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Kultur

»Ich stelle immer alles in Frage«

Der Leipziger Komponist von Welt Bernd Franke im Gespräch über seine Oper »Coming up for Air«, die im März uraufgeführt wird

  »Ich stelle immer alles in Frage« | Der Leipziger Komponist von Welt Bernd Franke im Gespräch über seine Oper  »Coming up for Air«, die im März uraufgeführt wird  Foto: Christiane Gundlach



Vom Ruhestand zur Uraufführung: Seinen 65. Geburtstag feierte Bernd Franke vor zwei Jahren mit der Premiere seiner Komposition »Genesis« mit dem Pianisten Michael Wollny am Soloinstrument im Gewandhaus. Letztes Jahr ließ Franke seine Lehrtätigkeit an der Universität Leipzig hinter sich. Nun steht diesen Monat die Uraufführung seiner über sechs Jahre entstandenen Oper »Coming up for Air« an. Mit dem Titel referenziert er den gleichnamigen Roman von Sarah Leipciger aus dem Jahr 2020, aus dem sich der Komponist bedient.
Dessen drei Hauptcharaktere werden durch die verbindenden Elemente Luft und Wasser eins. Da ist Anouk, die in der Gegenwart mit Mukoviszidose ringt. Von der Inconnue de la Seine, der Unbekannten aus der Seine, wird erzählt, beziehungsweise die Geschichte hinter ihrer friedvoll lächelnden Totenmaske, die im Pariser Fluss 1900 entdeckt wird. Und dann ist da Pieter, der in den 1950ern die Mund-zu-Mund-Beatmungspuppe erfindet. Die Inszenierung seines Auftragswerkes an der Oper Leipzig überlässt Franke dabei der Regisseurin Florentine Klepper, lediglich für etwaige Rückfragen steht er ihr zur Verfügung.


Sie haben sich unter anderem von Volksliedern, norwegischem Jazz und Björk für die Oper inspirieren lassen. Stellen Sie damit Neue Musik in Frage?

Ich stelle immer alles in Frage. Für mich gibt es keine Grenzen, keine Verbote in der Kunst. Die interessieren mich einfach nicht. Die Oper hat drei verschiedene Handlungsstränge, Zeitebenen und Orte: Paris 1898, Norwegen um 1950 und Kanada in der Gegenwart. Ich wollte da andocken und habe für mich inspirierende »Schlüssel« gesucht, wurde freundlicherweise von Kolleginnen und Kollegen des Opernchores bei meiner Recherche unterstützt, auch von der Grieg-Begegnungsstätte und von Freunden.


Und wie klingen dann die drei Hauptcharaktere?

Die drei Hauptpersonen in der Oper – L’Inconnue aus Paris, Pieter aus Norwegen und Anouk aus Kanada – werden auch mit ihren »persönlichen« Instrumenten verbunden, mit dem Cello, der Trompete und der Bassklarinette. Drei Instrumente, drei Welten, teilweise ganz unterschiedliche Farben, Strukturen, Emotionen. Aber auch die werden im dritten Akt zu einer gemeinsamen Welt verschmolzen.


Das Wasser spielt in Ihrer Oper eine zentrale Rolle, als Schauplatz, aber 
auch als Metapher für Zeitlichkeit und Geschichtlichkeit.

Ja, die beiden Elemente Wasser und Luft spielen in dieser Oper eine wichtige Rolle, im Libretto wird der Chor sogar als Fluss personifiziert. Der Fluss ist der Strom des Lebens. Ein Ausschnitt aus Sarah Leipcigers Roman ist von zentraler Bedeutung für den emotionalen Verlauf der Oper: »Wo du bist, denke ich, ist es wie ein Fluss und du bist die Strömung. Und sehr oft kriechen wir – du, ich, alle – aus der Strömung heraus und leben unser Leben. Dieses Leben mag reich und lang sein oder es kann langweilig sein. Es kann ein Desaster sein – es ist ein Glücksspiel. Aber die einzige Gewissheit ist, dass es enden wird, und wenn es endet, findest du dich wieder im Fluss. Der Fluss ist Leben und Tod zugleich.« Ich habe mich vor dem Beginn der Komposition auch intensiv mit diesen Elementen beschäftigt und habe von Elmar Schenkel – Anglist, Schriftsteller und Übersetzer aus Leipzig – sehr wertvolle Hinweise und Material besonders zum Thema Wasser erhalten.


Und wie hört sich das an?

Der Zentralton A ist wie die Wasseroberfläche, A wie Air und Atem, wie Anouk und
Axelle, zwei wichtige Personen aus der Oper, aber A auch wie Angst. Es passieren viele Dinge über und unter der Wasseroberfläche, Licht und Schatten liegen sehr nah beieinander, Glück, Liebe und Tragödien. Aus diesem Ton A entstehen und erwachsen Klänge, Skalen, Motive, Linien, Interferenzen, Mikrointervalle, die gesamte Oper. Ein einzelner Ton ist ein belebter Mikrokosmos, vergleichbar mit einem Wassertropfen, und entwickelt sich dann zum Makrokosmos, zum Klang, zur Welt.


Einer der Impulse, die Ihre Oper mitgibt, ist, dass wir mehr in Geschichte denken sollten. Wieso ist das gerade für die Gegenwart so relevant?

Man kann mit seiner Gegenwart nicht wirklich umgehen, wenn man die Vergangenheit nicht im Blick hat. Ich stelle mit Entsetzen fest, dass Menschen heutzutage immer weniger in historischen Zusammenhängen denken können und wollen – vieles geht dadurch an Kontextualisierung verloren. Die drei Welten in der Oper und ihre Schicksale sind ebenfalls eng miteinander verknüpft.


Ihr Werk ist ein Kompositionsauftrag
der Oper Leipzig. Wie frei waren Sie in Ihrer Arbeit?

Ich war extrem frei in meiner Arbeit. Die Oper Leipzig und allen voran Intendant Tobias Wolff und Chefdramaturgin Marlene Hahn haben mich extrem unterstützt und motiviert – ein Glücksfall für mich! Eine Oper ist natürlich keine Kammermusik, kein kleines überschaubares Werk, sondern eine gewaltige Bergbesteigung, ein enormer Kraftakt, aber man lernt wahnsinnig viel dabei und trifft unglaublich spannende Leute. Also immer eine Win-win-Situation.


Sie haben in Leipzig studiert, hier die
Gruppe Junge Musik gegründet, jahrzehntelang an der Uni gelehrt – was schätzen Sie an der Musikstadt besonders?

Leipzig ist einzigartig, eine wirklich lebendige und pulsierende Musikstadt, ein Humus, den man kaum woanders in dieser Konzentration findet: kurze Wege, Hunderte toller Kolleginnen und Kollegen voller Engagement und Leidenschaft. Das fasziniert mich an Leipzig!


> »Coming up for Air«: 14.3., 19 Uhr (Uraufführung), 22.3., 17 Uhr, 27.3., 19.30 Uhr, Oper


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