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Politik

Hausbesitzerszene

Eine Studie zum Thema Wohnen fragt: »Wem gehört Connewitz?«

  Hausbesitzerszene | Eine Studie zum Thema Wohnen fragt: »Wem gehört Connewitz?«  Foto: Vernetzung Süd

Da, wo mediale Hysterie einen Anarchostaat vermutet, lebt es sich eigentlich ganz gut. Vielen in Leipzig gilt Connewitz als lebenswerter Stadtteil mit funktionierendem Nachbarschaftsverhältnis und eigener Identität. Man könnte vom Herzstück der alternativen Szene, vom zeitlosen Symbol freien Lebens sprechen – wäre das nicht pathetisch. »Wer da wohnt, liebt Connewitz – sehr viel mehr als die Menschen in anderen Stadtteilen«, sagt Sozialgeograf Michael Janoschka im Interview mit dem kreuzer. Janoschka ist Herausgeber einer Studie zu einem Grundbedürfnis, das gerade in aller Munde ist: Wohnen. Auch wenn sich die meisten in Connewitz wohlfühlen – viele leben zu günstiger Bestandsmiete bereits seit Jahren dort –, verändert sich der Stadtteil zunehmend. Es wird in Wohnraum investiert. Das Gespenst, das inzwischen in Connewitz umgeht, heißt Kapitalismus. Wie tiefgreifend der Wandel ist, zeigt nun Janoschkas Studie:


»Wem gehört Connewitz?«

Erhoben wurde in der vom Stadtbezirksbeirat Süd geförderten Studie des Karlsruher Instituts für Technologie und der Uni Leipzig zwischen 2021 und 2023 mit einem quantitativen Fragebogen, bei dem 1.500 Menschen aus Connewitz per Post und online kontaktiert wurden. Gut 400 von ihnen haben teilgenommen, Fragen zu ihren Erfahrungen mit Hausverwaltungen und -eigentümern, Mietkosten, Sanierungen, Wohnungssuche und der Nachbarschaft beantwortet. Zusätzlich führte Janoschka mit seinem Team Interviews und kartierte jedes Gebäude des Viertels. Die Ergebnisse zeigen: Neben Lage, Ausstattung und Baujahr der Gebäude hat das Eigentumsverhältnis einen signifikanten Einfluss auf den Mietpreis. So kostet ein Quadratmeter Connewitzer Parkett bei kommunalen Immobiliengesellschaften wie der LWB im Schnitt 6,26 Euro kalt. Bei privaten Vermietern sind es 6,89 Euro. 7,85 Euro zahlt man bei großen Wohnungskonzernen, die inzwischen vor allem Vonovia gehören. Überall ist der Mietpreis in den letzten Jahren angestiegen.

Besonders groß war die Sorge der Befragten vor steigenden Nebenkosten. Diese seien schwer planbar und hingen neben dem eigenen Verbrauch auch von Faktoren wie dem Zustand des Hauses, den Energiepreisen und mehr ab. Mieterinnen und Mieter könnten, Janoschka zufolge, nicht immer nachvollziehen, welche Kosten auf sie umgelegt werden dürfen. Obwohl laut Deutschem Mieterbund jede zweite Nebenkostenabrechnung falsch ist, zahlen viele aus Ohnmacht oder Furcht vor Streit mit der Verwaltung trotzdem.

Menschen, die seit 16 Jahren oder mehr in derselben Wohnung leben, sind laut der Studie am zufriedensten. Auf »angespannten Wohnungsmärkten« wie dem Leipziger darf die Kaltmiete bei einem bestehenden Mietverhältnis um maximal 15 Prozent in drei Jahren angehoben werden. Das führe zu einem Lock-in-Effekt, sagt Janoschka, der Menschen davon abhalte umzuziehen. Gleichzeitig gebe es Manöver, um Mietende zum Auszug zu bewegen: Teils würden Heizungen abgestellt und Reparaturen monatelang nicht ausgeführt – »Schikane« nennt Janoschka das, wenn Eigentümer ihre Mieterinnen und Mieter »monatelang in der kalten Wohnung« sitzen lassen. »Das macht die Menschen kaputt, wenn sie so behandelt werden.«

Grund für diese Entwicklung sei das enorme Wachstum Leipzigs – in den letzten zwanzig Jahren ist die Einwohnerzahl der Stadt um 150.000 Menschen, also fast ein Drittel gestiegen. Connewitz sei attraktiv aufgrund seiner Nähe zur Innenstadt, zum Auwald und zu den Seen. So sind aus den 15.500 Menschen im Viertel des Jahres 2005 zwanzig Jahre später knapp 20.000 geworden – ein Anstieg um etwas mehr als ein Viertel. Den Ursprung der Gentrifizierung sieht Janoschka aber auch im Kapital: Da, wo Investoren potenzielle Mieteinnahmen voraussehen, kaufen sie sich in Gebäude ein oder bauen jenseits bisheriger Preisklassen neu. Janoschka zufolge seien Wohnungsgenossenschaften durch fehlende Regulationen auf dem Immobilienmarkt geschwächt. Durch Spekulationen mit Connewitzer Baugrundstücken habe es in den letzten Jahren »unglaubliche Preissteigerungen« gegeben. Die Mieten in sämtlichen Neubauten, die nach 2011 in Connewitz entstanden, sind laut der Studie mit 11,37 pro Quadratmeter fast doppelt so teuer wie die in älteren Gebäuden.


