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Editorial

Der November-kreuzer ist da!

Das Editorial

  Der November-kreuzer ist da! | Das Editorial  Foto: Fotoarchiv Mittelmann, Stadtgeschichtliches Museum Leipzig/Tanja Kirmse Schreiber

»Feelings that grow stronger in the Dark

will be lost in the Light«


– Moneybrother, am 15.11. in der Moritzbastei

Wenn Künstlerinnen und Künstler ungefragt und unerwartet Dinge sagen, die man selbst seit Jahren für seine eigenen, wahnsinnig individuellen Gedanken hält, ist man immer ganz hin und weg – von sich selbst (ja eh, wegen der eigenen, wahnsinnig individuellen Gedanken) und von der Künstlerin oder dem Künstler gleich mit. Bei mir war es neulich am Literarischen Herbst-Mittwoch mal wieder so weit. Jochen Schmidt fragte von der Nato-Bühne in den Saal: »Warum klingeln nicht ständig Leute bei ihren alten Wohnungen?« Genau! Warum eigentlich nicht? 

Man könnte dann nicht nur für sich nostalgisch sein, sondern bestimmt auch schnell Verbindung zu den Nachmietern aufbauen: Tropft der Wasserhahn noch? Sind die Kinder oben drüber noch so laut? Nutzt ihr das kleine Geheimfach dort hinter dem Bild? Natürlich wäre das auch unangenehm, denn klar, man selbst würde seine ehemaligen Wohnungen schon gern mal wieder besuchen – aus dem Küchenfenster gucken, sich über die neue Wandfarbe aufregen, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, weil die Leute hier für ein logistisches Problem, das einen jahrelang in der Wohnung gestört hat, eine einfache und schöne Lösung gefunden haben. Aber Fremde in die eigene Wohnung lassen? Ich weiß ja nicht. In meinen eigenen, wahnsinnig individuellen Gedanken hatte ich deshalb über die Jahre festgelegt, dass es eine Art Feiertag im Jahr geben müsste, an dem man sozusagen klingeln dürfte. Damit es nicht ausufert und damit die, die nicht mitmachen wollen, zum Internationalen Klingelingeling-Tag (Arbeitstitel) eben einfach nicht zu Hause sein können. Wobei natürlich auch niemand zu Hause ist, wenn alle bei der Aktion mitmachen … Sie merken’s schon: Ich muss noch mal ein bisschen darüber nachdenken, vielleicht in ein paar Jahren auch mal Jochen Schmidt fragen, was bei ihm diesbezüglich so der Stand ist. 

Stefanie Wiemers Haltung zu dem Thema glaube ich zu kennen. Bei der Leipzigerin stand vor Jahren mal eine fremde Frau vor der Tür und fragte, ob sie Wiemers Wohnung sehen dürfe – ihre Großmutter habe hier einst gewohnt. Wiemer öffnete die Tür, trank mit der Frau Kaffee und tauschte E-Mail-Adressen aus. Sie recherchierte ein bisschen, einige Nachbarinnen und Nachbarn schlossen sich an – und nun gibt es seit diesem Herbst vor dem Haus vier Stolpersteine für die jüdische Familie Haliczer, der das Haus einmal gehörte und die vor den Nationalsozialisten aus Deutschland floh. Diese Geschichte über Engagement und Erinnerungskultur erzählt meine Kollegin Britt Schlehahn in der Titelgeschichte dieser Ausgabe.  

Ich wünsche Ihnen viel Freude bei der Lektüre des kreuzer – ganz besonders denen unter Ihnen, die in der Hermann-Liebmann-Straße 87 und der Wittstockstraße 11 wohnen.


Benjamin Heine 

chefredaktion[at]kreuzer-leipzig.de


Da uns für unsere Titelgeschichte keine historischen Bilder der Familie Haliczer zur Verfügung standen, haben wir uns für ein Foto auf dem Cover entschieden, das Familie Samter zeigt, genauer Alma und Julius mit ihrem Sohn Herbert, hinter dem Julius’ Schwester sitzt. Die Familie aus Reichenbach im Vogtland emigrierte später nach Palästina, lümmelt hier aber noch vergnügt auf einer sommerlichen Wiese. Es entstammt dem Archiv Mittelmann, zu dem es noch bis 4. April eine empfehlenswerte Ausstellung im Stadtgeschichtlichen Museum zu sehen gibt.


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