Als Aktivist und gebürtiger Zwickauer möchte Jakob Springfeld, dass der Osten nicht nur als Beispiel für die Demokratiekrise herhalten muss, sondern auch sein aktivistisches Potential anerkannt wird – von dem der Westen ruhig etwas lernen könnte. Darüber schreibt er auch in seinem neuen Buch »Der Westen hat keine Ahnung, was im Osten passiert«. Wir haben mit dem 22-Jährigen über den Schreibprozess, seine Wünsche an den Westen und den offenen Umgang mit Ängsten gesprochen.
Warum haben Sie sich für den Lene-Voigt-Park als Treffpunkt für das heutige Interview entschieden?
Ich finde den Lenepark immer sehr entspannt, um sich mit Freunden bei gutem Wetter rauszusetzen. Es ist einfach ein Ort, den man in Zwickau in der Form so nicht hat.
Was hat Sie dazu bewegt, ein zweites Buch über den Rechtsruck in Deutschland zu schreiben?
Primär die Erfahrungen, die ich in Westdeutschland gemacht habe. Außerdem fand ich es echt krass, dass bei Lesungen oder Gesprächen in Westdeutschland zum ersten Buch Leute in Tränen ausgebrochen sind, weil sie zum ersten Mal die Größe der Demokratiekrise, wenn man das so bezeichnen will, verstanden haben. Ich bin auf wenig Wut oder Missgunst gestoßen bezüglich des Titels. Oft sind die Leute sehr offen dafür und wollen von ostdeutschen Initiativen lernen, weil sie merken, dass sich bei ihnen im Landkreis gerade auch einiges tut.
Warum schreibt man eigentlich 2025 als junger Aktivist noch ein Buch?
Erstens, weil ich einfach schon immer gerne schreibe. Es fällt mir leichter, maximal ehrlich meine Gedanken aufs Papier zu bringen. Ich glaube, Bücher sind immer noch nicht out. Viele 15- oder 16-Jährige kommen zur Lesung mit meinem Buch, in dem ganz viele Klebezettel kleben. Das macht mich mega froh.
An wen richten Sie sich mit Ihrem Buch?
Ich versuche, so breit wie möglich zu denken. Gerade gelingt mir der Spagat gut, einerseits in alternativen Jugendzentren zu lesen und andererseits in Schulen unterwegs zu sein oder mal in einer Kirchgemeinde. Ich finde es wichtig, dass man sich nicht nur in der eigenen Blase selbst bestätigt. In meinem zweiten Buch sind schon primär Westdeutsche meine Zielgruppe. Ich bin froh, dass das Konzept aufzugehen scheint und ich jetzt so viele Lesungsanfragen für Westdeutschland habe.
Warum zeigt der Westen immer noch lieber mit dem Finger auf den Osten, statt die eigenen Probleme anzugehen?
Es ist immer leichter, Probleme auf andere zu schieben, anstatt vor der eigenen Haustür zu kehren. Und ich glaube, genau dieser Mechanismus passiert auch zwischen Ost- und Westdeutschland. Das Problem mit der extremen Rechten ist aber keines, was nur einen Rand, was nur die Jugend oder was nur den Osten betrifft. Mit genau diesem Mechanismus macht es sich der Westen zu einfach. Und das macht mir auch für den Westen Angst, weil ich glaube, dass viele Menschen dort noch nicht verstanden haben, dass die AfD ihr »Erfolgsmodell Ostdeutschland« auf den Westen übertragen möchte.
Wie lief Ihr Schreibprozess ab? Sie haben sicherlich viel aus eigener Erfahrung geschrieben…
Genau, ich habe es gemeinsam mit Burkhard Mültenberger geschrieben, einem freien Autor und Lektor. Der Schreibprozess war geprägt von all den aktuellen Ereignissen, also den ostdeutschen Landtagswahlen, der Geschichte mit dem Alterspräsidenten im Thüringer Landtag. (Anm. Red.: In der konstituierenden Sitzung des Thüringer Landtags hat der damalige Alterspräsident der AfD, Jürgen Treutler, seine Neutralitätspflicht verletzt, indem er sich weigerte, die Beschlussfähigkeit des Landtags formell festzustellen. Die Sitzung musste mehrfach unterbrochen und schließlich vertagt werden.) Wir schreiben im Buch auch über die ganzen Brandmauerbrüche, die schon seit Jahren im Osten, aber eben auch in westdeutschen Kommunalparlamenten stattfinden. Und jetzt gab es diesen Brandmauerbruch auch auf Bundesebene. Im Schreibprozess hatte man die ganze Zeit das Gefühl, dass man das Manuskript eigentlich noch nicht abgeben kann, weil immer wieder irgendwas dazukommt. Aber das ist die Zeit, in der wir gerade leben.
