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Stadtleben

Der ganz normale Frauenhass

Nach der Amokfahrt in Leipzig wird viel über Poller diskutiert – aber nicht über den misogynen Hintergrund der Tat

  Der ganz normale Frauenhass | Nach der Amokfahrt in Leipzig wird viel über Poller diskutiert – aber nicht über den misogynen Hintergrund der Tat  Foto: Gedenkort am Augustusplatz/Colin Schröder

Zwei Menschen hat Jeffrey K. durch seine Amokfahrt in der Grimmaischen Straße getötet, weitere wurden zum Teil schwer verletzt und viele werden von dem, was sie sehen und miterleben mussten, noch lange traumatisiert sein. Der Täter ist ein 33-jähriger deutscher Mann, Haustechniker und Boxtrainer, bisher unauffällig und ein »lieber, guter Mensch«, wie man lesen kann. Kurz vor der Amokfahrt begab er sich freiwillig in die Psychiatrie. Dort sitzt er nun wieder, diesmal auf richterliche Anordnung.

Seit der Amokfahrt dreht sich die Diskussion vor allem um die Frage, ob die Innenstadt ausreichend geschützt ist. »Wieso gab es keine Poller?«, fragte zum Beispiel die LVZ anklagend. Außerdem wird diskutiert, warum sich der spätere Täter selbst aus der Psychiatrie entlassen konnte und warum niemand die drohende Gefahr erkannt habe. Wie bei ähnlichen Vorfällen in der Vergangenheit droht auch hier die Debatte abzudriften und Menschen mit psychischen Erkrankungen zu einer Gefahr für die Allgemeinheit zu erklären. Grundsätzlich aber scheint man sich damit abgefunden zu haben, dass hier jemand einfach durchgedreht ist, dass »die Tat in einem Zustand begangen wurde, die einer Geisteskrankheit gleichkommt«, wie es der Anwalt von Jeffrey K. gegenüber dem MDR ausdrückte. Auch die Staatsanwaltschaft geht von einer »erheblich verminderten Schuldfähigkeit« aus. Die Tat hatte weder einen religiösen noch einen politischen Hintergrund, heißt es erleichtert. Was dabei hinten runterfällt, ist der misogyne – also frauenfeindliche – Hintergrund der Tat. Denn wieder einmal ist hier ein Mann durchgedreht, der den freien Willen seiner Partnerin nicht akzeptieren wollte – sie hat sich von K. im Frühjahr getrennt, aufgrund seines zunehmend übergriffigen und gewalttätigen Verhaltens.

K. zieht daraufhin aus der gemeinsamen Wohnung aus, die Frau versucht, das alleinige Sorgerecht für das gemeinsame Kind zu bekommen, ohne Erfolg. Von da an terrorisiert K. seine Ex-Partnerin und ihre Familie. Mehrfach erstattet die Frau Anzeige gegen ihn, wegen Bedrohung, Verleumdung und Beleidigung. Mindestens einmal soll K. gedroht haben, Mitglieder ihrer Familie zu töten. In einer vom MDR veröffentlichten Stellungnahme der Frau und ihrer Familie nach der Amokfahrt heißt es: »Es gab Anzeigen, Gespräche mit Behörden und wiederholte Versuche, Hilfe zu erhalten, um eine weitere Eskalation zu verhindern.« Mitte April ruft K. nach einem weiteren Vorfall selbst die Polizei und lässt sich auf Anraten der Beamten in die Psychiatrie Altscherbitz einweisen. Diese verlässt er zwölf Tage später – und steht noch am selben Abend vorm Haus seiner Ex-Partnerin. Die ruft verängstigt erneut die Polizei, das ist fünf Tage vor der Amokfahrt.

Wie die LVZ berichtete, schickt K., kurz bevor er sich selbst einweisen lässt, noch folgende Nachricht an seine Ex-Partnerin: Es sei schon »lange kein Auto mehr in eine Menschenmenge gefahren«. Eine eindeutige Drohung, auch und vor allem gegenüber der Frau: Wenn du nicht das tust, was ich verlange, werde ich was Schlimmes tun, werde ich andere Menschen verletzen und du wirst daran schuld sein. Die Gewalt der Amokfahrt trifft so auch sie. Hier zeigt sich, dass Frauenhass einmal mehr das Tatmotiv war, und zwar unabhängig davon, wer die Opfer der Amokfahrt waren.

