der Kommunikation der Grund ist, warum Knausgårds Werk trotzdem spannend sein kann. Andreas Platthaus sollte jedenfalls einen eigenen Award bekommen für die Fähigkeit, Knausgårds lange Monologe über Erinnerung und die Geschichte der Fotografie in klare deutsche Zusammenfassungen zu übertragen.

Knausgård selbst hat viele Essays geschrieben und die Teile seines Romans, die bei der Lesung vorgetragen wurden, ähneln diesem Genre teilweise – abgesehen davon, dass sie dialogisch sind. Der Erzähler des Romans »Die Schule der Nacht“ schließt einen Pakt mit dem Teufel. Nachdem einer der Charaktere das Publikum über die Existenz des Teufels aufgeklärt hat, antwortet der andere lakonisch: »Du verbringst zu viel Zeit in deiner Autowerkstatt.« Die Beschreibung der Partnerin des Ich-Erzählers in »Die Schule der Nacht« nähert sich einem überhöhten Ideal: Sie ist hochgebildet, charismatisch und fürsorglich, wenngleich sie diese Charaktereigenschaft nach der Geburt des ersten Kindes Letzterem zuwendet. Der Erzähler ist nicht nur vom Geburtsvorgang selbst, sondern auch vom Verlust der Fürsorge seiner Partnerin geschockt. Hier drängt sich schon der Eindruck der Misogynie auf. Und er rechtfertigt sich vollends, als der Erzähler dem Publikum mitteilt, dass er, nachdem er die Geburt seines Kindes mitansehen musste, ein Jahr lang nicht mehr mit seiner Partnerin schlafen konnte. Das war ein Moment des Abends, an dem man nicht applaudieren konnte (was trotzdem geschah).

Knausgård fällt es nicht schwer, die Aufmerksamkeit des Publikums zu bannen. Irgendwann fängt man als sensibler Zuschauer vielleicht damit an, sich ein süßes Kuscheltier vorzustellen, um die eigene Stimmung ein bisschen zu heben. Und man fragt sich, wie es Knausgård ohne eine einzige Zigarette durch den Abend schafft – sind diese doch sein Markenzeichen. Vielleicht ja mit Nikotin-Kaugummi. Immerhin in dieser Hinsicht kann man ihm Anerkennung zollen. 


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