Sie schreiben auch viel über Ihre persönlichen Ängste. Wie gehen Sie mit diesen um?
Ich frage mich immer, ob man so offen über Ängste sprechen sollte. Viele interpretieren das nach wie vor als Einknicken vor den Neonazis. Aber es wäre einfach unehrlich zu schreiben, dass Leute wie ich so angstbefreit wären. Und ich glaube, dass es eigentlich auch etwas Positives ist, dass wir über Ängste sprechen können und das nicht direkt als Schwäche deklarieren. Im Gegensatz zu Rechtsextremen, die niemals eigene Ängste zugeben würden. Ich glaube, wir müssen das gesellschaftlich umdefinieren. Dass all diese Menschen mit einfachen Antworten so tun, als seien sie gefühls- und angstbefreit, ist eigentlich das Absurde, und nicht, dass ich in dieser Zeit Angst habe.
Die Lesungen und das Bücherschreiben helfen Ihnen also, die ganzen Erfahrungen zu verarbeiten?
Ich finde es bei Lesungen cool zu merken, dass die Angst nicht nur auf den eigenen Schultern lastet. Dadurch entsteht auch oft das Gefühl, dass man gemeinsam besser handeln und damit umgehen kann. Man merkt, wie gut es eigentlich tut, überhaupt mal in einem Raum zu sein und diese Ängste auszusprechen.
Der Spiegel zählt Sie zu den 100 Hoffnungsträgern Deutschlands. Was gibt Ihnen Hoffnung und wie geben Sie anderen Hoffnung?
Erstmal finde ich solche Titel völlig absurd. Ich bin auch nicht immer hoffnungsvoll, gerade jetzt nicht. Was mich aber zum Beispiel hoffnungsvoll macht, sind Schullesungen, wo sich danach Anti-Diskriminierungs-AGs gründen oder Kids, die von irgendeiner Diskriminierungsform betroffen sind, danach zu mir kommen und ich sie an Beratungsstellen für Betroffene von rechter Gewalt vermitteln kann. Oft sind es diese kleinen Dinge, die mich zum Nachdenken bringen, mich sehr glücklich machen und zeigen, dass das, was wir tun, trotzdem auch etwas bringen kann.
Was wünschen Sie sich denn vom Westen?
Ich wünsche mir nicht nur etwas von dem Westen und ich finde es auch falsch, sich nur was vom Westen zu wünschen. Ich sehe die ganzen Ost-West-Ungleichheiten kritisch, aber sie sind keine Legitimation für Ossis, Rechtsextreme zu wählen. Und von Westdeutschen wünsche ich mir, dass man den Osten nicht immer als trauriges Beispiel für die Demokratiekrise hernimmt, sondern auch versucht, von Ostdeutschen zu lernen. Sehr viele öffentlich-aktivistischen Personen im Osten müssen als Beispiel herhalten für ›wie fühlt sich rechte Gewalt an‹, aber all diese Menschen können nicht nur von ihrer Betroffenheit und von ihren Anfeindungen erzählen, sondern von ganz vielen anderen Dingen, zum Beispiel Strategien, die sie verfolgen, um genau dagegen anzukämpfen. Ich wünsche mir, dass das von Westdeutschen mindestens genauso stark gesehen wird wie die Gefahr der Extremrechten.
> Jakob Springfeld: Der Westen hat keine Ahnung, was im Osten passiert. Berlin: Quadriga 2025. 224 S., 18 €
> Lesung: So., 30.3, 12:30 Uhr, Messestand Bastei Lübbe (Halle 4, Stand C101)
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