Fast täglich geschieht ein Femizid in Deutschland, jede vierte Frau erlebt in ihrem Leben mindestens einmal körperliche oder sexualisierte Gewalt durch ihren aktuellen oder früheren Partner. Und es ist nicht das erste Mal, dass ein Mann seine narzisstische Kränkung und gefühlte Demütigung seiner Männlichkeit in eine Amokfahrt umwandelt. Besonders im Milieu der Incels – hauptsächlich online agierende »sexuell erfolglose« Männer, die Frauen und den Feminismus beschuldigen, ihnen ihr »Grundrecht auf Sex« zu verweigern – gibt es immer wieder solche Fälle. Oft versuchen die misogynen Täter hierbei, gezielt Frauen zu töten. Das war bei K.s Amokfahrt nicht der Fall, ist aber auch nicht nötig, um das misogyne Tatmotiv zu erfüllen. Denn wichtiger ist die Tat an sich: als eine »reaktionäre Form der Ermächtigung«, wie die Soziologin Veronika Kracher die Leipziger Amokfahrt bezeichnet hat. Die Kränkung wird aufgehoben, indem Mann vermeintlich Stärke zeigt und seine angebliche Männlichkeit beweist – das Opfer, und als solches sieht sich der gekränkte Mann, schlägt zurück. »Es ist wahrlich kein Einzelfall, dass Männer, wenn sie sich in ihrer Männlichkeit verletzt oder infrage gestellt fühlen, auf andere losgehen, um ihren Schmerz oder ihre Frustration loszuwerden«, erklärte der Psychologe Klaus Weber nach dem Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg 2024. Der Kulturtheoretiker Klaus Theweleit hat bereits 1977 in seinem Buch »Männerphantasien« herausgearbeitet, wie sich Männer in der patriarchalen Gesellschaft einen Körperpanzer zulegen, quasi eine emotionale Verhärtung, um Angst und Unsicherheit, aber auch wirkliche emotionale Nähe abzuwehren, weil sie nie gelernt haben, damit umzugehen. Daran zu arbeiten, wäre die Aufgabe sinnvoller Prävention – und vor allem der Männer selbst. Stattdessen stabilisieren sie Unsicherheiten und Ängste, gerade in Beziehungen, durch Härte, Kontrolle und Gewalt. Das Auto ist der Körperpanzer des modernen Mannes.

Es scheint, dass der Amokfahrer von Leipzig zu seinem Frauenhass noch eine manifeste psychotische Störung hatte und Stimmen gehört hat. Doch ist auch hier die Frage nach den gesellschaftlichen Ursachen angebracht, immerhin sind es ausschließlich Männer, die zu Amokfahrern werden. Und im Fall von K. war der Auslöser der Psychose wohl die Trennung und der Streit ums Sorgerecht – ist also mit patriarchalem Besitzdenken gegenüber Partnerinnen und Frauen verknüpft, das heißt der Vorstellung, hier würde dem Mann ein ihm angeborenes Recht verwehrt.

Vielleicht hätte K. es ohne seine Psychose tatsächlich »bloß« beim Psychoterror und den Todesdrohungen belassen. Warum aber hat nicht schon dieses Verhalten ausgereicht, dass Maßnahmen ergriffen wurden, um die Betroffenen zu schützen und dadurch noch Schlimmeres – die Amokfahrt – zu verhindern? Über lange Zeit sei bei der Frau das Gefühl entstanden, »mit dieser Situation weitgehend allein gelassen zu sein«, heißt es im Schreiben seiner Ex-Partnerin und ihrer Familie.

In der Psychiatrie wurde bei Jeffrey K.s erstem Aufenthalt keine Fremdgefährdung erkannt, deswegen konnte er sie auf eigenen Wunsch wieder verlassen. Auch die Polizei, die ihn nach den Drohungen gegenüber seiner Ex-Partnerin besuchte und ein, bei häuslicher Gewalt verwendetes Verfahren zur Feststellung des Risikopotenzials durchführte, kam zum Ergebnis, dass K. kein »Hochrisikofall« sei. Sein gewalttätiges und übergriffiges Verhalten entsprach eben einfach dem ganz normalen, gesellschaftlich akzeptierten misogynen Wahn. 


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