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Kultur

Ohne Plan zum Ziel

Die Leipziger Band Zoomies veröffentlicht ihr Solo-Debüt – und gastiert im Hitness-Club

  Ohne Plan zum Ziel | Die Leipziger Band Zoomies veröffentlicht ihr Solo-Debüt – und gastiert im Hitness-Club  Foto: Marius Moertl

Der moderne Mensch in den entwickelten Industrieländern verbringt, darauf deuten Studien hin, durchschnittlich bis zu acht Stunden täglich am Bildschirm. Das Bedürfnis nach Sinnsuche und Selbstwirksamkeit scheint inmitten dieser endlosen Wüste der virtuellen Ödnis meist vorprogrammiert. Was also tun?

Zum Beispiel zur Abwechslung eine Gitarre in die Hand nehmen. So zumindest hat es Maxim Tschernych, Frontmann und Gesicht der Leipziger Band Zoomies, gemacht. 2023 veröffentlichte er mit »Carbonated Soft Drinks« eine erste Solo-EP. Sechs Songs, so bunt und knallig wie eine Tüte Gummibärchen. Synthesizer und Drum-Machines bestimmten das coole, mitunter aber eben auch unterkühlte Klangbild, das von kantigem New Wave und Synth Pop geprägt war. Ein Sound, der allzu typisch ist für die Leipziger DIY-Szene, in der sich Tschernych seit Jahren tummelt.

Drei Jahre später sind die Zoomies auf ihrem selbstbetitelten Debütalbum nicht mehr wiederzuerkennen. Vom artifiziellen New York der Achtziger, an das die EP klanglich erinnerte, geht es dieses Mal gewissermaßen ins sonnendurchflutete Kalifornien der Siebziger. Ein Orts- und Zeitwechsel, der mehr ausmacht, als man auf den ersten Blick denkt.

Was ist passiert? »Ich war es leid, so viel am Computer zu arbeiten«, sagt Tschernych rückblickend. Stattdessen wollte er, dass die Songs organischer entstehen und auch mit Gitarre und Gesang allein funktionieren. Diese anvisierte Zielrichtung hört man dem neuen Werk zweifellos an. Mal erinnern die neun Songs des Albums an den ausgeklügelten Indie-Pop der US-Amerikaner Wilco – wie im Opener »Bats of America«. Mal, etwa im abschließenden »A New Joke«, an den frühen LoFi-Folk-Ansatz von Adam Green. Und das nicht nur der warmen Stimme und süßen Melodien wegen, sondern auch aufgrund eines so subtilen wie liebenswürdigen Humors. So heißt es in besagtem Song an einer Stelle: »Wanna hear a new joke / Where a horse meets the pope / Oh I forgot how it goes.« Ein verschrobenes Bild, das man sich auch als Filmszenerie inmitten eines alten Streifens von Aki Kaurismäki vorstellen könnte.
Etwa die Hälfte der auf dem Album zu hörenden Instrumentalspuren hat der Multiinstrumentalist Tschernych selbst aufgenommen. Die meisten davon bei sich zu Hause. Das sparte nicht nur Studiokosten, sondern auch den mit einem begrenzten Zeit-Budget verbundenen Stress.

Die restlichen Spuren steuerten befreundete Musikerinnen und Musiker bei. Mit vier von ihnen bildet er für die kommende Tournee ein Live-Quintett. Zwar gebe es keine über die Tour hinaus fest definierte Besetzung, so Tschernych, doch sollen die Zoomies auch künftig ein Kollektiv bleiben.

Erscheinen wird das Album bei dem bekannten Berliner Indie-Label Staatsakt. Für Tschernych, der sich mit seinen Bands von Booking über Promo bis hin zur Albumproduktion bisher immer in DIY-Manier übte, ist das in puncto Professionalität ein echter Quantensprung. Andererseits, so sagt er, sei Staatsakt, das von dem Musiker und Autor Maurice Summen geleitet wird, ja letztlich auch nur ein Ein-Mann-Betrieb. Und damit weit entfernt von einer »gesichtslosen Firma«. Summen sei vor einiger Zeit auf die Zoomies aufmerksam geworden und habe ihn daraufhin auf einen Kaffee nach Berlin eingeladen. »Ich bin ohne großen Plan in das Gespräch gegangen«, erzählt Tschernych, dem man diese Planlosigkeit zweifellos abnimmt. Doch gerade diese Abwesenheit von jeglichem Kalkül ist es, die ihn wie auch seine Musik von karrieristisch anmutender, durchgestylter Durchschnitts-Indiemusik abhebt. In der dem Album beiliegenden Presseerklärung werden die Zoomies mit unverhohlener Euphorie als erster Americana-Act Leipzigs bezeichnet. Eine PR-Übertreibung, gewiss. Aber eine, die auf einen wahren Kern abzielt. Denn tatsächlich hatte es leisere, folkige Musik inmitten des stark von Wave, Punk und Post Punk geprägten Leipziger Musik-Undergrounds in den vergangenen Jahren mitunter schwer. Bis jetzt. Gut möglich, dass die Karten mit dem Debüt der Zoomies neu gemischt werden.

> 23.5., Hitness Club, 20 Uhr


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