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Kultur

Wilde Archive

Die M26-Ausstellung zeigt Werke der Meisterschülerinnen und Meisterschüler der HGB

  Wilde Archive | Die M26-Ausstellung zeigt Werke der Meisterschülerinnen und Meisterschüler der HGB  Foto: »Dubrava« von Anastasia Grigoriadi/Lea Petry

Schwarz-weiß Fotografien von Menschen, Ästen, Blättern und Baumstümpfen: Aufgereiht an einer Wand in der Werkschauhalle zeigen sie den Alltag eines vergessenen russischen Archivs. Der Installation »Dubrava« (russisch für »Eichenhain«) von Anastasia Grigoriadi liegt das Archiv des Brjansker Forstinstituts zugrunde, das sie vor sechs Jahren bei einer mehrmonatigen Recherche vor Ort fand. Doch die historischen Artefakte stellt sie nun in ihrer Abschlussarbeit in der Klasse Fotografie und Medien von Ines Schaber hier in der »M 26 – Ausstellung der Meisterschüler*innen der HGB 2026«, die am Freitag eröffnet wurde, nicht direkt aus. Vielmehr kommentiert Grigoriadi das vorgefundene Material, veränderte die Fotoausschnitte, überzog die Abbildungen beispielsweise mit Bienenwachs, stellte dem gesammelten Wissen den vorhandenen Wald gegenüber. Dieser – um die Stadt Brjansk im westlichen Russland an der Grenze zu Belarus gelegen – und das historische Archiv verbinden sich nun als wildes Archiv.

Nicht nur die Natur wird in Archiven klassifiziert und normiert, die menschliche Gesellschaft sowieso. War es seit der Aufklärung der vermeintliche freie Geist samt körperlichen Bewegungen, die in brave Strukturen gebracht wurden, so sind es heute ganzheitliche Wahrnehmungsformen, die den Postfordismus samt Selbstausbeutung stramm zur Seite stehen. Die 7-Kanal-Videoinstallation »Joy Should Hasten« von Svetlana Shilankova Kuts zeigt hier KI generierte Menschen, die zeitgenössische Ganzheitlichkeitskonzepte in Frage stellen.

Insgesamt 14 Positionen sind in der Ausstellung in der Werkschauhalle bis zum 8. Oktober zu sehen. Der Abschluss, der nach dem Diplom in idealerweise zwei Jahren erlangt wird, führt im Jahrgang von 2026 zu vielen experimentellen Anordnungen der unterschiedlichen Medien. Dabei werden Normierungen hinterfragt wie auch aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen um Identität und dem Miteinander.

Was und wer bildet eine Gemeinschaft? Antworten auf diese selbstgestellte Frage zeigt Eva Gräbeldinger in ihrer Installation »xoxo your oracle«. Dabei geht es nicht nur um gesellschaftliche, sondern auch künstlerische Normierungen etwa in der Druckgrafik, gegen festgefahrene Techniken, denen sie während ihres Meisterschülerinnenstudiums bei Christian Weihrauch an der Hochschule für Grafik und Buchkunst nachging. Während grafische Techniken allgemein als Mittel der Reproduzierbarkeit genutzt werden, entwirft Gräbeldinger aus dem experimentellen Umgang mit den Techniken eigenständige Formen, um den traditionellen Erwartungen zu widersprechen.

Gleich zu Beginn der Ausstellung stehen acht Displays in der Werkschauhalle. Sie zeigen die Porträts von Menschen, die Essen in Städten anliefern. Auf den Displays finden sich neben den Porträts auch Zitate über ihre Arbeit und die Einordung dieser Servicewirtschaft in den letzten Jahren, die Marinus Reuter unter dem Titel »Das Gegebene – Der Fall Just Eat Takeway.com« fasst. Reuter, der zuvor in Hamburg an der Hochschule für Bildende Künste seinen Master erlangte, schließt mit der Arbeit seinen Meisterschüler bei Ines Schaber, Klasse für Fotografie und Medien ab.

Ebenfalls bei Ines Schaber studierte Karolina Sobel, die in ihrer Installation »Dzika Diva« – polnisch für »Wilde Diva« eine Bar als ein offenes lesbisches Archiv zeigt. Ihr geht es dabei um die kaum bekannte Geschichte in den 1980er und 1990er Jahren. So zeigt ein Bildschirm den Ausschnitt einer polnischen Talkshow von 1997, in der erstmals eine lesbische Frau zu Wort kam. Neben der damaligen öffentlichen Inszenierung erzählt die dortige Protagonistin auf einem zweiten Bildschirm, wie sie das Auftreten und die Sendung nach nun 30 Jahren einordnet. Leere Archivboxen erinnern daran, dass die Suche nach den Geschichten als Prozess angelegt ist, der perspektivisch auch in Polen selbst gezeigt werden soll.


> »M 26 - Ausstellung der Meisterschüler*innen der HGB 2026«: Eröffnung & Verleihung des G2 Meisterschüler*innen-Preises: 25.9., 17 Uhr

> bis 8.10., Werkschauhalle, Spinnerei Leipzig, Di–Sa 12–18 Uhr

> www.hgb-leipzig.de


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