Krisensitzung im UT

Eine Podiumsdiskussion zum Thema Anfang Oktober im UT Connewitz ist dann vielmehr als Krisensitzung zu verstehen. Anwesend sind unter anderem Landtagsabgeordnete und Stadträtin Juliane Nagel (Linke), Robin Weisbach, Sprecher der Initiative für gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung »Vernetzung Süd«, und Michael Janoschka selbst, samt zwei seiner Co-Autoren. Einer von ihnen, Dennis Hof, erklärt: Von den kartierten 12.000 Wohnungen im Bezirk sei das Eigentumsverhältnis nur bei der Hälfte sicher festgestellt worden, bei vielen sei unklar, wer am Ende profitiert.

Stadträtin Juliane Nagel verweist darauf, dass Verdrängung nicht nur in Connewitz, sondern in der Gesamtstadt eine akute Bedrohung sei. Zwar habe man in Leipzig wohnungspolitisch schon viel erreicht, als Kommune komme man trotzdem schnell ans Ende der eigenen Handlungsmacht. Nagel fordert deshalb mehr Gesetze für den Erhalt von bezahlbarem Wohnraum von Land und Bund. Sie fügt an, dass drei Viertel aller privat vermieteten Wohnungsbestände in Leipzig in der Hand westdeutscher Kapitalanleger seien. Somit unterliegt die Leipziger Wohnsituation nicht nur fast vollständig den Prinzipien des Immobilienmarktes, Nagel reißt mit ihrer Aussage auch die mancherorts vergessene Ost-West-Debatte wieder auf. Aus dem Publikum wird außerdem Interesse an einer zusätzlichen Verdrängungsstudie und der Auseinandersetzung mit Eigenbedarfskündigungen geäußert.

Dem Sprecher der Vernetzung Süd zufolge kämen viele Mietende wegen Eigenbedarfskündigungen auf die Kontaktstelle seiner Initiative zu. Die hilft, sich in Mietsachen zu orientieren und zu vernetzen, und dokumentiert Neubauten und Eigentumsstrukturen in Connewitz. Erst kürzlich überreichte sie Baubürgermeister Thomas Dienberg (Grüne) eine Petition gegen den Verkauf eines städtischen Grundstücks am alten S-Bahnhof in Connewitz. Dort plant Aldi den Bau von 75 Mikroapartments: Möblierte Luxuswohnungen – mit Quadratmeterpreisen von 16 bis 25 Euro – für Studierende und temporär Beschäftigte. 580 solcher Mikroapartments gebe es bereits im Viertel, für dessen Ausverkauf sie laut Weisbach symptomatisch seien. Auf dem Gelände des alten S-Bahnhofs fordert die Vernetzung Süd hingegen die Errichtung von Sozialwohnungen. Im September wurde die Petition mit einer Ravedemo – der »Krachparade« unter dem Motto »Keine Scheiße bauen« abgeschlossen, um Aufmerksamkeit für den »kiezinternen Widerstand« zu generieren. Die finale Entscheidung über die Nutzung des Baugrundstücks steht noch aus.


Was tun?

Für Hilfe bei Mietkonflikten empfiehlt Weisbach, vorsorglich dem Leipziger Mieterverein beizutreten (rückwirkend kann er die Verfahrenskosten nicht übernehmen), der nach einem Aufnahmestopp im Frühjahr (s. kreuzer 4/2026) wieder Kapazitäten hat. Der stelle Rechtsbeistand bereit. Auch die Stadt betreibt eine kostenfreie Informations- und Beratungsstelle im Leipziger Erwerbslosenzentrum in der Elsterpassage. Sich zusammenzuschließen und Schicksalsgefährten zu finden sei der erste Schritt. Das sieht auch Janoschka so: »Man braucht Verständnis dafür, dass das, was einem passiert, kein individuelles Schicksal ist, sondern eine Auswirkung von dem, was im System im Moment falsch läuft.«

Politisch fordert die Vernetzung Süd, die Miete auch bei der LWB zu deckeln. Trotz des vergleichsweise günstigen Bestands würden auch kommunale Mietverträge immer teurer. Was laut Angaben der LWB »vor dem Hintergrund der Preisentwicklungen zur Wahrung des wirtschaftlichen Gleichgewichtes im Unternehmen« notwendig sei, führt Weisbach zufolge beim größten Vermieter der Stadt zu einer selbst verursachten fortlaufenden Erhöhung der städtischen Vergleichsmiete. Aus Initiativensicht müsse man die Messlatte für gemeinwohlorientierte Politik weiterhin hoch ansetzen.


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